Im Juni 2015 hatten die Lehrpersonen am Institut für Biotechnologie Gelegenheit, einen Kurs zum didaktischen Einsatz von Tablets im Unterricht zu besuchen. Der Kurs wurde in Zusammenarbeit mit Dr. Maren Lübcke und Fabienne Javet vom ZID durchgeführt und wir konnten Maren Lübcke für einen Gastbeitrag auf unserem Blog gewinnen.

Gastbeitrag von Dr. Maren Lübcke

Eines der für mich interessantesten Ergebnisse aus dem Papierlosen Studium ist die Beobachtung, dass sich die Studierenden durch das papierlose Studium deutlich intensiver mit den ausgegebenen Unterlagen beschäftigen als die Studierenden, die noch die Skripte ausgedruckt bekommen.

Wie wir in der folgenden Abbildung sehen können, stimmen der Aussage „Ich unterstreiche und schreibe in der Regel viel“ 67.7% der Studierenden der Tabletklasse zu, während nur 3% diese Aussage ablehnen. Damit unterscheiden sich diese Werte signifikant von den Antworten aus der Vergleichsklasse.

Notizen_BT12Dieses Ergebnis wird auch durch andere Studien bestätigt, zum Beispiel kommen Bush & Cameron, 2011 oder auch Messinger, 2011 zu ähnlichen Ergebnissen.

Die Möglichkeit zu tippen, aber auch Skizzen zu machen, handschriftliche Notizen einzufügen und mit Farben zu arbeiten ermöglicht es den Studierenden, sich während des Unterrichts viel intensiver mit den Unterlagen auseinander zu setzen, als dies mit Papier möglich ist. Denn man schreibt nicht so schnell wie man tippt und der Platz auf den oft eng beschriebenen Folien ist für handschriftliche Anmerkungen begrenzt. Das Tablet und entsprechende Apps zur PDF-Bearbeitung (z.B. http://blog.zhaw.ch/papierlosesstudium/category/apps/) dagegen bietet die Möglichkeit zu einer intensiven Bearbeitung der Unterlagen. Oder wie mir eine/r der Studierenden im Interview sagte: „Der Vorteil ist, dass alles direkt aufgeschrieben werden kann“ (Studierende/r BT 12).

Damit bietet das papierlose Studium die Chance neue Wege zu gehen. Was ist, wenn wir diese/n Studierende/n beim Wort nehmen, und ihn/sie das Skript selbst erstellen lassen? Die Möglichkeiten dazu sind da. Vorderhand werden dann nur noch die sehr komplexen Grafiken oder Formeln ausgegeben, die „Lehrstelle“ in der Unterrichtsdokumentation füllen die Studierenden selbst, auf die Art, die für sie in den späteren Lernphasen am besten ist.

Als Variante dazu kann der Arbeitsauftrag zur Skripterstellung an verschiedene Arbeitsgruppen vergeben werden. Wie eine Art Protokoll, erstellt immer eine Studierendengruppe für eine Stunde das Skript zur Sitzung. Nutzt man Kollaborationstools wie Edupad oder Google Docs, können auch die anderen Studierenden nachgängig Ergänzungen hinzufügen.

Die Lehrpersonen erhalten auf diese Weise zudem Feedback zu den Inhalten, wie diese bei den Studierenden angekommen sind, wo grosse inhaltliche Lücken in der Kursdokumentation sind bzw. es sogar zu Missverständnisses gekommen ist. Die Lehrpersonen selbst können noch relativ kurzfristig ihre Präsentation inhaltlich anpassen, da die Folien nicht mehr vollständig vorgängig verteilt werden.

Sind die Studierenden gezwungen, die Kursdokumentation selbst zu übernehmen bzw. selbst zu organisieren, wird automatisch eine intensivere Beschäftigung mit dem Stoff schon während des Semestern erreicht und – das kann ich aus eigener Erfahrung sagen – die Aufmerksamkeit erhöht. Denn schreibt man in den Vorlesungen viel mit, wird die Aufmerksamkeit fokussiert, der Grad der Ablenkung sinkt.

Das Studierende in den Vorlesungen Mitschriften anfertigen ist sicherlich keine neue Idee. Durch die Nutzung von Tablets sind die Möglichkeiten zur Skriptgestaltung aber vielfältiger und individueller geworden. Von Mitschriften über Fotodokumentationen bis zu Skizzen und Zusammenfassungen oder sogar Tondokumentationen ist alles möglich. Jeder / jede muss seinen persönlichen Weg finden. Die Ausbildung einer wichtigen Fertigkeit wird damit unterstützt, auch im Sinne der generellen Fähigkeiten zum Lebenslangen Lernen.

Autorin

luebDr. Maren Lübcke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Innovative Didaktik (ZID) der ZHAW School of Management and Law. Sie leitete die didaktische Evaluation unseres Pilotprojektes zum papierlosen Studium. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kommunikationssoziologie, Soziologie neuer Medien, Techniksoziologie, Organisationssoziologie und System Theory.

Literatur

Bush, M. H., & Cameron, A. H. (2011). Digital course materials: a case study of the apple ipad in the academic environment. Pepperdine University, Malibu CA.

Messinger, J. (2011). M-Learning: An exploration of the attitudes and perceptions of high school students versus teachers regarding the current and future use of mobile devices for learning. Pepperdine University, Malibu CA.