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Gibt es die oder den neuen Studierende(n)? Tagungsbericht zur EU-Experten-Konferenz «The New Student: Flexible Learning Paths and Future Learning Environments»

Beitrag von Claude Müller Werder

Foto: The Austrian Presidency Team for Higher Education

Die EU hat die Flexibilisierung des Lernens als einen Kernbereich der Hochschulentwicklung identifiziert. An einem Kongress am 20.-21. September in Wien diskutierte sie mit über 150 eingeladenen Expertinnen und Experten aus der europäischen Bildungspolitik und Hochschulverwaltung, wie flexibles Lernen gefördert werden kann und was diese Entwicklungen für die Zukunft der Hochschulbildung in Europa bedeuten. Ich wurde als Referent eingeladen und möchte in diesem Beitrag kurz über die Konferenz berichten.

Im Eingangsreferat betonte Ronald Barnett, dass Flexible Learning (Flexibles Lernen) ein breiter Begriff mit unterschiedlichen Interpretationen ist. Ganz allgemein formuliert, sollen flexible Lernangebote den unterschiedlichen Bedürfnissen der Studierenden entsprechen und ihnen ermöglichen, mehr Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen. Im Zentrum von flexiblem Lernen stehen die Lernenden mit ihren Bedürfnissen. Die Bildungsangebote sollen ihnen die Möglichkeit geben, selber zu entscheiden, was, wann, wie und wo gelernt wird. Die britische Higher Education Academy beschreibt dieses Konzept wie folgt: „flexible learning is about empowering students by offering them choices in how, what, when and where they learn: the pace, place and mode of delivery“ (HEA, 2015, p. 1)[1].

Ausserdem schlägt die HEA folgende Möglichkeiten zur Flexibilisierung des Lernens vor:

Wie:  Anbieten von Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Lernformaten wie Präsenzlernen, Online Learning oder Blended Learning.
Was:  Bereitstellen von personalisierten Lernumgebungen mit einem vielfältigen Angebot an Optionen, die es den Lernenden ermöglichen, die Lerninhalte nach ihren Bedürfnissen und Wünschen zu wählen.
Wann:  Anbieten einer Ausbildungsstruktur mit der Möglichkeit, die Lernzeiten selbst zu wählen, die Lernzeiten an das Arbeits- und Privatleben anzupassen sowie die Intensität und das Lerntempo zu bestimmen; von Vollzeit und beschleunigt, bis hin zu Teilzeit und zeitlich gestreckt.
Wo:  Gestalten einer Lernumgebung, die es ermöglicht, an verschiedenen Orten zu lernen, sei es zu Hause, am Arbeitsplatz oder im Ausland.

Flexibilität versus Strukturierung

In der Paneldiskussion wurde betont, dass auch das Warum geklärt werden muss, weil Flexibilität kein uneingeschränktes Gut ist, sondern im Verhältnis zur Strukturierung begründet werden muss. Einige Rednerinnen und Redner stellten auch in Frage, ob es the new student überhaupt gibt, weil die Studierendenpopulation schon immer heterogen gewesen sei. Es sei darum schon immer eine zentrale Aufgabe von Hochschulen gewesen auf die unterschiedlichen Studienvoraussetzungen und -bedürfnisse einzugehen und ihre Studienstrukturen und Lernumgebungen darauf abzustimmen. Es wurde auch erwähnt, dass mehr Flexibilität einige Studierendengruppen überfordern würde –  im Gegenteil würden diese sogar mehr Strukturierung benötigen.

Flexibilität ganzheitlich betrachtet

Das von der HEA entwickelte Framework versucht flexibles Lernen für die Hochschulbildung holistisch abzubilden. Es umfasst auch die Rolle der Institution beim Bildungszugang oder die organisatorischen und administrativen Bildungsaspekte. In den vier Breakout-Sessions wurde daher nicht nur die Flexibilität innerhalb von Kursen oder individuelle Lernerfahrungen berücksichtigt, sondern auch die Flexibilität in allen Aspekten der Hochschulbildung. Beispielsweise soll durch institutionelle Agilität eine hohe Durchlässigkeit der verschiedenen Bildungsstufen sowie offene Bildungszugänge für Lernende mit verschiedenen Lernbiografien und sozialem Hintergrund ermöglicht werden. Eine wichtige Frage ist dabei, wie non-formal (z. B. in betriebsinternen Kursen) und informell (z. B. durch berufliche, private Aktivitäten) erworbene Kompetenzen anerkannt werden können. Dieser Aspekt steht in Europa auf der Tertiärstufe momentan im Fokus, die Umsetzung stellt aber hohe Anforderungen sowohl an ein Bildungssystem als auch an die jeweiligen Bildungsanbieter. Die Diskussion zeigte, dass der Ansatz des Recognition of prior Learning in vielen europäischen Ländern bisher nur teilweise umgesetzt worden ist resp. noch gar nicht angegangen wurde.

Beispiele flexibler Studiengestaltung

Bezüglich Lernumgebungen wurde neben dem Beispiel des FLEX-Studiengangs an der ZHAW auch je ein Beispiel aus Deutschland und den Niederlanden vorgestellt. Die FH Südwestfalen hat ein «Studium flexibel» für ihre Studiengänge der Ingenieurswissenschaften eingeführt, bei welchem die beiden ersten Semester in vier Semestern durchlaufen werden können und das Studium mit verpflichtenden Gesprächen zur Studiensituation und unterstützenden Angeboten ergänzt wird. Mit diesem Studienformat möchte die Hochschule die in den MINT-Fächern hohe Abbrecher- und Durchfallquote reduzieren sowie gleichzeitig das selbstverantwortliche Handeln der Studienanfänger fördern. In den Niederlanden wird flexibles Lernen national gefördert. Die Vertreterinnen der Fachhochschule Saxion zeigten auf, wie sie ihre Lehrgänge stark auf die Bedürfnisse der Arbeitswelt ausgerichtet und von Grund auf neu gestaltet haben. Interessant war insbesondere, dass nicht nur die Studienstruktur flexibilisiert wurde und beispielsweise Kurse auch nach über zehn Jahren für einen Degree anrechenbar bleiben, sondern auch das Assessment bis zu einem gewissen Grad individualisiert wurde. Dieses beruht darauf, dass Studierende Leistungsnachweis in ihrem eigenen beruflichen Kontext erstellen und diese zur Prüfung einreichen. Obwohl flexibles Lernen an den drei Hochschulen unterschiedlich interpretiert wird, waren sich alle Referierenden einig, dass Studierende beim flexiblen Lernen adäquat unterstützt werden sollten und den Dozierenden eine zentrale Rolle bei der Umsetzung zukommt. Flexibles Lernen ist stark mit der Digitalisierung der Bildung verbunden: Flexibles Lernen, digitales Lernen, Blended oder Distance Learning werden denn auch häufig sinngleich verwendet. Die Beispiele haben jedoch auch gezeigt, dass flexibles Lernen weit mehr ist als nur der Einsatz von neuen Technologien; diese dienen aber als zentrale Enabler, mit denen flexible Lernumgebungen heutzutage ermöglich werden.

Entwicklungen infolge neuer Technologien

Im letzten Teil der Konferenz wurde der Einsatz von Blockchain in der Bildung erklärt, Beispiele von Hochschulen vorgestellt und diese kritisch diskutiert. Es wurde betont, dass die Technologie bei den Verfügungs- und Transaktionsrechten einen Shift in Richtung der Lernenden bewirkt. Das Beispiel der Universität Nicosia zeigte, dass vielfältige Potenziale in der Bildungsverwaltung bestehen, insbesondere bei der Verschlüsselung und Verteilung von Bildungszertifikaten und -diplomen. Inwieweit die Technologie auch weitergehend für die Gestaltung und Verteilung von Lernumgebungen genutzt werden kann, blieb offen. Allerdings wurde auch betont, dass sich die Technologie noch in einem frühen Stadium befinde und noch nicht alle Anwendungsmöglichkeiten absehbar seien.

In den Key Findings wurden die Ergebnisse zusammengefasst. Es wurde betont, dass flexibles Lernen auf Hochschulstufe weiter unterstützt werden soll. Pilotprojekte sollen von der EU als auch durch die nationalen Forschungs- und Entwicklungsprogramme gefördert werden. Weiter sollen die Pilotprojekte auch forschungsmässig begleitet, die Auswirkungen untersucht und Befunde publiziert werden. Wichtig ist auch die Erkenntnisse in Form von Guidelines und Toolkits zusammenzufassen, damit die Umsetzung von flexiblem Lernen europaweit erleichtert wird.

Foto: Claude Müller Werder

[1] HEA (2015). Framework for flexible learning in higher education. Heslington: Higher Education Academy. Retrieved from https://www.heacademy.ac.uk/system/files/downloads/flexible-learning-in-HE.pdf (30.08.2018)

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