Hitze, Waldbrand, Hoffnung

Hitzesommer

Autorin: Esther Spinner

Der heisse Sommer veranlasst unsere Autorin über die Hitze nachzudenken. Früher lebte sie oft im Süden und ertrug die Hitze besser. Heute, als bald achtzigjährige, ist das nicht mehr so. Überhaupt ist einiges anders. Hitze ist nicht gleich Hitze.

Sommer, Wärme, Meer. Diese Sehnsüchte trieben mich 1979 nach Sardinien. Dort würde ich leben, monatelang, und in der Wärme ein Buch schreiben.
Die Wärme erwies sich als Hitze, in der zu leben ich erst lernen musste. Meine Gastfamilie wies mich an, die Fensterläden zu schliessen und ebenso die Fenster. Im Winter, erklärte mir die Tochter, im Winter öffnen wir die Fenster und heissen die Sonne willkommen, aber im Sommer sperren wir sie aus. Das betonte auch der Architekt, der mir erklärte, wieso die Balkone so schmal gebaut würden: Hier im Süden suchen wir die Sonne nicht, Signora, wir schützen uns vor ihr.
Ich lernte den Sinn der siesta zu schätzen, verstand, weshalb die Arbeit in den kühleren Stunden getan wurde, verstand, dass die Menschen keineswegs faul waren, sondern dass sie ihre Lebensweise der Sonne anpassten. Ich gewöhnte mich daran, dass das Wetter kein Thema war. Der Himmel war täglich vom gleichen Blau, niemand wartete auf den Regen, der frühestens im späten Herbst wieder kommen würde. Ich war jung, ertrug die Hitze gut, alle ertrugen sie irgendwie, es war normal, dass es im Sommer heiss war.
Ich passte mich an, nahm die Ratschläge ernst, doch war das alles für mich ein Abenteuer. Selbst als die Steppe brannte hinter dem Haus, stand ich mit andern abwartend da. Keine Vorstellung hatte ich davon, was Feuer anrichten konnte.
Nur der scirocco, der heisse Wüstenwind, erschreckte mich. Nachts erwachte ich, weil ich kaum mehr atmen konnte. Die Luft war trocken, ihre Hitze brannte in meiner Kehle. Nicht nur das Atmen fiel mir schwer, wenn der schirocco über die Insel blies. Der Wind stellte sich mir wie eine heisse Wand entgegen, die ich mit den Händen wegschieben musste, ab und zu legte er sich drückend wie ein dicker Mantel auf meine Schultern. Der scirocco war mir unheimlich.


In jenem Sommer 1979, meinem ersten in Sardinien, war es ausserordentlich heiss. Doch auch in späteren Jahren sah ich Waldbrände, fuhr mit dem Zug durch brennende Steppen, sah, wie die orangegelben Zungen an Pflanzen in die Höhe kletterten, hörte die Helikopter, die schwankende Wasserbehälter durch den Himmel zogen. Wenn ich in den Herbsttagen auf der Insel war, waren die Feuer gelöscht, doch zeigten die Berge ihre Wunden: riesige Flächen verbrannter Erde. Der Geruch stieg mir in die Nase, und ich dachte an alle Tiere, denen die Flucht nicht gelungen war und deren Skelette da und dort neben schwarzen Bäumen lagen.


In jenem Sommer reiste ich nach Cagliari, um in der dortigen Arena eine Oper zu besuchen. Morgens fuhr ich mit dem Zug hin und fand in einer günstigen Pension ein reinliches kleines Zimmer, das Gemeinschaftsbad im Korridor. Mit dem Schlüssel bekam ich Wasseranweisungen. Mit Duschen sei nichts, Wasser gäbe es nur jeden zweiten Tag und das auch nur am Morgen. Wasser für die Spülung solle ich aus der Badewanne schöpfen, für die Körperpflege das in Pfannen, Schüsseln und Kübeln bereit gestellte Wasser nutzen. Und an die anderen denken, schärfte mir die Chefin ein, Sie sind nicht die einzige hier. Ich wusch mich am Becken, erhitzt nach der staubigen Fahrt, meine Hand griff immer wieder nach dem Hahn, doch sie drehte vergebens.
Nach der Oper wanderte ich ohne Angst durch die schwach beleuchtete, mir nur wenig bekannte Stadt. Kein Brunnen plätscherte. Ich fand meine Pension, stieg in den vierten Stock, verbrauchte meinen Anteil Wasser aus der Badewanne und einer Schüssel, schlüpfte zwischen Laken, die nach scharfem Waschmittel rochen. Noch immer war alles neu und spannend.
Nun ist die Hitze nach Norden gewandert, viele haben vor ihr gewarnt, auch die Klimaseniorinnen. Wir Nordmenschen sind sie nicht gewohnt, müssen den Umgang mit der Hitze erst erlernen. Mittlerweile ist sie tödlich, insbesondere für alte Menschen. Wie es jetzt in Sardinien ist, mag ich mir kaum vorstellen. Meine Freundinnen berichten mir telefonisch oder per Mail, es ist heiss, schreiben sie seit April. Es ist unglaublich heiss, schreiben sie jetzt. Die wärmegewohnten, hitzeerprobten Sardinnen können nicht glauben, was sie erleben, genau wie wir.
Ich kann es auch nicht glauben, zählte gestern die sieben Regentropfen, die auf meine Hand fielen, hoffte auf mehr, es kam nichts. Nichts mehr von angstfrei und Abenteuer.

Wie wird es weitergehen? Schon mangelt da und dort der Strom. Die letzten Fische müssen gerettet werden, es fehlt auf den Alpenweiden an Wasser, in den Städten verdorren die Bäume mitten im August. Jetzt haben wir zwei Tage hitzefrei, das Wort hat sich verändert, umgedreht. Wir sind frei von übermässiger Hitze, das Thermometer erreicht die 30 Grad Marke nicht, für ganze zwei Tage ist es einfach sommerlich warm. Ein Aufschnaufen geht durch die Strassen. In meiner Jugend bedeutete hitzefrei, dass wir schulfrei hatten, da es zum Lernen zu heiss war, nämlich dreissig Grad und mehr. An wenigen Tagen im Jahr passierte das, wir Kinder waren begeistert, von der Wärme ebenso wie vom Schulfrei-haben.
Nun ersetzt die Angst die frühere Begeisterung. Nachts schlafe ich unruhig in verschwitzten Laken, träume bilderreich von feuerroten Wälder und trockenen, ausgestorbenen Steppen. Wir haben es geschafft, denke ich, wir haben die Erde kaputt gemacht. Wie kann es sein, dass in diesem Jahr mehr Menschen fliegen denn je, Menschen, die wissen, was Fliegen mit dem Klima macht. Wie kann es sein, dass das Klima die Menschen laut einer Umfrage kaum mehr beschäftigt. Nur noch etwa 20% sagen, dass sie beunruhigt sind. Wie kann das sein?
Nun ist es Herbst. Und der Regen fehlt. In einigen Gemeinden ist es verboten, Autos zu waschen oder Pools zu füllen. Doch aus dem Hahn fliesst das Wasser wie gewohnt.
Ich wünsche mir, dass das Wasser in der ganzen Schweiz rationiert wird, dass wie damals in Sardinien, kein Wasser fliesst an jedem zweiten Tag. Oder anders: jeden Tag Wasser vom Hahn, aber nur zu bestimmten Zeiten. Mit so einem Verbot könnte ich umgehen, wir alle würden lernen, mit dem Wasser sparsamer zu sein, würden lernen, das Wasser neu zu schätzen. Ich würde wissen, dass wir alle die Situation ernst nehmen und gemeinsam versuchen, sie zu meistern. Lächerlich, sagt eine Freundin, du glaubst doch nicht, dass es der Erde hilft, wenn wir während dem Zähneputzen das Wasser abstellen.
Doch, sage ich, das glaube ich. Weil sich unser Bewusstsein verändert, weil uns klar wird, dass wir sorgsam leben müssen mit dem Wasser. Das ist der Sinn solcher Massnahmen.
Und – das aber sage ich nicht laut – in mir würde die Hoffnung genährt: Wir schaffen es!


Zur Person

Esther Spinner (*1948) absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester und später zur Lehrerin für Krankenpflege. Sie arbeitete freiberuflich als Kursleiterin für Schreibkurse und lebt als Schriftstellerin in Zürich. Neben ihren Büchern hat sie Beiträge für Anthologien, Zeitschriften, Zeitungen und für das Radio verfasst. Ihr neues Buch Mit Hund und Wort ist in der Edition 8 erschienen.

Portrait Esther Spinner

Esther Spinner (Foto: Katrin Simonett)


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