Gabriel Otth hat während dem Ausnahmesemester sein Bachelorstudium Facility Management an der ZHAW Life Sciences und Facility Management beendet. Im Interview erzählt Gabriel, wie er sich im letzten Semester organisiert hat und was er für seine künftige Berufstätigkeit daraus mitnehmen wird.

Hoi Gabriel, sag wie war das letzte Semester so für dich? Was hast du unter diesen ungewöhnlichen Umständen erlebt?

Das letzte Semester war definitiv anders als die vorangegangenen fünf! Vor allem auf Grund dessen, dass ich vorher fast 90% meiner Arbeits- und Lernzeit während dem Studium an der ZHAW verbracht habe und nicht zu Hause. Ich wohne eine Viertelstunde vom Campus entfernt und war deshalb auch teilweise von Montag bis Samstag, manchmal sogar auch mal an einem Sonntag an der Fachhochschule. Aus dieser Sicht war das eine ziemlich grosse Umstellung für mich. Ich denke das war für alle auf irgendeine Art und Weise eine Veränderung, aber die meisten haben das gut gemeistert. Nebst der geografischen Veränderung war natürlich auch das soziale Umfeld um meine Mitstudierenden merkbar anders.

Dann hast auch du in dem Fall die Bachelorarbeit von zu Hause aus geschrieben? Wie sah dabei dein Tagesablauf und -struktur während des Lockdowns aus?

Ja genau! Ich habe meine Abschlussarbeit zu Hause geschrieben. Strukturell ging es eigentlich relativ ring. Als das ganze losging, habe ich mir von Anfang an meinen Tagesablauf aufgestellt und beibehalten. Ganz grob war mein Tag in zwei Blöcke aufgeteilt: morgens und abends. Das heisst, ich bin zwischen 6:30 Uhr und 7:00 Uhr aufgestanden, habe Sport gemacht und anschliessend meine Vorlesungen besucht. Diesen Ablauf habe ich grundsätzlich beibehalten und entsprechend war ich auch an allen Vorlesungen anwesend. Da ich so viel auf dem Campus war, trennte ich das private und studentische Leben an der ZHAW streng, was ganz klar ein Vorteil war für mich. Mein zu Hause ist dort, wo ich entspanne, Ruhe finden kann und auch zum Beispiel meine Eltern sind. An der ZHAW schaltet das Hirn dank der geografischen Distanz automatisch in eine Art Lernmodus um. Deshalb hatte ich mit der Umstellung anfangs doch noch etwas Mühe. Daher wusste ich nie so genau, wie sich die Situation entwickeln würde, was genau da auf mich zukommt und ob der Hochschulbetrieb dann auch wirklich digital so abläuft, wie man sich das vorgestellt hat. Schlussendlich hat es sich dann aber eingependelt. Ich hatte zudem plötzlich mehr Zeit zur Verfügung, da beispielsweise der Reiseweg an die ZHAW weggefallen ist. So hat sich die neue Situation nach und nach eingependelt und es war sozusagen alles in Ordnung. Doch bald folgte die Prüfungsphase. Da habe ich dann schon gemerkt, dass das lange und teils auch monotone Lernen angefangen hat zu bedrücken. Ich hatte auf Grund der Absolvierung von mehr Fächern im fünften Semester das Privileg, im sechsten Semester «nur» zwei Fächer zu lernen und die Bachelorarbeit zu schreiben. Dort habe ich dann gemerkt, dass ich sehr viel Zeit zur Verfügung hatte und fühlte mich von Zeit zu Zeit wie in einer Art «Leerlauf». Man macht dann jeden Tag das gleiche – ganz speziell die letzten zwei bis drei Wochen! Mit der Abgabe der Bachelorarbeit ist dann aber bereits eine sehr grosse Hürde genommen. Natürlich habe ich gelernt und habe mich auch gut vorbereitet für die zwei Prüfungen, aber man kommt an einem gewissen Punkt in einen Alltagstrott. Im Nachhinein bin ich der Meinung, dass ich mir teils mehr Freizeit hätte gönnen oder zumindest die Tagesstruktur vom März beibehalten können, die meinen Lernprozess eventuell unterstützt hätte.

Summa summarum verlief die Situation aber gut! Die Prüfungen gingen gut zum online Schreiben, auch wenn es ungewohnt war. Man bekam einen Link und eine Zeitangabe, worüber man sich entsprechend online eingeloggt hat. Während dem ganzen Prozess war man sich nicht sicher, ob man alles richtig macht bezüglich des Einloggens und korrekten Abgabe der Online-Prüfung.

Hattest du zu Hause deine eigene Lern-Ecke? Wie sah dein Arbeitslatz denn aus?

Ganz am Anfang war ich in meinem Schlafzimmer. Das war ganz normal ausgerüstet mit einem Bett, Gestell und einem Bürotisch. Dort habe ich anfänglich gestartet zu lernen und dort hat sich auch mein ganzes Equipment befunden.

Der Arbeitsplatz für die zwei ersten Monate des Lockdowns von Gabriel Otth, zu Haus im Schlafzimmer (Otth, 2020)

Nach etwa zwei Monaten bin ich dann an den Esstisch «umgezogen». Dieser ist um einiges grösser und da scheint noch mehr Sonne ins Zimmer. Es war viel heller mit dem Tageslicht und ich konnte auch sehr gut kurz mal auf die Veranda raus, um meinen Kaffee an der frischen Luft zu trinken.

Generell habe ich momentan sehr viel Platz zur Verfügung, da meine Schwester ausgezogen ist und meine Eltern tagsüber selten zu Hause sind. Ich habe sozusagen ein ganzes Haus für mich, daher konnte ich überall arbeiten, wo ich wollte. Ausserdem hätte ich auch zum Lernen zu Freunden gehen können, habe mich dann aber schlussendlich auf Grund der ausserordentlichen Situation in meinen eigenen vier Wänden doch am wohlsten gefühlt. Nichtsdestotrotz hatte ich sehr viele Optionen, um zu arbeiten.

Was für Equipment hattest du? Wie warst du eingerichtet?

Grundsätzlich war mein Arbeitsmittel der Laptop. Ich bin mit einem MacBook/Surface und meinem iPad sehr gut ausgerüstet. Diese Hardware habe ich in verschiedenen Kombinationen mit diversen Aufgaben benutzt und ausprobiert, was für mich am besten ging. Ausserdem habe ich mit vielen neuen Apps und Programmen experimentiert, die mich beim Einrichten meines digitalen Arbeitsplatzes unterstützten.

Wir haben während dem Studium am IFM ohnehin fast ausschliesslich digital gelernt. Viele Aufträge oder Arbeiten wurden in PDF-Form abgegeben oder online hochgeladen. Da hat sich durch Corona nicht viel verändert; der digitale Aspekt ist geblieben. Ausser die Bachelorarbeit, diese habe ich für die Korrektur dann zweimal in Papierform ausgedruckt.

Was waren im letzten Semester die grösseren Herausforderungen für dich?

Eine grosse Challenge war für mich, einen gewissen Tagesrhythmus beizubehalten. Ich bin mir normalerweise gewohnt, morgens aufzustehen, in die Schule zu gehen, die folgenden acht bis neun Stunden an der ZHAW zu verbringen und dann vielleicht nochmal eine Stunde zu Hause zu lernen. Genau dieser Rhythmus hat mir ein wenig gefehlt und ich musste ihn mir auf eine Art neu antrainieren. Ich war schon einmal in einer ähnlichen Situation während meiner gymnasialen Matura, in der ich mir neue Tagesabläufe aneignen und im Selbststudium lernen musste. Deshalb war es mir nicht ganz fremd. Nichtsdestotrotz war der grosse Unterschied von damals zu heute ganz klar die vorherrschende Unsicherheit bezüglich Abläufe, dem Abschluss, das Lernen, dem Umgang mit digitalen Medien und auch die Kulanz des Umfelds in dieser neuen Situation für alle. Falls etwas auf Anhieb nicht funktioniert hat, stiess man auf Reaktionen wie: «Ist doch nicht so schlimm, dann probieren wir es einfach auf einem anderen Weg!». Mit etwas Unterstützung und Hilfe ist man dann irgendwann reingekommen. Man stiess auf grosse Hilfe, Unterstützung und ein grosses Kulanzwesen. Diese Haltung hat den Übergang in diese neue Situation bedeutend vereinfacht.

Gab es für dich auch positive Aspekte oder sogar Vorteile des Home-Office?

Trotz der anfänglich geminderten Produktivität war ich dennoch imstande, fast gegen Ende des Lockdowns meine Produktivität wieder auf ein top Niveau hochzufahren. Ich hatte mich eigentlich schon wieder an ein «neues Normal» gewöhnt. Es war auch sehr interessant und lehrreich zu sehen, dass es Leute gab, die es bereits vor Corona gemeistert haben, ausschliesslich im Home-Office oder unterwegs zu arbeiten. Das war eigentlich ein guter Moment, es ebenfalls auszuprobieren und zu schauen, ob es für einen selbst in der Zukunft auch passen würde oder eher nicht. Ich hatte auch entsprechend viel Zeit, darüber nachzudenken. Mich beschäftigte auch die Frage, ob ich in Zukunft je einen Job ausüben möchte, in dem ich zu einem Grossteil auch von zu Hause aus arbeiten könnte. Dies kann ich nun nach meiner Erfahrung aber mit einem klaren Nein beantworten, da mir der soziale Austausch mit Freunden und Arbeitskollegen wichtig ist. Das ist sicherlich etwas sehr Positives, dass ich dies jetzt weiss, dass ich zukünftig auf Dauer nicht ausschliesslich so arbeiten möchte.

Natürlich muss ich auch sagen, dass ich viel mehr Zeit mit meiner Familie verbringen konnte als vorher. Wir haben uns bedeutend mehr gesehen, ganz speziell meine Eltern. Dabei haben wir ab und zu gekocht und gemeinsam zu Abend gegessen. Manchmal ist auch meine Schwester vorbeigekommen. Also der familiäre Austausch hat bei uns zu Hause sehr zugenommen in dieser Zeit. Ich habe auch beobachtet, dass ich vertiefter meine sozialen Kontakte gepflegt habe.

Was hast du gemacht, um mit der Situation umgehen zu können? Hast du etwas Neues gelernt oder ausprobiert? Bananenbrot gebackt zum Beispiel?

Also das Kochen habe ich immer noch nicht gelernt (lacht)! Aber ich glaube ein grosses Learning für mich war, dass diese Zeit vorbei geht, dass diese Situation alle getroffen hat und man muss sich irgendwie versuchen zu arrangieren. Ich bin schlussendlich selber für meine Zeit verantwortlich. In meinem Umfeld kenne ich einige Leute, die damit wirklich Mühe hatten und sich nur suboptimal organisieren konnten und mit der Zeit ein gewisses Einsamkeitsgefühl entwickelten. Da kann man als Aussenstehender nur versuchen, gut zu zureden und Unterstützung anzubieten. Das war für mich persönlich wirklich ein grosses Learning, dass man auch in solchen Situationen über sich hinauswachsen kann.

Rein organisatorisch und vom Ablauf her hat sich am Schluss so ziemlich das widergespiegelt, was ich vor sechs Jahren während meiner Matura im Selbststudium schon durchgemacht habe. Ich war ja in einer sehr ähnlichen Situation damals und musste auch den ganzen Tag lang lernen. Jetzt habe ich eigentlich ein ‘re-learning’ oder sozusagen eine Lernschlaufe durchlebt und bin nochmal in diesen Loop reingekommen. Es gab einige Elemente in beiden Situationen, die sehr ähnlich waren und die ich auch selber als kohärent wahrgenommen habe. Natürlich war ich vor sechs Jahren noch auf einem anderen mentalen Level und auch etwas jünger. Aber ich habe beobachtet, dass es mir etwas leichter fiel als anderen, da ich viele Muster von damals wiedererkannt habe. Zusammengefasst ist es einfach wichtig, dass man abends auch mal sagen kann: «Let’s call it a day.», und man dann aber auch aufhört zu arbeiten, abschliesst und die verdiente Freizeit geniesst. Bezüglich meinem Lernverhalten würde ich jetzt nicht besonders viel anders machen. Ich habe schon immer sehr viel und gerne gelernt. Diese Eigenschaft möchte ich auch gerne beibehalten. Der einzige Unterschied ist, dass ich jetzt bedeutend mehr digitale Tools nutze, die ich ausprobieren und mit denen ich arbeiten kann.

Gibt es Tipps und Tricks, die du anderen mit auf den Weg geben würdest?

Also ich würde als allererstes Netflix de-abonnieren (lacht)! Ich würde mich in einem ersten Schritt nicht versuchen mich zu «zwingen», acht volle Stunden lang intensiv zu lernen und nur dazu zu nutzen. Viele Studienkollegen haben am Anfang vielleicht das Gefühl gehabt, dies so machen zu müssen, um denselben «Drive» wie an der ZHAW beibehalten zu können. Sobald man aber in einer solch neuen Situation wie Corona ist, ändert sich schlagartig vieles. Man merkt mit der Zeit, dass man auch mal ganz gut mit fünf oder sogar vier Stunden Lernen am Tag sehr effizient sein kann. Es lohnt sich in solchen Momenten, auf die digitalen Tools zurückzugreifen und diese auszuprobieren. Ein klassisches Beispiel ist hierbei die Interviewtranskription. Zu diesem Thema gibt es mittlerweile unzählige Tools, die diese doch eher aufwändige Arbeit bedeutend vereinfachen. Es sind viele Kleinigkeiten, die man ausprobieren sollte und sehen, ob es etwas für einen ist oder nicht, im Sinne von «Try and Error». Ich denke aber schlussendlich auch, dass das Wichtigste das soziale Umfeld ist. Dieses sollte man auf jeden Fall pflegen und aufrechterhalten.

Was nimmst du aus diesem speziellen «Corona-Semester» für dich mit in die Zukunft?

Auf jeden Fall nehme ich mit, dass ein Setting teilweise an der Uni und partiell zu Hause, definitiv Potential hat. Ich bin mir aber auch sicher, dass sich ein gewisser Teil der Hochschulwelt noch weiter digitalisieren wird. Gegen diesen Wandel oder Veränderung kann und sollte man nicht gegensteuern. Ich begrüsse es jetzt nicht unbedingt und finde immer noch, dass Kontaktunterricht wichtig ist. Nichtsdestotrotz hat sich gezeigt, dass es wirklich viel neue Methoden gibt, zu unterrichten. Es ist für die Dozierenden als auch Studierenden nicht einfach, vier Stunden lang vor dem Laptop zu sitzen. Oftmals ist man leider schon nach kurzer Zeit mit den Gedanken abgeschweift. Aber dies ist nicht immer der Fall. Grösstenteils durfte ich den Unterricht bei Dozierenden erleben, die den Unterricht sehr interaktiv gestaltet haben. Mit Aktivitäten wie «Breakout-Sessions» oder persönlichen Gesprächen und Diskussionen in den Vorlesungen wurde die Interaktivität gewährleistet. Das hat sich auch so gezeigt und den Unterricht ein Stück weit auch transformiert. Ich bin sehr gespannt darauf, wie das im September dann wird!

Welche Erwartungen hast du an die ZHAW? Was könnten sie in Zukunft besser machen?

Was sie bestimmt nicht besser machen können, kann ich gleich sagen: Sie haben sehr schnell auf die neue Situation reagiert und die Umstellung auf Online-Vorlesungen verlief sozusagen problemlos. Sie haben innerhalb einer Woche das ganze digitale Medium aufgebaut, was wirklich super ist! Was sie vielleicht machen könnten oder während dem Lockdown hätten machen können, wäre eine Rangliste wie «Best Application for remote Work» oder ähnliches. Was ich auch noch schön gefunden hätte, wäre ein grosses «Online-Get-Together» gewesen, in dem man auch nebst der Studienthematik auch ein wenig die individuellen privaten Situationen hätte einbringen können. Aber im Grossen und Ganzen gibt es nicht viel Optimierungspotential bei uns am Institut; Sie haben wirklich vollen Einsatz für uns Studenten gezeigt. Sie haben die ausserordentliche Corona-Situation dazu genutzt, um das ganze praktische Umfeld, worin viele von uns später arbeiten werden, gleich auf unser Studium anzuwenden!