Rund 1,5 Millionen Menschen in der Schweiz leben mit einer körperlichen Behinderung. Hinzu kommen viele ältere Menschen mit Mobilitäts- oder Sinneseinschränkungen. Gleichzeitig werden Friedhöfe zunehmend zu wichtigen öffentlichen Grün- und Erholungsräumen. Ein Forschungsprojekt der ZHAW zeigt, wie inklusive Friedhöfe entstehen können und warum Barrierefreiheit alleine nicht genügt.
Friedhöfe neu denken
Friedhöfe erfüllen heute viele Funktionen. Sie sind Orte des Erinnerns, aber auch öffentliche Grünräume, die Erholung, Bewegung und Begegnung ermöglichen. Gerade in dicht besiedelten Gebieten tragen sie zur Lebensqualität und Gesundheit der Bevölkerung bei. Damit sie diese Rolle für alle Menschen erfüllen können, braucht es mehr als hindernisfreie Wege.
Wer einen Friedhof selbstständig nutzen will, muss sich sicher bewegen und gut orientieren können. Ebenso wichtig sind verständliche Informationen und eine einladende Atmosphäre. Erst das Zusammenspiel von baulichen, kommunikativen und sozialen Massnahmen macht einen Friedhof wirklich inklusiv.
Ein Forschungsprojekt aus der Praxis
Wie lassen sich Friedhöfe so gestalten, dass sie allen Menschen offenstehen? Dieser Frage geht das ZHAW-Forschungsprojekt «Inklusive Friedhöfe für Menschen mit Mobilitäts- und Sinnesbehinderungen – für mehr Bewegung, Begegnung und Nutzungsvielfalt» (2025–2028) des Instituts für Umwelt und Natürliche Ressourcen nach. Die Forschungsgruppe «Grün und Gesundheit» entwickelt zusammen mit Menschen mit Behinderungen konkrete Lösungen für eine inklusive Gestaltung von Friedhöfen. Die Erkenntnisse bündelt das Team in einem öffentlich zugänglichen Praxishandbuch.
Für das Projekt besuchte das Forschungsteam Friedhöfe in Basel, Biel, Luzern, Winterthur und Zürich. Es analysierte die Infrastruktur, führte Interviews und Begehungen mit Menschen mit körperlichen Behinderungen durch und tauschte sich mit Friedhofsleitungen sowie weiteren Akteur:innen aus.
Besonders wichtig war der partizipative Ansatz. Menschen mit Behinderungen und ihre Organisationen beteiligten sich von Anfang an an der Analyse und Bewertung der Friedhöfe. Sie machten auf Hindernisse aufmerksam und brachten ihre Perspektiven direkt in den Forschungsprozess ein. So identifizierte das Forschungsteam Barrieren, die in klassischen Planungsprozessen nicht immer Beachtung finden.
Barrieren sind vielfältig
Die Ergebnisse zeigen deutlich: Barrieren begegnen den Menschen im Alltag auf ganz unterschiedliche Weise.
Physische Hindernisse erschweren den Zugang
Am sichtbarsten sind physische Hindernisse. Kieswege, Stufen oder steile Wege erschweren die Nutzung. Fehlende Handläufe oder schlecht erkennbare Stufen erhöhen zusätzlich das Sturzrisiko. Eine Rollstuhlnutzerin berichtete beispielsweise, dass sie häufig lange Umwege in Kauf nehmen muss, sofern überhaupt ein hindernisfreier Zugang vorhanden ist.
«Hier gibt es zwar eine Toilette, aber um dorthin zu gelangen, muss man die Treppe hoch – das schaffe ich nicht ohne Hilfe. Es gibt zwar einen Treppenlift weiter vorne, aber den habe ich noch nie benutzt. Ich kenne mich damit zu wenig aus und weiss nicht genau, wie er funktioniert. Da ich technisch nicht so begabt bin, ist das für mich nicht wirklich praktisch. Ausserdem müsste die Toilette viel besser ausgeschildert sein. Im Moment findet man sie eigentlich nur, wenn man ohnehin schon weiss, dass sie da ist.»
Rollatornutzerin, 82 Jahre

Fehlende Orientierung schafft Unsicherheit
Auch die Orientierung bereitet vielerorts Schwierigkeiten. Häufig fehlen gut sichtbare Wegweiser oder kontrastreiche Markierungen. Informationen sind teilweise nur digital verfügbar oder nicht barrierefrei aufbereitet.
«Treppen und Hindernisse ohne Kontraste sind für mich gefährlich. Ein weiß markierter Rand würde schon helfen, Stürze zu vermeiden.»
Person mit Seh-, Hör- und Mobilitätseinschränkungen, 95 Jahre

Soziale Barrieren bleiben oft unsichtbar
Weniger offensichtlich, aber genauso wichtig sind soziale und kommunikative Barrieren. Viele Menschen wissen nicht, an wen sie sich wenden können. Andere fühlen sich bei Veranstaltungen ausgeschlossen oder können bestehende Angebote aufgrund ihrer Einschränkungen nicht nutzen.
«Das Ruftaxi könnte ich nicht rufen – ich habe ja kein Handy. Früher fuhr der Bus immer in regelmässigen Runden, sodass man wusste, er kommt irgendwann wieder vorbei. Das hat mir beim Spazierengehen ein Gefühl von Sicherheit gegeben.»
Rollatornutzerin, 82 Jahre
Barrierefreiheit ist nur der erste Schritt
Obwohl das Projekt noch bis Mitte 2028 läuft, zeigt sich bereits eine zentrale Erkenntnis: Inklusion beginnt mit Barrierefreiheit – endet dort aber nicht.
Ob Menschen einen Friedhof tatsächlich nutzen, hängt nicht nur von physischen Barrieren ab. Auch psychische Barrieren wie Unsicherheit oder Angst sowie soziale und organisatorische Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Ein Ort kann zwar technisch zugänglich sein. Wenn sich Menschen dort jedoch nicht sicher fühlen, keine Unterstützung finden oder sich nicht willkommen fühlen, bleiben sie oft fern.
Hinzu kommt: Viele Menschen leben mit mehreren Einschränkungen gleichzeitig. Lösungen, die nur auf eine einzelne Behinderung ausgerichtet sind, greifen deshalb häufig zu kurz. Inklusive Gestaltung muss unterschiedliche Bedürfnisse zusammendenken.
«Ich habe zwar ein Handy, aber sehe nicht gut genug, um eine Nummer einzugeben. Und ich könnte auch am Hörer nichts verstehen, da ich ja fast taub bin.»
Ältere Person mit Seh-, Hör- und Mobilitätseinschränkungen, 95 Jahre
Was in der Praxis funktioniert
Aus den bisherigen Erkenntnissen lassen sich bereits konkrete Empfehlungen ableiten.
Eine inklusive Infrastruktur umfasst befestigte Wege statt Kies, automatische Türen, Handläufe sowie gut erkennbare Markierungen. Ebenso wichtig sind Informationen in einfacher Sprache, taktile Orientierungshilfen und analoge Alternativen zu digitalen Angeboten. Auch soziale Aspekte tragen wesentlich zur Inklusion bei. Gut platzierte Sitzgelegenheiten, klar strukturierte Veranstaltungen und geschulte Mitarbeitende fördern Begegnungen und vermitteln Sicherheit.
Herausforderungen gemeinsam meistern
Die Entwicklung inklusiver Friedhöfe bringt unterschiedliche Herausforderungen mit sich. Die Bedürfnisse der verschiedenen Nutzer:innengruppen sind vielfältig und teilweise sehr unterschiedlich. Gleichzeitig erfordert ein partizipativer Ansatz Zeit und Engagement. Viele Beteiligte sind stark ausgelastet, andere trauen sich eine aktive Mitwirkung nicht zu.
Hinzu kommt, dass zahlreiche Friedhöfe unter Denkmal- oder Ortsbildschutz stehen. Bauliche Anpassungen sind deshalb oft nur eingeschränkt möglich.
Die Erfahrungen aus dem Projekt zeigen jedoch: Häufig liegt die grösste Herausforderung nicht in der technischen Umsetzung. Entscheidend sind vielmehr Sensibilisierung, Zusammenarbeit und die Bereitschaft, Inklusion frühzeitig mitzudenken.
Erkenntnisse für die Praxis
Die Erkenntnisse reichen weit über Friedhöfe hinaus. Wer öffentliche Freiräume plant, sollte Inklusion von Anfang an berücksichtigen – nicht erst im Nachhinein. Hochschulen können angehende Fachpersonen frühzeitig für das Thema sensibilisieren und sie praxisnah und interdisziplinär an das Thema heranführen. Politik und Verwaltung sollten Gleichstellung konsequent auch bei der Gestaltung öffentlicher Räume berücksichtigen.
Vier Erkenntnisse sind dabei besonders wichtig:
- Inklusion frühzeitig einplanen statt nachträglich ergänzen.
- Betroffene einbeziehen, denn sie kennen ihre Bedürfnisse am besten.
- Ganzheitlich denken und bauliche, kommunikative sowie soziale Aspekte gemeinsam berücksichtigen.
- Kleine Massnahmen ernst nehmen, denn oft entfalten gerade sie eine grosse Wirkung.
Zum Schluss bringt es ein Friedhofsleiter auf den Punkt:
«Unser Ziel ist es, dass die Menschen den Friedhof nicht nur mit Trauer und Beerdigungen verbinden, sondern auch mit positiven Momenten. Wir wollen, dass die Leute positive Erlebnisse mit nach Hause nehmen und den Friedhof als Ort der Ruhe und Erholung erleben können.»
Autorinnen und Kontakt:
Dorit van Meel
Petra Köchli
Eva Baier
Forschungsgruppe «Grün und Gesundheit» ,
ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR)
Redaktion: Andrea van der Elst, ZHAW IUNR
Projektteam: ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen, ZHAW Institut für Pflege, Schweizer Paraplegiker-Forschung, Hindernisfreie Architektur – Die Schweizer Fachstelle, Sensability – Expertise für Inklusion, Vereinigung Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter (VSSG) sowie Bund Schweizer Landschaftsarchitekt und Landschaftsarchitekten (BSLA)
Förderung: Age-Stiftung und Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (EBGB).