Nicolin Gauler ist Masterstudent in der Vertiefung Applied Computational Life Sciences an der ZHAW Life Sciences und Facility Management. Nicolin erzählt im Interview, wie er während dem Ausnahmesemester seinen zweiten Masterabschluss angeht, am Universitätsspital Zürich arbeitet und nebenbei ein Startup gründet. Und nun überlegt, ob er noch doktorieren soll.

Ciao Nicolin, erzähl mal wie es für dich im vergangenen Semester in dieser speziellen Lage war und wie es dir so erging.

Mir ging es generell sehr gut. Die Umstellung auf digital kam sehr schnell. Aber das war für mich kein Problem, da ich schon immer eher so als konventionell gelernt habe. Daher hatte ich nicht besonders Mühe damit. Zudem studiere ich Teilzeit an der ZHAW, weshalb es bei mir nur ein kleineres Pensum von knapp zwei Tagen betraf. Aber am stärksten habe ich Veränderungen in der Phase wahrgenommen, in der ich an einem Projekt im Rahmen des Hackathon «VersusVirus» anfangs April mit Mitstudenten der ZHAW teilgenommen habe. Der 48 Stunden Sprint hat sich mit Herausforderungen rund um Covid19 befasst. Daraus entstand unser Fokus auf das Problem, dass Krankenhäuser keine automatisierte Echtzeit-Überwachung für das Ressourcen Management rund um die Intensivpflegeplätze haben. Wir haben dann das Konzept CareFinder ausgearbeitet und mit einem Prototypen getestet. Aus diesem Projekt heraus habe ich mich vor rund zwei Monaten entschieden, parallel zum Studium, ein Startup zu gründen und mich selbstständig zu machen. Folglich habe ich das Studium etwas limitierter mitverfolgt. Es war trotzdem sehr gut machbar, da das Studium Teilzeit ist. Ich hatte zu Beginn des Projekts noch eine Anstellung am Unispital, weil mir dann diese Stelle, aufgrund der Corona Situation, gekündigt wurde, gab mir dies die ganze Kapazität, um mich dem Start-Up Projekt voll und ganz zu widmen. Ich bin zwar jetzt offiziell alleine an diesem Projekt dran, habe gute Unterstützung von einem breiten Advisory-Board, wurde kürzlich auch von der ZHAW am «RUNWAY Incubator» in Winterthur angenommen. In diesem Programm werden Startups mit verschiedensten Coachings und Trainings, sowie Co-Working Infrastruktur, je nach Bedürfnis, unterstützt.

Zusammengefasst ist es das, was ich die letzten zwei Monate gemacht habe. Es ist zwar alles aus dem Studium heraus entstanden, aber eigentlich war es das Projekt und die damit zusammenhängende Startup-Entwicklung, was mein Semester bestimmt hat. Dies wird meine kurz bis mittelfristige Zukunft beeinflussen und begleiten. Ohne das Studium und die geknüpften Kontakte im Studium hätte sich dieses Projekt nicht ergeben.

Du warst ja zwei Tage die Woche im Studium eingebunden. Wie hat sich die von Corona beeinflusste Realität auf deine Tagesstruktur ausgewirkt?

Zu dieser Zeit war ich noch kurz vorher zu 40% Teilzeit im Universitätsspital angestellt. Während der Corona Zeit, also Mitte März bis Ende April, konnte ich mein Pensum auf 80% erhöhen. Durch das erhöhte Arbeitspensum habe ich die Kurse, in Absprache mit meinen Vorgesetzten, oftmals an meinem Arbeitsplatz im Universitätsspital nachverfolgt. Ich durfte dort die Infrastruktur nutzen, um mein Studium nachzuverfolgen. Somit war ich möglichst schnell im Krankenhaus wieder verfügbar, wenn sie mich brauchten. Teilzeit war ich im USZ und der Rest der Zeit war ich zu Hause und habe aus dem Home-Office gearbeitet. Das waren eigentlich meine beiden Arbeitsplätze.

Der Arbeitsplatz zu Hause in der WG von Nicolin Gauler (Gauler, 2020)

Wie können wir uns denn deine Arbeitssituation im USZ vorstellen? Hast du einfach deinen Laptop ins Spital mitgenommen?

Ich hatte vor Ort einen Arbeitsplatz mit zwei Bildschirmen und habe meinen privaten Laptop dabei. Je nachdem, welches Fach oder was ich zu tun hatte, habe ich zum Beispiel meinen Laptop Bildschirm geteilt und ein anderes Gerät zum Notizen oder Codes erstellen gebraucht. Hauptsächlich habe ich aber meinen Laptop benutzt.

Der flexible Arbeitsplatz auf Abruf von Nicolin Gauler im Universitätsspital Zürich (Gauler, 2020)

Bist du vor weiteren bestimmten Herausforderungen im letzten Semester gestanden? Hat dir etwas gefehlt oder hast du etwas als besonders schwierig empfunden?

Was mir am meisten gefehlt hat, war der direkte Austausch mit meinen Mitstudierenden und den Dozenten. Natürlich gab es auch Möglichkeiten, in Chats oder in Videoanrufen zu sprechen. Nichtsdestotrotz haben mir die kleinen menschlichen Dinge, wie zum Beispiel in der Pause gemeinsam an der frischen Luft einen Kaffee zu trinken, doch sehr gefehlt. Tage, an denen bestimmte Fächer von neun bis vier gehen, sind schon sehr fordernd. Ganz speziell, wenn man den ganzen Tag zu Hause ist und Pausen im Endeffekt auch wieder alleine verbringt. Das war nicht besonders amüsant und erschwerte somit umso mehr, die Motivation über sechs oder sieben Stunden lang im Unterricht aufrecht zu erhalten. Knapp den ersten Monat hatten wir noch Vorlesungen an der FHNW in Olten. Das war natürlich etwas völlig anderes. Dort konnte man nach spätestens ca. 45 Minuten immer mit jemandem sprechen, war draussen oder einfach von Menschen umgeben. Fachlich war es eigentlich nur von Vorteil, ganz speziell der technische Aspekt und die damit erschaffenen Möglichkeiten. Das haben die Dozenten wirklich sehr gut gemacht und super umgesetzt.

Zudem müsste ich hier noch kurz ergänzen, dass ich zwar alle Module besucht habe, aber die Prüfungen aus diesem Semester verschoben habe. Ich habe einfach meine Prioritäten auf das Startup legen wollen. Da war ich transparent und habe natürlich entsprechend mit meinen Dozenten kommuniziert. Dies ist mein zweiter Master und ich habe diesen ausschliesslich aus intrinsischer Motivation, Interesse, und um mich mehr in Data Science einzugeben, angefangen. Entsprechend ging es mir nie nur darum einen Abschluss zu machen, sondern mehr darum, mein Wissen zu erweitern, den Fokus so zu legen, wie es für mich stimmt, und um den akademischen Austausch zu haben. Mittlerweile ziehe ich auch in Erwägung ein Doktorat anzuhängen, da ich mich nicht zu weit weg vom akademischen Forschungsbereich weg entwickeln will. Daher fand ich dieses Studium eine gute Möglichkeit, einen Fuss drin zu lassen, weiter meine Kontakte aufzubauen und à jour zu bleiben.

Gab es für dich auch Vorteile an dieser Corona-Situation?

Ja, Vorteile gab es ganz klar! Alle, vor allem Dozierende, mussten sich mal mit den digitalen Plattformen auseinandersetzten. Ganz speziell sind das wahrscheinlich auch eher die älteren Generationen, die sich in den letzten Jahren wenig mit der Digitalisierung befasst haben und damit auch etwas mehr Mühe hatten. Ich glaube, diese Situation war trotzdem sehr wertvoll, dass verschiedene Leute gelernt haben, mit diesen flexiblen Möglichkeiten umzugehen. Vielleicht beeinflussen diese neuen Erkenntnisse, nicht nur das Studium, sondern grundsätzlich die akademische Arbeitsweise. Allenfalls reicht es so weit, dass sich die verantwortlichen Personen in diesem Zusammenhang öfter fragen, ob es wirklich notwendig ist, dass man eine physische Sitzung oder eine Konferenz hält. Also hinterfragt, ob es bedingt, dass Leute aus allen Erdteilen irgendwohin reisen «nur» um sich auszutauschen. Vielleicht gibt es auch Möglichkeiten, statt bei jedem Anlass physisch dabei zu sein, die Zusammenkünfte einmal physisch und einmal virtuell durchführt. Ausserdem wäre es hinsichtlich der Auswirkungen auf die Umwelt, für die akademische Welt ganz bestimmt ein weiterer Bonus. Schliesslich haben jüngste Ereignisse ja gezeigt, dass es auch so geht. Selbstverständlich ist der zwischenmenschliche Kontakt unersetzbar, wichtig und sollte auch nicht vernachlässigt werden. Nichtdestotrotz denke ich, dass es hier trotzdem viel Potential gibt, wo man alles so ausbalancieren kann, damit sich beides potenzieren kann.

Was sind deine wichtigsten Learnings aus der Corona-Zeit? Hast du etwas getan, das dir half mit dieser Situation besser umgehen zu können? Nimmst du etwas mit?

Dadurch, dass ich zu Hause war, hatte ich viel Zeit, mich um andere Dinge zu kümmern. Ich habe sehr viele Sachen entdeckt, die ich sonst nie gemacht hätte.

Wie zum Beispiel?

Ich habe meine Wohnung total begrünt, mir eine kleine Liegelounge auf dem Balkon gebaut, Sachen auseinander gebaut und upcyclet. Einfach alles Dinge, für die ich sonst nie oder sehr wenig Zeit (zu Hause) hatte, weil ich viel draussen war, mich mit Freunden getroffen habe, und am Arbeiten war. Also mir war nie langweilig, noch habe ich je sagen müssen, dass ich mich eingesperrt fühle. Natürlich habe ich auch noch das Glück, dass ich einen Balkon habe, der relative ruhig gelegt ist. Ehrlich gesagt, war für mich diese Phase eigentlich eine der besseren Zeiten.

Der Lerneffekt, den ich durch das Studium und diese Plattformen wie zum Beispiel MS Teams, Zoom, usw. erfahren durfte, hat mir bei der Weiterentwicklung des Startups und des Netzwerkes selbstverständlich enorm geholfen. Im Endeffekt war es «nur» ein Transfer von einem zum anderen Thema, denn die digitalen Hilfsmittel blieben dieselben. Die ganzen Kontakte, die ich in den vergangenen Monaten aufgebaut habe, waren 95% digitale Begegnungen. Ich habe diese Leute noch nie physisch gesehen und es funktioniert. Man kann auch so das Vertrauen aufbauen, eine offene und direkte Kommunikation führen. Das empfinde ich als etwas sehr Schönes und Wichtiges, dass solche Dinge möglich sind und viele Menschen diese Erfahrung machen durften. Man schätzt den Stellenwert eines physischen Treffens oder die menschliche Interaktion auf diesem Weg noch viel mehr und realisiert vielleicht aber auch, dass dies nicht so selbstverständlich ist, wie man es die letzten Jahre annahm. Ultimativ hat sich für manche Menschen auch das Bewusstsein verändert, wie man mit gewissen Menschen umgeht, egal, ob das jetzt jemand aus der Geschäftswelt ist oder irgendjemand auf der Strasse. Ich finde das sehr interessant, dass es auch für mich psychologisch eine Erkenntnis ergab. Heute habe ich einen viel bewussteren Umgang mit meinen Mitmenschen. Unabhängig davon, ob man von seinem Gegenüber etwas braucht oder nicht. Sondern dass man gemeinsam eine Umgebung teilt, sollte schon genug sein, dass man einem anderen Menschen Wertschätzung entgegen bringt. Diese Zeit hat mir diesbezüglich als Lerneffekt gedient und ich hoffe, dass das auch bei anderen Menschen etwas vermittelt hat, das sich nachhaltig für unsere Gesellschaft weiterbildet. Genau für solche Gedanken hatte ich viel Zeit und habe mir diese gerne genommen.

Was nimmst du aus dieser speziellen Zeit mit für die Zukunft? Gibt es etwas, das du dir von der ZHAW für die Zeit nach Corona, dem «neuen Normalzustand», wünscht?

Ich glaube an das Potential dieses Pilotsemesters, in dem alles digital war. Für die nahe Zukunft sollte diese Phase evaluiert und in Rücksprache mit Dozenten, Professoren und den Studenten möglichst gut analysiert werden. Die digitalen Erfahrungen der involvierten Parteien im vergangenen Semester bilden dann das Grundgerüst für die Umgestaltung des alltäglichen Unterrichts und sollte auch in die Semesterplanung einfliessen.

Man sollte anfangen solche Vorteile zu nutzten und zu schätzen wissen, dass beispielsweise die Leute nicht mehr von ihrem Standort abhängig sind. Das ist ebenfalls ein Faktor der entscheidet, ob jemand studieren kann/will oder nicht. Für viele ist es teilweise eine grundlegende Entscheidung, ob sie das Studium an spezifischen Universitäten aufgrund Distanzen und der Wohnsituation aufnehmen, denn es ist meistens stark abhängig von finanziellen Mitteln. Das beeinflusst entweder die Bereitschaft zum Pendeln oder zum mehr Miete in grossen Städten zu bezahlen.

Ich bin der Meinung, dass das Bildungssystem mit den technologischen Möglichkeiten noch viel inklusiver und gleichberechtigter werden kann. Ganz speziell für Menschen, die nicht dieselben Voraussetzungen von Haus aus mitbringen wie andere. So könnten auch finanziell Schwächere genauso gut an einem Studium teilhaben, wie jemand der sich über die finanziellen Mittel wenig bis gar keine Gedanken machen muss. Hier können diese Erkenntnisse wirklich genutzt werden, um die Zugänglichkeit von Ausbildungsstätten der Tertiärstufe sicherzustellen.

Was sicher auch ein weiterer Verbesserungsvorschlag wäre, ist der Prüfungsmodus in den einzelnen Studiengängen. Vielleicht könnte man darauf schauen, dass man mehr und vor allem besser koordinierte Möglichkeiten den Studierenden dabei bietet. Ich habe diesen Punkt nun oft in meinem Umfeld von Mitstudierenden gehört. Anscheinend war oft weder der Prüfungsmodus klar, noch wie die Prüfung aufgebaut oder der genaue Ablauf ist. Für genau solche Erfahrungen wäre ein standardisiertes Protokoll sehr von Vorteil. Darin könnte jede Universität sicher einmal die Grundbedingungen schaffen und nachher in einem föderalistischen Prinzip jedes Departement eigenständig umsetzen lassen. Ich fände das sehr wichtig, dass das mit einer sehr hohen Transparenz passiert, so dass Studenten von Anfang des Semesters schon wissen, wie die Prüfungsarten aussehen.

Selbstverständlich sollte man das jetzt natürlich nicht als Vorwurf aufnehmen, da dies das erste Mal für alle Involvierten war. Nichtdestotrotz bin davon überzeugt, dass man voneinander lernen kann, wenn man zusammensitzt. Die Chancen stünden am besten, wenn man innerhalb der einzelnen Departemente ein Gremium bilden würde, das sich mit der Digitalisierung an der Ausbildungsstätte auseinandersetzt. Das gemeinsame Arbeiten mit Studenten, Dozenten und Studentenvereinigungen an Zielvorgaben, die einen möglichst transparenten Prozess erarbeiten, der ultimativ für alle Beteiligten mit der besten oder zumindest angenehmsten Situation endet. Das wären meine Erwartungen an die ZHAW: dass sie da Nägel mit Köpf machen.

Schliesslich rühmt sich die ZHAW auch mit dem Digitalen, vor allem unser Studiengang, der genau für die Nachfrage der Digitalisierung konzipiert wurde. Und trotzdem ist das Studium noch sehr analog unterwegs. Beispielsweise musste ich ganz am Anfang des Studiums alle Studienvereinbarungen und Formulare analog ausfüllen. Natürlich konnte ich die Unterlagen auch via PDF ausfüllen aber das war auch nicht wirklich sehr vorteilhaft. Ich musste meine zuvor gesammelten ECTS Punkte alle einzeln eintragen, von Hand zusammenzählen, mich durch diese Seiten durchkämpfen und habe mich gefühlte 100 Mal verrechnet. Es ist nicht nur sehr wichtig, hoch gesteckte Ambitionen zu haben, man sollte auch diese kleinen Schritte machen, um einen Prozess ganzheitlich digitalisieren zu können. Es fängt immer dort an, wo die Leute tagtäglich durch einen gewissen Prozess durchmüssen. Das sind ja schliesslich Menschen, die in der Studienkoordination arbeiten, aber auch Professoren, Dozenten und Studenten, die von einem vereinfachten Prozess profitieren würden. Ich finde schon, dass das etwas ist, das die ZHAW zukunftsorientiert und noch mehr wirtschaftsaffin machen würde. Ich habe die ETH vorher erlebt. Das sind zwei völlig unterschiedliche Arten, eine Institution zu führen und akademische Bildung zu vermitteln. Das Eine sehr auf Grundlagenforschung und theoretisches Wissen basiert und das Andere hat eher den direkten Bezug zur Wirtschaft. Dementsprechend finde ich, trotz agileren Strukturen, sollte die ZHAW auf solche Bedürfnisse schneller eingehen können. Da kommt vielleicht auch die Herausforderung, dass die ZHAW eher wie ein Unternehmen gemanagt wird, als wie eine Universität/ETH, in den Professoren und Dozenten viel mehr Eigenverantwortung haben. Ich glaube das ist die grosse Herausforderung in den nächsten Semestern, um die neuen Erkenntnisse in den Alltag einfliessen zu lassen und vor allem einen transparenten Prozess zu erarbeiten.