Aktivierende Methoden für onsite und online: Liberating Structures

Von Sarah Franke




Titelgrafik: Liberating Structure von Tracy Kelly unter CC-BY-4.0

Liberating Structures sind eine Sammlung von mehr als 33 sogenannter Mikrostrukturen. Konkret handelt es sich dabei um Methoden, die eine lebendigere und inklusivere Gestaltung von Unterricht oder Meetings ermöglichen. Durch deren Einsatz werden alle Beteiligte aktiv einbezogen. Die klaren Abläufe und Regeln der Mikrostrukturen bringen unterschiedliche Gruppen zusammen und ermöglichen ihnen, Informationen auszutauschen, Meinungen einzuholen, Konsens zu erzielen und die nächsten Schritte zu planen. Liberating Structures sind vielfältig einsetzbar, sie eignen sich beispielsweise in der Lehre zur Begleitung des Lernprozesses, können aber auch im Rahmen von Teamsitzungen oder Workshops angewendet werden.

Voraussetzung für den Wechsel in die digitale Welt

Die Liberating Structures wurden zwar als klassische Onsite-Workshopmethode entwickelt, der Wechsel in den virtuellen Raum gelingt aber gut, denn die meisten der Mikrostrukturen lassen sich mit kleinen Anpassungen auch online problemlos umsetzen.

Damit die Teilnehmenden auch online aktiviert werden, ist die Moderation sehr wichtig. Sie führt die Teilnehmenden durch die Methoden und stellt sicher, dass die Aufgaben- und Fragestellungen verständlich formuliert sind, sowie der zeitliche Rahmen bekannt ist. Ebenfalls klärt sie, inwieweit Ergebnisse oder Erkenntnisse dokumentiert werden müssen. Auf technischer Ebene ermöglicht die Moderation die Arbeit in Breakout-Gruppen und stellt Tools (Miro, TaskCards, O365-Dokumente, etc.) zum Teilen der (Zwischen-)Ergebnissen bereit.


Grafik: 1-2-4-all, Illustration Michael Cramer unter CC-BY-4.0

Besonders geeignet für den virtuellen Einsatz sind drei Liberating Structures, die nachfolgend näher beschrieben werden:

Impromptu Networking

Ziel: Sich kennenlernen und neue Verbindungen knüpfen, Herausforderungen und Erwartungen austauschen

Purpose: Mit interessanten Fragestellungen werden die Teilnehmenden direkt eingebunden, die individuelle Teilnahme wird durch das Herausfinden gemeinsamen Herausforderungen gestärkt. Persönliche Lösungsbeitrage der Teilnehmenden werden bekräftigt und ungezwungene, neue Verbindungen werden gestärkt. Schüchterne Personen können sich in der 2er-Gruppe geschützt aufwärmen.

Vorbereitung: Ein bis zwei Fragestellungen formulieren und 2er-Gruppen bilden. Die 2er-Gruppen werden zweimal durchgemischt.

Ablauf: Jede Person hat zwei Minuten Redezeit. Eine Runde dauert ca. vier Minuten. Der Wechsel wird jeweils mit einem Signal durch die Moderation angekündigt. Bei drei Runden werden also ca. 15 Minuten benötigt.

  1. Runde: Die Paare beantworten die 1. Frage.
  2. Runde: Die Paare werden gemischt. Die 1. Frage wird erneut beantwortet.
  3. Runde: Die Paare werden erneut gemischt und beantworten die 2. Frage. (Optional)

1-2-4-all

Ziel: Alle einbeziehen, um Wissen, Erfahrungen und Ideen zusammenzubringen

Purpose: Alle Teilnehmenden sind in einem geschützten Raum bei der Suche nach Antworten beteiligt und bringen sich mit ihren Gedanken ein. Die Vielfalt der Meinungen erhält dadurch Raum und auf natürliche Art und Weise wird ein gemeinsames Verständnis geschaffen.

Vorbereitung: Eine Fragestellung formulieren und 2er-Gruppen bilden.

Ablauf: Die Redezeit variiert pro Runde. Sie kann auch pro Runde erhöht werden, um den Teilnehmenden mehr Zeit zu geben. Insgesamt werden ca. 15 Minuten benötigt.

  1. Runde (1 Minute): Alleine
  2. Runde (2 Minuten): In der 2er-Gruppe
  3. Runde (4 Minuten): Zwei 2er-Gruppen werden zusammengebracht. Auftrag: Den wichtigsten Punkt/Idee/Vorschlag notieren
  4. Runde (5 Minuten): Zusammentreffen im Plenum und Dokumentation der Erkenntnisse aus der letzten Runde.

Conversation Café

Ziel: Eine inklusive und aktive Gruppendiskussion führen

Purpose: Die Teilnehmenden erfahren, dass Gespräche aus Reden und Zuhören bestehen und gewinnen dadurch ein geteiltes Verständnis darüber, wie Personen verschiedene Perspektiven und Ideen entwickeln. Es wird Vertrauen aufgebaut und Raum für neue Ideen wird geschaffen.

Vorbereitung: Thema oder Fragestellung formulieren, Gruppengrössen von fünf bis sieben Personen einteilen

Ablauf: Insgesamt werden vier Runden durchgeführt. Die ersten beiden, sowie die vierte Runde arbeiten mit dem Talking Stick (=Redeobjekt: Stein, Kunstgegenstand oder ein Kugelschreiber), d.h. nur die Person mit dem Talking Stick darf reden.

  1. Runde mit Talking Stick: Alle erzählen, was sie denken, fühlen oder tun in Bezug auf die Fragestellung. (1 Minute pro Person)
  2. Runde mit Talking Stick: Alle teilen ihre Gedanken oder Gefühle mit, nachdem sie allen anderen zugehört hat. (1 Minute pro Person)
  3. Runde: Offene Unterhaltung (mit der Option, einen Talking Stick zu benutzen). (20-40 Minuten)
  4. Runde, wieder mit Talking Stick: Alle erzählen, was sie aus den Runden «mitnehmen». (5-10 Minuten)

Nutzt ihr bereits eine dieser Methoden? Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht? Wir sind interessiert an euren Eindrücken!


Weiterführende Literatur und Ressourcen

Liberating Structures – Including and Unleashing Everyone – die offizielle Webseite der Liberating Structures von Keith Candless und Henri Lipmanowicz

Liberating Structures – Innovation durch echte Zusammenarbeit – die Webseite der deutschsprachigen Community

Für Einsteiger:innen empfiehlt sich das Buch Einfach.Zusammen.Arbeiten. mit zahlreichen Praxisgeschichten aus der Liberating-Structures-Community. Darin wird aufgezeigt, wie einfach und wirkungsvoll Liberating Structures im eigenen Kontext einsetzbar sind. Die Lektüre animiert, Mikrostrukturen im eigenen Kontext einzusetzen.


Wo nicht anders genannt, steht dieser Beitrag von Sarah Franke Digital Campus / ZHAW Departement Soziale Arbeit unter der Lizenz CC BY 4.0 (Stand 12.09.2022)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.