Andry Ehrhart studiert Biotechnologie an der ZHAW Life Sciences und Facility Management und erzählt von seinen Erfahrungen im Lockdown.

In dieser herausfordernden Situation werden wir alle gefordert und dies gleich auf mehreren Ebenen. Es entstehen viele neue Möglichkeiten, es öffnen sich neue Türen und gleichzeitig entstehen neue Herausforderungen und Unsicherheiten. Für mich war es zunächst schwierig mich mit dieser Situation zurecht zu finden, mittlerweile bin ich dieser Chance dankbar und genau darüber möchte ich berichten.

Die Chancen und Schwierigkeiten des Online-Studiums

Online-Studium

Mein erster Gedanke, als ich den Entscheid des Bundesrates vom 16. März 2020 hörte, war, dass ich extrem viel Zeit sparen werde (Bundesrat beschliesst Lockdown der Schweiz, 2020). Um nach Wädenswil zu kommen, muss ich nämlich zweieinhalb Stunden Zug fahren, einfache Fahrt versteht sich. Durch die Online-Vorlesungen konnte ich mir diesen Weg jeden Morgen sparen. Ich sah darin eine grosse Chance, mehr Zeit für das Selbststudium investieren zu können. Es stellte sich aber heraus, dass ich die zusätzliche Zeit anderweitig verwendete. Netflix, X-Box, aber auch das Velo standen immer griffbereit und dadurch habe ich meinen vorgesehen Lern-Zeitplan nicht ein- gehalten.

Weg mit den Ablenkungen und her mit der Arbeit

Nach ein paar Wochen Eingewöhnungszeit fand ich aber ein gutes Mass zwischen Ablenkung und Konzentration. Ich plane nun meine Woche vor und teile mir Zeiten zum Lernen, aber auch Zeiten zum Entspannen ein. Das schafft einen guten Ausgleich und motiviert. Mit dem Wechsel auf das Online-Studium finde ich mich mittlerweile grösstenteils zurecht. Am meisten Mühe hatte ich mit den Praktika, da ich ein praxisbezogener Mensch bin. Ich halte mich sehr gerne im Labor auf und sehe grosse Chancen im «Lernen durch Versuch und Irrtum» von E. L. Thorndike (Operante Konditionierung nach Thorndike, ohne Datum) Dieser Theorie-Praxis-Transfer fehlte mir sehr. Am herausforderndsten fand ich die Gruppenarbeiten. Viele meiner Mitstudenten arbeiten neben dem Studium, es ist dadurch schwierig gemeinsame Termine zu finden. Ausserdem fehlte mir der persönliche Kontakt und Austausch. Durch die – nicht immer optimale – Internetverbindung war es zum Teil eine Herausforderung, alles richtig zu verstehen. Dennoch bleibe ich der Meinung, dass es gewinnbringend sein kann, gewisse Module weiterhin online anzubieten. Module, in welchen keine praktischen Übungen stattfinden, wie Mathematik, Physik oder auch Informatik, ist es meiner Meinung nach sogar sinnvoller, die Module weiterhin online abzuhalten und lediglich die Prüfungen vor Ort stattfinden zu lassen. Ausserdem sind hier die Aufgaben gut geeignet, um sie im Selbststudium zu ergründen.

Arbeit, Hund, Studium und nebenbei noch Zeit zum Erholen?

Multitasking

Um mein Vollzeitstudium finanzieren zu können, muss ich, wie viele andere Studierende auch, arbeiten gehen (Bundesamt für Statistik, 2010). Als Nebenjob arbeite ich normalerweise in einem Wellnessbad als Badmeister und im Sommer in einem Freibad. Da beides zurzeit ins Wasser fällt, wurde mir eine Stelle in der Entsorgungsstelle meiner Gemeinde angeboten. Ich arbeite deswegen von Montag bis Samstag jeweils vier Stunden am Tag. Dadurch sind meine finanziellen Sorgen abgedeckt. Seit etwa einem Monat habe ich den Hund eines Familienmitglieds übernommen. Der Hund ist pflegeleicht, braucht aber viel Auslauf, gleichzeitig spendet er viel Trost und Freude. Alles unter einen Hut zu bringen, ist nicht einfach, wird aber trotzdem von mir erwartet. Ich habe hohe Ansprüche an mich selbst und bin bestrebt, mein Studium mit guten Noten abzuschliessen. Es wurde mir jedoch bewusst, dass ich nicht überall 100% geben kann. Deswegen entschied ich mich, mein Arbeitspensum zu reduzieren. Ausserdem habe ich mir SMART formulierte Ziele gesetzt, um meine Erfolge messen zu kön- nen. Dabei habe ich darauf geachtet, dass ich meine Grobziele in mehrere Feinziele unterteile, um in kleinen Schritten das Semester bestehen zu können (Reichel, 2017). Das strukturierte Vorgehen schenkte mir mehr Erholungszeit, die sich positiv auf meinen Gemütszustand auswirkt.

Weniger Sport durch den Lockdown oder wiederentdecken einer altgeliebten Sportart?

Fahrrad fahren

Der Weg zur ZHAW LSFM fiel weg, die langen Spaziergänge zwischen den Gebäuden und dem Bahnhof ebenfalls. Das re- gelmässige Schwimmengehen konnte auch nicht mehr stattfinden. Dafür sah ich mich eingeschlossen in der Woh- nung. Durch den Hund konnte ich weiterhin spazieren gehen, ansonsten gab es nur wenig zu tun. So kam es, dass ich eine alte, schon fast vergessene Liebe neu aufflammen lassen konnte: das Velofahren. Ich schnappte mir mein
Rennvelo und machte zunächst eine kleine Runde. Dabei merkte ich, wie sehr ich das vermisst hatte. Es war ein tolles Gefühl, wieder Vollgas zu geben und einfach zu fahren. Nun verstehe ich das Zitat von J. F. Kennedy: „Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren“ (Fahrrad Sprüche: 20 wunderbare Fahrrad-Zitate, 2012-2019).

Kein Ende, sondern ein Anfang

Save the world

Es ist und bleibt eine schwierige Zeit, dennoch bleibe ich der Meinung, dass ich viel Neues lernen konnte. Ich hoffe, dass wir am Ende dieser Zeit viele positive Erfahrungen mitnehmen, um gemeinsam in eine andere, neuere Lebensart starten zu können.

Quellen

Abbildungsverzeichnis