Gehören wir zusammen oder nicht

In der Reha

In der Reha sitzt man mit Menschen zusammen, die man sich nicht ausgesucht hat. Wie fühlt man sich dabei? Die Toleranz der Autorin wird auf die Probe gestellt. Doch sie erkennt, dass sie Menschen mögen kann, auch wenn sie anders denken als sie. Und wer weiss, vielleicht ist sie selbst auch nicht allen anderen sympathisch.

Heute gibts Wienerli mit Kartoffelsalat, liest die Frau laut von ihrem Handy. Mein Hasi weiss, was ihm schmeckt, fügt sie mit verschmitzem Lächeln hinzu. Wir sitzen beim Nachtessen in der Rehaklink, sechs Frauen, zweimal neue Hüfte, viermal neues Knie. Dazu im Hintergrund zwei lebende Ehemänner, zwei tote und ein Hasi, dazu einige Töchter, Söhne und Enkelkinder. Mehrsprachig sind wir auch, portugiesisch, italienisch, schweizerdeutsch.

Ich bin die einzige, die nichts erzählt, ich höre zu, nicke, stelle ab und zu eine Frage. Ich habe weder Ehemann noch Kinder noch Enkelkinder, ich lebe mit meiner Lebensgefährtin. Ob sie hier Platz hätte? Ich bezweifle es, seit die eine Mitpatientin in der Runde erfreut berichtete, ein so nettes Fräulein habe ihr geholfen, den Koffer auszupacken. Kein Protest in der Runde, auch von mir nicht. Ich erinnere mich, dass wir das Fräulein in den 70er oder 80er Jahren zu Grabe trugen. Das Fräulein ist tot, es lebe die Frau, skandierten wir auf den Strassen. Wir waren erfolgreich, seit Jahren habe ich nichts mehr vom Fräulein gehört, bis jetzt. Wo bin ich hingeraten? Sind unsere Lebensumstände, unsere Erfahrungen so verschieden? Leben wir in lauter Blasen nebeneinander, keine Verbindung möglich? Oder sehe ich sie nicht, die Verbindung? Die eine am Tisch hat einen kleinen Hund wie ich auch, eine erzählt sie lese gern, wie ich auch, die Buchtitel, die sie aufzählt, kenne ich nicht, sie kennt kein Buch meiner Aufzählung. Eine war selbständig erwerbstätig, wie ich auch, doch hier Gemeinsamkeiten zu finden, braucht etwas mehr Zeit als ein Nachtessen, an dem vier Frauen meist gleichzeitg reden.

Ich habe mir Pouletflügeli in die Pfanne gehauen, dazu gibts Salat, schreibt Hasi am nächsten Abend.
Brauche ich eine queere Rehaklinik? Eine für Lesben, Schwule, und alle, die sich ein Stück weit neben der Norm bewegen? Schliesslich gibt es auch queer altern*, einen Verein, der unter anderem mit der Stadt Zürich zusammenarbeitet, um Wohnraum für queere Menschen breit zu stellen. Orte, an denen Frauen nicht nach ihrem Ehemann und Männer nicht nach ihren Ehefrauen gefragt werden, Orte, an denen die Trauer um Lebensgefährtinnen die Norm ist. Bisher war mir diese Vorstellung zu eng. Ich liebe meinen Wohnort, eine Genossenschaft, in der – fast – alles Platz hat, auch meine, unsere queere Wohnform. Kann ich mir in unserer Gemeinschaft jemanden vorstellen, der nette Fräuleins kennt? Nein, kann ich nicht. Aber offenbar leben wir in einer Blase. Sollte ich mich öfters in anderen Gruppen bewegen?

Ich gewöhne mich an unsere Tischrunde, lerne die eine oder andere schätzen, kenne Teile ihrer Lebensgeschichte, höre von Hoffnungen und Verlusten, bewundere ihren Lebensmut. Und doch: das Fräulein plagt mich immer noch.
Bratwurst mit Brot, vermeldet Hasi abends.

Das Ende der Reha naht, ich freue mich aufs Zuhause. Eine Pflegefachfrau füllt das Formular für die Spitex aus, ein Exemplar überreicht sie mir. Ich lese, meine Augenbrauen wandern höher und höher. Lebt allein, steht da. Auf der nächsten Seite wird erstmals meine Lebensgefährtin erwähnt, der Titel über ihrem Namen: Sohn. Darunter detailliert Angaben einer Ärztin, die als meine Hausärztin deklariert wird. Ich habe ihren Namen noch nie gehört.
Mein Puls ist angestiegen, ich mache mich auf die Suche nach der Pflegefachfrau, die das Formular ausgefüllt hat. Sie hebt auf meine Vorhaltungen die Hände: Das macht alles der Computer, ich kann da nichts dafür. Immerhin: Sie will versuchen, etwas zu verbessern, kommt nach einiger Zeit mit dem bearbeiteten Formular zurück. Darauf wird mir eine Partnerin zugestanden, der Sohn ist verschwunden, eine Rubrik später wird allerdings die Partnerin zur Ehepartnerin, was nicht stimmt, weiter unten die unbekannte Ärztin durch einen unbekannten Arzt ersetzt. Immerhin, sie hat sich Mühe gegeben.

Ich mache mich auf zur Administration, an die mich die Pflegefachfrau verwiesen hat. Hier heben gleich zwei Frauen die Hände: Der Computer, sie wissen, wir können wirklich nicht… Die eine erinnere ich an unser Eintrittsgespräch. Da hätte ich doch anderes erzählt. Sie schaut in ihrem Computer nach. Stimmt, hier steht auch alles richtig.
Wieso es im Computer der Pflege anders steht, weiss niemand. Nein, die Computer seien nicht vernetzt, und nochmals nein, tun könnten sie nichts.
Mittlerweile ärgert mich nicht nur das Fräulein, nicht nur, dass meine Lebensgefährtin unterschlagen wurde, mittlerweile ärgert mich auch, dass ich in einem unzugänglichen Computersystem mit falschen Angaben aufgeführt werde. Was passiert da mit meinen Daten? Die beiden Frauen heben erneut die Hände.
Wieso regen sie sich so auf, fragt die eine der Frauen. Ich erkläre, dass ich Zeiten erlebt habe, in denen lesbische Lebensweisen nicht genannt wurden, Zeiten, in denen Lesben und Schwule sich mehr oder weniger verstecken mussten, dass ich vor Jahren telefonisch keine Auskunft über meine Lebens-gefährtin bekam, die krank im Spital lag, dass… Die Frau lächelt: Diese Zeiten sind doch längst vorbei. Ach ja?
Im Weggehen beginne ich in meinem Kopf, einen Brief zu verfassen an die Direktion der Rehaklinik mit Kopie an sämtliche Organisationen für Homosexuelle, insbesondere Lesben, an Organisationen für Cybersicherheit, den Tagesanzeiger, an …

Abends sitze ich mit meiner Lebensgefährtin bei Rösti und Spiegelei. Was wohl Hasi heute isst?

* Verein, um Wohnraum für queere Menschen breit zu stellen: queeraltern


Zur Person

Esther Spinner (*1948) absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester und später zur Lehrerin für Krankenpflege. Sie arbeitete freiberuflich als Kursleiterin für Schreibkurse und lebt als Schriftstellerin in Zürich. Neben ihren Büchern hat sie Beiträge für Anthologien, Zeitschriften, Zeitungen und für das Radio verfasst. Ihr neues Buch Mit Hund und Wort ist in der Edition 8 erschienen.

Esther Spinner
(Foto: Katrin Simonett)

Portrait Esther Spinner
Schlagwörter: Erfahrungsbericht

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