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Post Pandemic Teaching: Was ist der richtige Mix? Neues Framework für Educational Design unterstützt Dozierende bei der Gestaltung von Lernsettings

Ein Beitrag von Franzika Hirt

Wie möchten wir Lernprozesse in Lehre und Weiterbildung an der ZHAW „nach“ der Pandemie gestalten?
Die Frage, ob digitaler remote Unterricht genauso effektiv oder sogar wirksamer als onsite Unterricht ist, galt schon vor der Pandemie als wenig zielführend. Menschen und Lernprozesse sind dafür viel zu heterogen.

Daher macht ein Grundsatz-Entscheid zum „idealen Unterricht“ wenig Sinn. Zentral ist vielmehr die Suche nach der «richtigen» Mischung, also dem besten Cocktail, jeweils abgestimmt auf Lernziele und Zielgruppe. Bereits vor der Pandemie wurde eine durchdachte Mischung verschiedener Settings (onsite kombiniert mit remote-digital) in Form von Blended Learning als «the new normal» in der Hochschulbildung bezeichnet (Dziuban et al., 2018).

Die Pandemie hat die Bedeutung etablierter Begriffe fundamental gewandelt.

Durch die Pandemie fundamental geändert hat sich die erhöhte Akzeptanz von und Expertise mit Videokonferenzsoftware, und somit von synchronem remote Unterricht. Diese Errungenschaft der Digitalisierung ermöglicht nun einen vielseitigeren digitalen remote Unterricht – auch an Hochschulen, welche sich nicht speziell auf Fernunterricht spezialisiert haben.

Die Entkoppelung von digital = remote = asynchron fordert neue Definitionen für etablierte Begriffe wie bspw. „Flipped Classroom“: Auch wenn klassische Definitionen diesen als eine besondere Kombination aus Unterricht „ausserhalb“ und „im Klassenzimmer“ sehen (vgl. Uzunboylu & Karagozlu, 2015), wird das Konzept doch auch häufig mit Blended/Digital Learning in Verbindung gebracht (Spannagel, 2021). Heutzutage haben wir für die Unterscheidung dieser beiden Phasen noch präzisere Begriffe, nämlich „synchroner“ und „asynchroner“ Unterricht. Diese Fachwörter gab es zwar schon vor der Pandemie, doch nun scheint deren Bedeutung einem deutlich breiteren Personenkreis bekannt als noch davor.

Ebenfalls einen Definitionswandel hat der Begriff „hybrider Unterricht“ während der Pandemie durchlaufen: wurde er früher weitgehend synonym zu „Blended Learning“ (also einer zeitlich versetzen Kombination von onsite und remote Unterricht) verstanden, hat er sich nun für die rein synchrone Kombination aus onsite und remote Unterricht (auch „Blended Synchronous“) durchgesetzt.

Spannend bleibt, welche Relevanz und Verständnis wir dem Begriff „Blended Learning“ in Zukunft noch zuschreiben werden, wenn die ursprüngliche Definition nun auf so ziemlich jedes Lern-Setting zutrifft. Weiter stellt sich die Frage nach der zukünftigen Relevanz der Begriffe „digital Education“ und “E-Learning“, denn die Unterscheidung zwischen synchronem und asynchronem Unterricht könnte zukünftig didaktisch viel relevanter werden als zwischen analogem und digitalem Unterricht.

Auch die Ansprüche haben sich gewandelt…

Untersuchungen der OECD (2021) zum Stand der Hochschulen seit der Covid-19 Pandemie legen nahe, dass auch nach der Pandemie vermehrt flexiblere Studienvarianten wie remote oder Teilzeit-Unterricht gefragt sind. Diese sind gerade für Studierenden mit weiteren Verpflichtungen wie Beruf, Kinderbetreuung oder Pflege besonders interessant. Aber auch die Distanz zum Campus oder Persönlichkeitseigenschaften können die Präferenz hin zu örtlich/zeitlich flexiblen Studienvarianten beeinflussen.  

Die Ansprüche von Studierenden und Weiterbildungsteilnehmenden sind hinsichtlich ihrer Lernpräferenzen sehr verschieden. Die Erwartung, dass diese individuellen Präferenzen berücksichtigt werden, könnte sich durch die neuen Erfahrungen mit unterschiedlichen Lernsettings während der Pandemie weiter gefestigt haben.

Wie werden Dozierende diesen heterogenen Ansprüchen der Studierenden gerecht?

Lernprozesse örtlich und zeitlich möglichst flexibel zu gestalten, ohne auf qualitativen und interaktiven Unterricht zu verzichten – dies erfordert didaktisches und technisches Knowhow der Dozierenden. Dabei gilt es, festgefahrene Ansichten und persönliche Vorlieben zu überwinden, denn die Vor- und Nachteile verschiedener Lernsettings müssen aus dem Blickwinkel einer heterogenen Studierendenschaft analysiert werden. Weiter gilt es, die Lernsettings und -methoden auf die jeweiligen Lernziele abzustimmen. Dafür sind sowohl analytische Fähigkeiten als auch Kreativität gefordert.

Eine Kernfrage ist, wieviel Flexibilität wir Studierenden ermöglichen können/wollen, ohne die Unterrichtsqualität zu mindern. Rein asynchroner Unterricht ermöglicht zwar eine starke Flexibilität betreffend Ort, Zeitpunkt und Rhythmus/Geschwindigkeit des Lernens, ist aber in der Praxis oft weniger interaktiv und enthält weniger (oder zumindest weniger direkten) sozialen Austausch. Ob sich ein Kompromiss hinsichtlich der Flexibilisierung und sozialen Interaktion in der Form von hybridem Unterricht oder Vorlesungsaufzeichnungen durchsetzen wird, wird sich zeigen. In jedem Fall sind hierfür technische und organisatorische Hürden sowie alte Gewohnheiten zu überwinden.

Framework für Educational Design schafft Überblick über verschiedene Lernsettings.

Um die gewachsenen Erwartungen der Studierenden hin zu mehr Flexibilität sowie die gewandelten Begrifflichkeiten zu berücksichtigen, hat die Fachgruppe Blended Learning ein neues Framework Educational Design für Dozierende erarbeitet. Dieses soll Impulse geben, wie die “richtige” Mischung von Lernsettings an der ZHAW gelingen kann. Spoiler: Einfache, allgemeingültige Lösungsvorschläge sind nicht zu erwarten; Es geht um eine feinfühlige Abstimmung auf die Zielgruppe und deren Lernziele. Es wird also nicht das Post Pandemic Teaching Cocktail-Rezept der ZHAW geben, sondern jede(r) Dozierende kann – in Abstimmung mit den Strategien des Fachbereichs – der Kreativität freien Lauf lassen und eigene Rezepturen entwickeln.

Das Framework Educational Design für Dozierende: Schwerpunkt Lern- und Prüfungssettings ist als Richtlinie auf dem GPM Portal veröffentlicht. Es kann gerne geteilt und weiterverwendet werden.

Literatur

Dziuban, C., Graham, C. R., Moskal, P. D., Norberg, A., & Sicilia, N. (2018). Blended learning: the new normal and emerging technologies. International Journal of Educational Technology in Higher Education, 15(1), 1–16. https://doi.org/10.1186/s41239-017-0087-5

OECD. (2021). The state of higher education – One year into the COVID-19 pandemic.

Spannagel, C. (2021). Christian Spannagel (Keynote #2): «Gute (digitale) Lehre in Pandemien und darüber hinaus». 9. Tag der Lehre Universität Bern. https://www.zuw.unibe.ch/kurse___tagungen/tagungen/tag_der_lehre/index_ger.html

Uzunboylu, H., & Karagozlu, D. (2015). Flipped classroom: A review of recent literature. World Journal on Educational Technology: Current Issues, 7(2), 142–147. https://doi.org/10.18844/wjet.v7i2.46

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