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Das Gespür für den Menschen – soziale Interaktion im virtuellen Raum (1/3)

Teil 1: Die Bedeutung zwischenmenschlicher Begegnung in virtuellen Räumen und organisatorische Grundlagen

Ein Beitrag von Luka Peters

Foto: fauxels/Pexels

10 Uhr: Start der Videokonferenz. Alle sind pünktlich und parat. Los geht es, nach einem kurzen Hallo springen wir sogleich ins Thema. Digital. Effizient. Und wo ist der Mensch? Wie können wir im virtuellen Raum soziale Begegnungen ermöglichen? Womit wird im digitalen Raum der zwischenmenschliche Kitt angerührt?

Kooperation, Empathie und Vertrauen sind die Grundlagen menschlicher Gemeinschaft und des Gelingens gemeinschaftlicher wie auch individueller Aktivitäten. Wie wichtig die Beziehungsbildung für Lernerfolge ist, hat auch die Hattie-Studie (Hattie 2015) deutlich gemacht. Das Wissen um den Wert sozialer Aspekte des Lernens konnte in den letzten 10 Jahren immer mehr Pädagogik und Didaktik durchdringen, und das nicht nur für analoge, sondern auch für digitale Lernräume. Durch die Pandemie hat nun die digitale Transformation einen starken Schub bekommen. Er zeigt sich für viele vor allem in der Virtualisierung von Unterricht, Besprechungen und anderen Formen gemeinsamen Denkens und Handelns. Nachdem die technischen Mühen überwunden sind und sich eine gewisse Routine eingestellt hat im Umgang mit Tools und Methoden, gilt es nun, einen genaueren Blick auf die zwischenmenschliche Interaktion zu werfen.

Die Macht der Kaffeepause
Informelle Begegnungen im analogen Raum gehören zu den Selbstverständlichkeiten, über die wir kaum einmal nachdenken. Die Kaffee- oder Zigarettenpause, das Znüni, das gemeinsame Mittagessen – dies sind zusätzliche „Räume“, die sich wie ein Paralleluniversum neben dem eigentlichen Lerngeschehen entwickeln. Doch diese Parallelwelten existieren nicht unabhängig voneinander, sondern beeinflussen sich gegenseitig. In den informellen Räumen werden Netzwerke geknüpft, Kooperationen gestartet, Bündnisse geschlossen. Man lernt sich aber auch jenseits des fachlichen oder professionellen Austauschs kennen als Mensch mit einem Privatleben, spannenden Interessen und vielem mehr. Solche sozialen Interaktionen strahlen auf unterschiedliche Art in den Lernraum hinein und wirken lernförderlich. Den positiven Effekt der persönlichen Verbundenheit möchten wir auch im virtuellen Raum nicht missen und so stellt sich nun also die Frage, wie wir sie trotz aller Virtualität erreichen können.

„Es gibt menschliche Grundbedürfnisse, die bei aller Digitalisierung mitbeachtet werden müssen“

Begegnung erleben, Verbundenheit schaffen
Sich im virtuellen Raum mit anderen verbunden zu fühlen, ist allerdings nicht ganz einfach. Zum einen gibt es die „Zoom-Fatigue“. Damit ist gemeint, dass viele, die im Homeoffice arbeiten, die täglichen Videokonferenzen (die meist eben per Zoom stattfinden) deutlich ermüdender finden als Meetings im analogen Raum. Erste Untersuchungen (Wiederhold 2020, Nadler 2020, Cranford 2020, Scheidt 2020) legen nahe, dass die Ursache vor allem darin liegen könnte, dass wir in Videokonferenzen zu wenige nonverbale Sinneseindrücke erhalten, während unser Gehirn kontinuierlich nach solchen Signalen sucht, um das soziale Umfeld und die eigene Position darin zu erfassen.

Zum zweiten gibt es das Gefühl der Distanziertheit, dass sich umso stärker einstellt, je weniger man die anderen in einer Videokonferenz aus nicht-digitalen Räumen und Begegnungen kennt. Das so entstehende Gefühl der Isolierung beeinträchtigt Produktivität und Lernerfolg.

Foto: Andrea Piacquadio/Pexels

Es fehlen daher in virtuellen Räumen soziale Begegnung, das Knüpfen von Beziehungen, das Gefühl der Verbundenheit, um Distanziertheit und der Zoom-Müdigkeit entgegenzuwirken. Die Frage, mit der ich mich derzeit intensiv beschäftige, ist deshalb: Wie können wir in virtuellen Räumen auch soziale Räume schaffen? Oder wie es Charlotte Axelsson von der ZHdK einmal ausdrückte: zärtliche Räume. Mit welchen Methoden schaffen wir Beziehungen zueinander und fühlen uns verbunden? Notabene ist es nicht das vorrangige Ziel, eine Gruppe zum Team zu machen oder mit Warm-ups den Start ins Thema zu ermöglichen. Solche Methoden richten ihren Fokus auf die inhaltliche Ebene. Stattdessen soll es darum gehen, einander als Menschen kennenzulernen, gemeinsam aktiv zu sein, unsere „Avatare“ mit Leben zu füllen und einander verbunden zu fühlen.

Organisatorische Voraussetzungen für gelingende soziale Interaktionen
Damit soziale Interaktionen in virtuellen Meeting- und Unterrichtsräumen gelingen, brauchen sie bestimmte Voraussetzungen.

  • Es ist wichtig, dass sie bewusst geplant und in den gesamten Ablauf der Veranstaltung integriert werden.
  • Nutze die Rhythmisierung deines Unterrichts, deines Seminars oder deiner Weiterbildung dafür, sozialen Interaktionen eine angemessene Zeit einzuräumen.
  • Die Interaktionen sollten nicht nur einmal am Anfang eines Semesters angeboten werden, sondern immer wieder auch zwischendurch den Kontakt zueinander ermöglichen.
  • Auch hier gilt: Keep it simple and smart. Bediene dich einfacher Methoden und Mittel. Lasse den Spass an der Sache regieren, nicht die technische Herausforderung.
  • Mache es sozial. Bewege dich bewusst ausserhalb des Sachthemas und im Bereich menschlicher Interessen, Eigenheiten, Vorlieben und anderem, was das menschliche Leben ausmacht.

Und als Extratipp: Inszeniere absichtlich „Medienbrüche“ oder Bewegungsimpulse, indem du die Teilnehmenden oder Lernenden zu Stift und Papier greifen lässt oder indem sie sich für einen kurzen oder längeren Moment von ihrem Platz am PC wegbewegen müssen.

Mit diesen Überlegungen sind die Grundlagen geschaffen für zwischenmenschliche Begegnungen in digitalen Settings. In den nächsten Folgen erfährst du, wie die Umsetzung konkret aussehen kann und welche Hilfsmittel und Werkzeuge du nutzen kannst.

Zitat
Ingrid Schmidt, Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts (BAG), Erfurt

Literatur
John Hattie (2015, 3. Auflage), Lernen sichtbar machen. Schneider-Verlag Hohengehren.
Brenda K. Wiederhold (2020), Connecting Through Technology During the Coronavirus Disease 2019 Pandemic: Avoiding “Zoom Fatigue”. In: Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking.Jul 2020.437-438. http://doi.org/10.1089/cyber.2020.29188.bkw.
Robby Nadler (2020), Understanding “Zoom fatigue”: Theorizing spatial dynamics as third skins in computer-mediated communication. In: Computers and Composition, Volume 58/2020, https://doi.org/10.1016/j.compcom.2020.10261
Steve Cranford (2020), Zoom Fatigue, Hyperfocus, and Entropy of Thought. In: Matter, Volume 3, Issue 3, 2020, Pages 587-589, https://doi.org/10.1016/j.matt.2020.08.004

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