Orientierungshilfen und Unterstützung in komplexen Lernumgebungen

Von Stefan Andreas Keller

Bild: Unterstützung in komplexen Lernumgebungen ausbuchstabiert (Wokandapix auf Pixabay)

Als Massive Open Online Courses (MOOCs) ab 2009 von renommierten Universitäten in Kalifornien lanciert werden, wird dem Bildungsbereich eine Revolution prognostiziert: Hochschul- und Erwachsenenbildung werde dadurch jederzeit für alle verfügbar und sei nicht mehr nur jenen vorbehalten, die sich diese leisten können. Es war nicht das erste Mal, dass solche Hoffnungen geäussert wurden. Da zu diesem Zeitpunkt bestehende Plattformen wie EdX, coursera oder Futurelearn bereits sehr gut entwickelt waren, war diese Hoffnung aber zum ersten Mal berechtigt. Doch nur wenige Jahren später stellt sich eine grosse Ernüchterung ein: Die Dropout-Raten bei den angebotenen Kursen liegt bei bis zu 98%. Und diejenige, die einen Kurs abschliessen, verfügen in der Regel schon über ein hohes Bildungsniveau und Fähigkeiten zur Selbstorganisation im Internet.

Global orientierte, reine Online-Kurse wie die MOOCs mögen ein Extrembeispiel sein für Bildungsressourcen, die ein hohes Mass an technischen und selbstorganisatorischen Kompetenzen voraussetzen. Doch auch generell steigen im Hochschulbereich die Herausforderung für Lernende, sich in komplexen, zunehmend digitalen Lernumgebungen zurechtzufinden. Studieren heisst: flexibles und selbstorganisiertes Lernen, Umgang mit vielen Wahlmöglichkeiten, Einbezug verschiedener Tools und Lernsystemen im Studienalltag. Es stellt sich also die Frage, wie Lehrende Studierende konkret unterstützen können, damit diese die notwendigen Kompetenzen erwerben können.

Kriterien effektiver (Online-)Lehre

Zunächst soll der Fokus aber auf die zentralen Voraussetzungen für den Lernerfolg von Studierenden gelegt werden. Am wichtigsten ist das Engagement der Lehrenden, und zwar auch bei Lehr-/Lernsettings, die einen Mix aus synchronen und asynchronen Lernangeboten beinhalten. Die Effektivität misst sich auch daran, ob 1) Lehre gut vorbereitet und organisiert ist, 2) Möglichkeiten zur Interaktion und Diskussion angeboten werden, 3) die Lernziele klar formuliert sind und 4) Aufträge, Aufgaben und Zeitpläne präzise kommuniziert sind. Ebenso ist der Einbau von sozialem Lernen (Kollaboration und Interaktion) und Peer-Aktivitäten sehr wichtig. Je höher der Online-Anteil von Lehre, desto grösser ist die Bedeutung von sozialem Lernen. Entscheidend ist hier die Förderung eines «Sense of Belonging», eines Zugehörigkeitsgefühls zu einer Lern-Gemeinschaft. Anderenfalls ist die Gefahr hoch, dass Studierende sich ausklinken – man denke an die hohen Dropout-Raten bei den MOOCs. Eine geschickte Kombination von Lehre vor Ort und Online-Bestandteilen (Blended Learning) bietet deshalb die grössten Chancen für den Lernerfolg von Studierenden.

Unterstützung im Kompetenzerwerb

Unterstützung erhalten Studierende im besten Fall auf zwei Ebenen: Auf Ebene Hochschule können Angebote auf curricularer Ebene entwickelt werden, die den Studierenden helfen, sich die notwendigen Kompetenzen für Selbst- und Wissensmanagement und der Lernorganisation anzueignen. Dies kann z. B. in Form von propädeutischen Veranstaltungen oder freiwilligen Weiterbildungsangeboten geschehen. Auf Ebene Lehrveranstaltung fällt den Lehrenden eine Schlüsselrolle zu, entsprechend ist auch ihr Kompetenzerwerb wichtig. Nebst digitalen Skills braucht es Wissen darüber, wie die eigene Lehre diversifiziert werden kann und wie mit Rollenveränderungen umzugehen ist – wenn also zur Wissensvermittlung auch Aufgaben wie Begleitung, Coaching oder Beratung dazukommen. Idealerweise zeigen Weiterbildungsangebote auch konkrete Massnahmen auf Ebene «Lehrveranstaltung» auf, um Studierende beim Lernen zu unterstützen. Mit Fokus auf Online-Unterricht könnten dies folgende Massnahmen sein:

Barrieren reduzieren

  • eine bekannte und zuverlässige technische Infrastruktur (z. B. das hochschuleigenen Learning-Management-Systems (LMS), an der ZHAW ist das Moodle) wählen
  • beim Einsatz neuer Instrumente exakte Anleitungen anbieten
  • zwischen synchronem (vor Ort oder online) und asynchronem Unterricht abwechseln

Bewusstsein für die eigene Lernumgebung und Lernorganisation fördern

  • in asynchronen, selbstorganisierten Lerneinheiten, klare Anweisungen mit Deadlines und Beispielen für konkrete Zeitpläne geben
  • darauf hinweisen, dass die Verwendung von Smartphones für die Teilnahme am Unterricht ungünstig ist
  • Studierende auffordern, für einen Lernkontext ohne Störungen von aussen zu sorgen

Lernorganisation unterstützen und Support gewährleisten

  • für Online-Aktivitäten Randzeiten nutzen oder – falls nicht möglich – alternative Zeitfenster anbieten
  • Diskussionsforen oder Chats bereitstellen, um Fragen niederschwellig beantworten zu können
  • Peers als Unterstützung mitdenken, z. B. in Form von studentischen Hilfskräften, Tutor:innen, Coaches oder auch von besonders aktiven und/oder erfahrenen Studierenden

Engagement in synchronen Meetings fördern

  • vor synchronen Meetings Studierenden Aufträge zur individuellen und/oder kollaborativen Bearbeitung zukommen lassen, diese Aufträge im Meeting aufgreifen
  • in Meetings interaktive Phasen (z. B. mit Break-Out-Rooms) in Abwechslung mit stiller Einzelarbeit anbieten
  • interaktive Classroom-/Assessment-Tools wie Mentimeter, Klicker oder Kahoot nutzen
  • Feedback am Schluss des Meetings (muddiest point, offene Fragen etc.) einholen

Möglichkeit von Selbsteinschätzungen und Flexibilität in der Aufgabenwahl anbieten

  • Selbsttests (z. B. in Form von Einschätzung der eigenen Kompetenzen, Selbstreflexionsaufgaben oder Checklisten) zur Verfügung stellen
  • darauf basierend unterschiedliche Lerninhalte oder Flexibilität bei der Wahl von Aufgaben (unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, je nach Erfahrung und Wissen der Studierenden) anbieten

Kollaboration und Peer-Assessment einbauen

  • Studierenden die verschiedenen Formen von Gruppenarbeit und -rollen vorstellen und Feedbackregeln kommunizieren
  • Tools nutzen, die die Zusammenarbeit fördern (Padlet, Task Cards oder Miro)
  • Methoden nutzen, die die Zusammenarbeit fördern (problemorientiertes Lernen [Problem-based Learning PBL] oder Design Thinking)

Die aufgeführten Tipps können beim Lehren und Lernen natürlich unabhängig von der Unterrichtsgestaltung immer beachtet werden, der Fokus variiert hingegen je nach Setting. Uns interessiert: Welche Massnahmen nutzt ihr in eurer Lehre regelmässig?

Links

Ernüchterung über Moocs: https://taz.de/Massive-Open-Online-Courses-in-der-Krise/!5213219/

„Blended Learning: Empowering Students for Success in the Digital Age“. Zugegriffen 15. Oktober 2022. https://www.pdcourses.net/pdc-news.php?b_id=17&u=blended-learning.

Vogt, Kristen. „How Student Empowerment Drives Blended Learning and Other Tips from Experts in the Field“. The Hechinger Report, 22. März 2016. http://hechingerreport.org/how-student-empowerment-drives-blended-learning-and-other-tips-from-experts-in-the-field/.

Schlagwörter: Tipps

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