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Der 11. Hochschultag der ZHAW: Eine Retrospektive aus Sicht eines Studierenden

Beitrag von Leandro Huber, Präsident des VSZHAW

Bild: ZHAW

Digitale Transformation – schon wieder. Dies haben sich nach der Einladung zum Hochschultag sicherlich einige gedacht. In der Einladung wird präzisiert: «Der 11. Hochschultag der ZHAW setzt sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Transformation auseinander». Als prominenter Gast steht die Internet-Ethikerin Irina Raicu von der Santa Clara University auf dem Programm. Aber auch die ZHAW soll mit eigenen Expertinnen und Experten zu Wort kommen. Der Hochschultag wird ein Abend wie viele andere werden. Einer, an welchem viel gesprochen und wenig Konkretes gesagt wird. Denn die Digitalisierung ist unvorhersehbar und das Einzige, was feststeht ist, dass sich alles verändert.

Allein schon für die Location lohnt sich der Weg: Das Restaurant Lake Side. Direkt beim Bahnhof Tiefenbrunnen und mit atemberaubender Aussicht auf den goldig glänzenden Zürichsee. Ideale Voraussetzungen für den Hochschultag in Zürich. Am Eingang steht Rektor Jean-Marc Piveteau, schüttelt Hände und heisst die etwa 400 Anwesenden willkommen. Sehr persönlich und meist mit Namen – ich staune.

Nachhaltig und Digital

Die Veranstaltung beginnt pünktlich und es wartet schon zu Beginn eine Überraschung. Auch Rektor Jean-Marc Piveteau ist mit einem ähnlichen Gedanken angereist: «Digitale Transformation – schon wieder», beginnt er seine Rede. Er weist auf die Hochschulstrategie und deren Fokus auf die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft hin. Er wünscht sich, dass die Absolventinnen und Absolventen der ZHAW fähig sind, die zentralen Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Um diese anpacken zu können, muss der gesellschaftliche Wandel berücksichtigt werden. Und die Gesellschaft wird sich wandeln: Im Vordergrund stehen dabei laut Piveteau vor allem das Digitale und die Nachhaltigkeit. Obwohl der Bildungsauftrag für die ZHAW weiterhin im Vordergrund steht, müsse man sich doch auf eine veränderte, digitale Wirtschaft einstellen. Diese werde hybride Lebensläufe verlangen und die Anerkennung von aussercurricular erworbenen Kompetenzen fordern. Der Klimawandel wird den gesellschaftlichen Wandel weiter verstärken, wobei dem Digitalen auch hier eine Schlüsselrolle zugeteilt wird. Insgesamt ist er überzeugt, dass man den Herausforderungen der Zukunft nur dann gewachsen ist, wenn man partizipativ, innovativ und unter den Generationen solidarisch an die Themen herantritt. Er selbst will dafür innerhalb der Hochschule den kritischen Dialog fördern. Dieser Dialog soll auf die Sustainable Development Goals der UN gestützt sein. Was auffällt ist, dass es der Hochschule selbst noch an vielen Grundlagen zur Umsetzung dieser stolzen Vision mangelt: Es existiert weder eine Strategie noch ein Bericht zur Nachhaltigkeit der ZHAW, die Chance sich an der ZHAW aussercurriculare Kompetenzen anrechnen zu lassen, ist eher gering und hybride Bildungswege sind praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Es liegt also noch viel Arbeit vor der ZHAW.

Trotz allem ist CVP Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Silvia Steiner stolz auf die Zürcher Fachhochschule. Sie darf als nächste auf die Bühne und einige Grussworte an die Mitarbeitenden richten. Stolz ist sie vor allem, weil die Fachhochschulen so nahe an der Gesellschaft und der Wirtschaft sind. Sie sind breit akzeptiert und ermöglichen es, dass die durch Bologna geforderte Durchlässigkeit auch tatsächlich möglich wird. Dass diesbezüglich noch keine einheitliche Regelung besteht, welche Transparenz in die Bedingungen der Durchlässigkeit bringen würde, scheint sekundär. Es wird lieber auf grosse Leuchtturmprojekte der ZHAW wie die Hochschulbibliothek oder das Datalab hingewiesen, welche die Bemühungen zur Weiterentwicklung im Bereich der Digitalisierung klar aufzeigen. Der Kanton, so Steiner, braucht die (Fach-)Hochschulen um wettbewerbsfähig zu bleiben, weshalb er daran interessiert ist ebendiesen eine gute Grundlage zu bieten – auch wenn nicht unbedingt in der «Lokstadt».

Viel positives und sehr viele offene Fragen

Sonja Hasler, welche auch dieses Jahr wieder durch das Programm führt, stellt vor der Keynote die «Moral Machine» vor: Eine Plattform, welche moralische Entscheidungen von Menschen fällen lässt, um diese auf Maschinen übertragen zu können. Die Plattform hat in den letzten Wochen und Monaten an medialer Aufmerksamkeit gewonnen, da die von ihr geforderten Entscheidungen doch schwerer fallen als zu Anfang erwartet. Ohne vertieft über die Thematik zu sprechen bittet Hasler die Hauptrednerin, Irina Raicu, Internet Ethics Program Director der Santa Clara University, auf die Bühne. Raicu hat ihr zuhause inmitten des Silicon Valley – dem aktuell vermutlich innovativsten Ort der Welt.

Raicu beginnt mit all den positiven und bereichernden Errungenschaften, welche das Internet, die intelligenten Maschinen und die Digitalisierung ganz allgemein gebracht haben. Das Telefon, die E-Mail, das GPS von Flugzeug und Auto und noch vieles mehr. Sie gibt aber auch zu bedenken, dass es manchmal schwierig sei, einen Strich zu ziehen. Ab wann ist Digitalisierung nicht mehr gut? Ab wann wird künstliche Intelligenz gefährlich? Wo passieren durch die Algorithmen Fehler? Und sind diese Fehler wirklich Fehler der Computer? Sie kommt auf die «Moral Maschine» zurück und gibt zu bedenken, dass ethische Fragen nicht immer schwarz-weiss betrachtet werden können. Oftmals reiche es nicht aus, eine Antwort auf eine komplexe Frage zu geben. Vielmehr sei es der Diskurs und die Auseinandersetzung mit der Thematik, welche zentral sei. Dazu wird sie in ihrer Keynote drei Aussagen bearbeiten:

  1. Das Verbinden von Menschen ist immer gut

Facebook wird wieder einmal als Beispiel herangezogen. Die Social-Media-Plattform sammelt durch die Verlinkung von Personen deren Daten und kann diese für eigene Zwecke verwenden. So weit so bekannt. Dass Facebook allerdings auch Daten von Freunden an meine Datenbank anbindet um so blinde Flecken rund um meine eigenen Angaben zu schliessen erstaunt, schockiert aber noch nicht. Ganz anders sieht es beim nächsten Beispiel aus: «Hello Barbie» heisst die neuste Errungenschaft in der Welt der Puppen. Sie kann, durch ihre Verbindung zum Herstellerserver und dank künstlicher Intelligenz, interaktiv mit den Kindern sprechen. Das Publikum staunt nicht schlecht, als Raicu erklärt, dass diese Daten gespeichert und je nach Wunsch sogar auf das Smartphone der Eltern übertragen werden.

  1. Mehr Daten = Bessere Entscheidungen

Die oben genannten Daten werden dann, so Raicu weiter, dazu verwendet Entscheidungen zu treffen. Weniger wichtige und sehr wichtige Entscheidungen. Hier nennt sie das Beispiel der Automatisierung von Bewerbungsprozessen. Einer künstlichen Intelligenz werden haufenweise CVs von erfolgreichen Mitarbeitenden vorgelegt, damit sie – auf dieser Datengrundlage – geeignete Kandidatinnen und Kandidaten für ausgeschriebene Stellen finden kann. Das Problem des selbstlernenden Programms: In der Vergangenheit waren Frauen weniger erfolgreich als Männer, ergo sollten keine Frauen eingestellt werden. Schon wieder Staunen im Publikum.

  1. Alle automatisierbaren Prozesse sollte man automatisieren

Mit ebendiesem Beispiel leitet die Ethikerin über zur Frage was man alles automatisieren kann und vor allem was man alles automatisieren soll. Sie selbst ist davon überzeugt, dass digitales nur einen Bruchteil dessen Abbilden kann, was tatsächlich vorgeht. Sie teilt ihre Meinung mit Allison Parrish, einer Programmiererin und Lehrerin die selber sagt: «The process of computer programming is taking the world, which is infinitely variable, mysterious, and unknowable (…) and turning it into procedures and data. And we have a number of different names for this process: scanning, sampling, digitizing, transcribing, schematizing, programming. But the result is the same. The world, which consists of analog phenomena infinite and unknowable, is reduced to the repeatable and the discrete».

Die amerikanische Sozialisierung ist Raicu nicht wegzunehmen. Rhetorisch geschickt, kann sie mit Charme und Witz die Zuschauer an ihre Lippen fesseln und über ihre Arbeit erzählen. Denkt man im Nachgang über das Gesagte nach fällt auf, dass obwohl nicht wirklich viel Neues mit dabei war, doch sehr zum Nachdenken angeregt wurde.

Nach einem musikalischen Intermezzo des Oboen-Quartetts der ZHdK leitet Sonja Hasler den zweiten Teil der Veranstaltung ein. Es werden drei unterschiedliche Projekte der ZHAW vorgestellt, welche sich mit digitaler Transformation beschäftigen. Dies passiert einerseits durch aufwändig erstellte Videos, in welchen die Verantwortlichen ihr Tun selbst vorstellen, und anderseits durch eine kurze Fragerunde.

Spannende Forschung mit unterschiedlichen Schwerpunkten

Prof. Dr. Nicole Rosenberger und Markus Niederhäuser stellen ihren CAS «Digitale Transformation und Kommunikation» vor. Ein Weiterbildungsangebot, welches Kommunikatorinnen und Kommunikatoren auf die Anforderungen von digitalisierten Unternehmen vorbereiten soll. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf der Kommunikationsabteilung selbst, sondern auch auf der Organisation und der Gesellschaft.

Die Doktorandin Ana-Claudia Sima präsentiert danach ihre Suchplattform für Personen aus dem biologischen Umfeld. Das Ziel der Plattform ist einfach: Es soll nicht-technische Personen bei ihrer suche nach spezifischen Inhalten in riesigen Datenbanken helfen. Sie will es möglich machen, dass auch mittels einfacher Eingaben, komplexe Systeme zum gewünschten Output führen. Die Selektion dieser Daten muss transparent sein, präzisiert sie in der Fragerunde, ansonsten bestünde die Gefahr, dass relevante Daten vom Computer weggelassen und in der Arbeit nicht berücksichtigt würden.

Zum Schluss stellt Prof. Dr. Christoph Heitz die Logik von Algorithmen vor und konkretisiert, auf was spezifisch geachtet werden muss, damit Algorithmen auch fair handeln. Dazu setzt er aktuell ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Partnern auf. Es soll ein Rezept entwickelt werden um gerechte Algorithmen zu programmieren, welche in der Konsequenz faire Entscheidungen treffen.

Sonja Hasler bringt mit einem Werbespot der Toilettenpapiermarke «Le trefle» noch einmal alle zum Lachen, bevor das Oboen-Quartett den zweiten grossen Auftritt des Abends hat. Es folgt das Stehdinner im dicht gefüllten Restaurant Lake Side und eine Retrospektive des Anlasses: Es war eigentlich von allem etwas dabei. Gute Inputs, gute Forschungs- und Weiterbildungsprojekte, gute Musik, gutes Essen. Nur die Lehre, die hat etwas gefehlt.

Beitrag von Leandro Huber, Präsident des VSZHAW

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