Bachelor-Studierende Rahel Araujo dos Santos untersucht auf einer Wiesenfläche im Tessin den Einfluss des Einjährigen Berufkrauts (Erigeron annuus) auf die heimische Vegetation und Pflanzenvielfalt.

Was passiert, wenn ein Neophyt auftaucht? Eine Spurensuche in der Schweizer Pflanzenwelt

Neophyten gelten als Bedrohung für die Biodiversität. Doch verdrängen sie tatsächlich einheimische Pflanzen? Forschende der ZHAW zeigen am Beispiel des Einjährigen Berufkrauts (Erigeron annuus), wie verschiedene wissenschaftliche Methoden dieser Frage auf den Grund gehen. Die Spurensuche führt zu einem überraschenden Ergebnis: Unter den untersuchten Bedingungen liess sich kein negativer Effekt auf die einheimische Pflanzenvielfalt nachweisen.

Neophyten sind Pflanzen, die seit der Entdeckung Amerikas durch menschliche Aktivitäten in die Schweiz gelangt sind. Einige haben sich etabliert und sind heute weit verbreitet.

Wie nicht-heimische Pflanzen in der Schweiz eingestuft werden, hängt von verschiedenen Kriterien ab. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) überprüft diese Einschätzungen regelmässig und veröffentlicht etwa alle 15 Jahre eine aktualisierte Liste. Dabei fliessen wissenschaftliche Studien, Risikobeurteilungen und Expertenwissen ein. Die aktuelle Liste stammt aus dem Jahr 2022.

Neophyten im Fokus – doch wie viel wissen wir tatsächlich?

Wie gut die Auswirkungen einzelner Arten wissenschaftlich untersucht sind, ist jedoch sehr unterschiedlich. Eine Literaturauswertung der Forschungsgruppe Vegetationsökologie des ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen zeigt: Zu vielen nicht-heimischen Gefässpflanzen gibt es nur wenige oder gar keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu ihren konkreten Auswirkungen auf die heimische Biodiversität.

Wie lässt sich also der Einfluss eines einzelnen Neophyten zuverlässig messen?
Dafür gibt es verschiedene wissenschaftliche Ansätze. Jeder liefert ein anderes Puzzleteil und hilft, Ursache und Wirkung besser auseinanderzuhalten.

Die Tücke mit Ursache und Wirkung

Eine Wiese, viele Pflanzenarten und dazwischen ein Neophyt. Auf den ersten Blick scheint die Sache klar: Je mehr vom Neophyten wächst, desto weniger Platz bleibt für andere Pflanzen.

Doch der erste optische Eindruck kann täuschen. Man muss genau hinschauen, ob die Artenzahl tatsächlich niedriger ist, wenn ein Neophyt mit hoher Deckung vorkommt. Obwohl das so plausibel erscheint, trifft es längst nicht immer zu.

Selbst wenn eine Fläche viele Neophyten und gleichzeitig wenige einheimische Pflanzen aufweist, bleibt eine entscheidende Frage offen:

Verdrängt der Neophyt andere Arten oder wächst er dort besonders gut, wo die Bedingungen ohnehin ungünstig für hohe Artenzahlen sind, etwa weil sie sehr nährstoffreich oder intensiv genutzt sind?

Wiesenfläche in Ollon (VD) mit 85 Prozent Deckung durch das Einjährige Berufkraut (Erigeron annuus).
Überwiegend Erigeron annuus – und trotzdem artenreich: In Ollon (VD) wurden auf 1 m² trotz 85 % Deckung des Neophyten 28 weitere Gefässpflanzenarten erfasst. Wenige Meter daneben waren es bei nur 0,7 % Deckung sogar nur 20 Arten. Das Beispiel zeigt: Eine hohe Deckung eines Neophyten bedeutet nicht automatisch eine geringere Biodiversität.

Die Wiese wird zum Forschungslabor

Für ihre Untersuchung des Einjährigen Berufkrauts suchten die Forschenden deshalb nicht einfach Wiesen mit und ohne Neophyt.

Sie nutzten lokale Invasionsgradienten – also Flächen mit unterschiedlich viel Erigeron annuus. An zehn Standorten rund um Zürich untersuchten sie kleinräumige Flächen von keinem/wenig bis zu einem hohen Anteil der Art.

Der Vorteil: Die Flächen lagen nahe beieinander und gehörten zur gleichen Pflanzengemeinschaft. Viele andere Bedingungen waren dadurch nahezu identisch – Exposition, Boden, Landnutzung.

Wiesen werden so zu einem natürlichen Labor: Was verändert sich dort, wo die Dichte des Neophyten zunimmt?

Die Forschenden erfassten dabei die vorkommenden Pflanzenarten und deren ökologische Eigenschaften.

Ein Quadratmeter voller Hinweise

Wiesen können gleich viele Pflanzenarten beherbergen und sich trotzdem ökologisch deutlich unterscheiden.

Deshalb analysierten die Forschenden zusätzlich Eigenschaften der Pflanzen – etwa ihre Ansprüche an Nährstoffe, Licht, Feuchtigkeit oder Temperatur sowie unterschiedliche Strategietypen.

Das Ergebnis: Mit zunehmender Dichte des Einjährigen Berufkrauts liess sich weder eine Abnahme der einheimischen Artenvielfalt noch eine grundlegende Veränderung der untersuchten ökologischen Eigenschaften feststellen.

Das bedeutet: An den untersuchten Standorten war ein negativer Effekt auf die Biodiversität statistisch nicht nachweisbar.

Rahel Araujo dos Santos bei der Feldarbeit im Tessin. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit untersucht sie den Einfluss des Neophyten Erigeron annuus auf die heimische Vegetation und Biodiversität in vier Regionen der Schweiz.
Forschung zu Erigeron annuus: Rahel Araujo dos Santos untersucht in vier Regionen der Schweiz, wie der Neophyt Erigeron annuus die heimische Vegetation und Pflanzenvielfalt beeinflusst. Hier arbeitet sie auf einer Untersuchungsfläche im Tessin.

Was passiert, wenn man den Neophyten entfernt?

Ursache und Wirkung können auch mit Experimenten untersucht werden. Dabei entfernt man den Neophyten aus einer Fläche und beobachtet anschliessend, wie sich die Vegetation entwickelt. Verglichen mit Beobachtungen an lokalen Invasionsgradienten, lassen sich damit Ursache und Wirkung besser unterscheiden

Doch auch dieser Ansatz hat Tücken: Wer eine Pflanze entfernt, verändert gleichzeitig den Lebensraum. Die Vegetation wird gestört, offene Bodenstellen werden geschaffen. Veränderungen müssen deshalb nicht zwingend auf das Fehlen des Neophyten zurückgehen.

Experimente erlauben kontrolliertere Aussagen, können aber selbst neue Einflussfaktoren schaffen. Zudem sind Experimente naturgemäss räumlich eng begrenzt und erlauben daher keine allgemeingültigen Aussagen über grössere Regionen.

Vom Datensatz zum grossflächigen Muster

Liegen viele Vegetationsaufnahmen vor, lässt sich der Einfluss von Neophyten statistisch untersuchen. Die grossen Datenmengen – komplette Artenlisten mit Mengenanteilen definierter Probeflächen – ermöglichen es, Zusammenhänge zu erkennen und Umwelteinflüsse statistisch zu berücksichtigen.

Anders als bei Invasionsgradienten müssen die Untersuchungsflächen nicht räumlich nah beieinanderliegen. Stattdessen lassen sich Umweltunterschiede statistisch berechnen. So kann man den erwarteten Artenreichtum ohne Neophyten mit dem tatsächlich beobachteten vergleichen.

Doch auch diese Methode hat Grenzen. Im Vergleich zu Experimenten oder lokalen Invasionsgradienten ist die Kausalität etwas schwächer belegt. Dafür lassen sich die Ergebnisse besser auf grössere geografische Räume übertragen – etwa auf ganze Länder.

Keine einzelne Methode liefert das vollständige Bild. Erst die Kombination verschiedener Ansätze zeigt, welche Rolle Neophyten für die Biodiversität spielen.

Die ZHAW Forschungsgruppe Vegetationsökologie nutzt deshalb ein breites Methodenspektrum. Dazu gehört in der Wissenschaft auch, offen dafür zu sein, dass Ergebnisse anders ausfallen können als erwartet.

Zwei Neophyten, zwei Geschichten

Wie unterschiedlich die Ergebnisse ausfallen können, zeigt der Vergleich zweier Neophyten: des Einjährigen Berufkrauts (Erigeron annuus) und des Italienischen Raygrases (Lolium multiflorum).

Beim Einjährigen Berufkraut fanden die Forschenden an den untersuchten Standorten keinen negativen Effekt auf die einheimische Pflanzenvielfalt.

Beim Italienischen Raygras zeigt eine aktuelle Untersuchung dagegen einen deutlichen negativen Effekt auf die Artenvielfalt. Dafür wurden zufällig ausgewählte Flächenpaare innerhalb von Landnutzungsparzellen ausgesucht, bei denen sich die Deckung des Neophyten unterschied, aber Boden, Exposition, Landnutzung, Düngung und Schnitthäufigkeit praktisch identisch waren.

In beiden Fällen weichen die wissenschaftlichen Befunde von der offiziellen Einstufung der Arten auf der BAFU-Liste ab. Einstufung und tatsächlich gemessener Effekt auf die Pflanzenvielfalt müssen also nicht übereinstimmen.

Das zeigt: Es gibt nicht den einen Effekt von Neophyten auf die Biodiversität. Entscheidend ist, welche Art unter welchen Bedingungen untersucht wird.

Einjähriges Berufkraut (Erigeron annuus) auf einer Wiesenfläche in der Schweiz.
Einjähriges Berufkraut (Erigeron annuus): Anders als beim Italienischen Raygras liess sich auf den untersuchten Flächen kein negativer Effekt des Neophyten auf die heimische Pflanzenvielfalt nachweisen.
Italienisches Raygras (Lolium multiflorum), ein aus Südeuropa stammender Neophyt, auf einer Wiesenfläche in der Schweiz.
Italienisches Raygras (Lolium multiflorum): Der aus Südeuropa stammende Neophyt gilt laut BAFU als harmlos für die heimische Biodiversität. Eine aktuelle Studie zeigt jedoch einen negativen Effekt auf die Pflanzenvielfalt.

Jetzt wird aus Zürich die ganze Schweiz

Die zwei Untersuchungen im Kanton Zürich sind erst ein Teil des Bildes.

Eine aktuelle Studie von Rahel Araujo dos Santos, Bachelorstudentin im Studiengang Umweltingenieurwesen an der ZHAW, untersucht das Einjährige Berufkraut in vier Regionen der Schweiz: Zürich, Tessin, St. Gallen und Waadt. Dafür werden lokale Invasionsgradienten verglichen – von Flächen mit wenig oder keinem Berufkraut bis zu Standorten mit hoher Dichte. So soll geklärt werden, ob sich die bisherigen Befunde aus der Region Zürich auf andere Regionen der Schweiz übertragen lassen. Bei der Auswahl der Untersuchungsflächen unterstützen lokale Expertinnen und Experten.

Die Feldaufnahmen sind abgeschlossen, die Auswertung läuft.

Parallel werden Daten aus nationalen Biodiversitätsmonitoring-Programmen ausgewertet. Sie sollen zeigen, welche Neophyten in Schweizer Wiesen vorkommen und ob ihr Auftreten unter vergleichbaren Bedingungen mit einer geringeren, ähnlichen oder höheren einheimischen Pflanzenvielfalt verbunden ist.

Noch liegen diese Ergebnisse nicht vor. Die spannende Frage lautet:

Lässt sich das Muster aus Zürich auf andere Regionen der Schweiz und andere Arten übertragen oder zeigt sich dort ein anderes Bild?

Vom Verdacht zur Evidenz

Die Spurensuche nach dem Einfluss von Neophyten führt nicht zu einer einfachen Antwort, sondern zu besseren Fragen.

Welche Arten sind betroffen? Unter welchen Umweltbedingungen? Wie stark ist ein möglicher Effekt? Und lässt sich tatsächlich ein kausaler Zusammenhang nachweisen?

Feldvergleiche zeigen, was unter natürlichen Bedingungen passiert. Experimente untersuchen einzelne Einflussfaktoren gezielter. Grosse Vegetationsdatenbanken erlauben, Befunde auf das ganze Land hochzurechnen.

Erst wenn diese Puzzleteile zusammenkommen, entsteht ein belastbareres Bild davon, welche Rolle Neophyten in der Schweizer Pflanzenwelt tatsächlich spielen.

Denn manchmal beginnt eine grosse Forschungsfrage mit etwas ganz Kleinem: einem Quadratmeter Wiese, einer Pflanze und dem genauen Blick darauf, was daneben wächst.


Jürgen Dengler (Autor)

Forschungsgruppe Vegetationsökologie,
ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR)

Redaktion: Andrea van der Elst, ZHAW IUNR


Weitere Infos & Publikationen

Bundesamt für Umwelt (BAFU) (2022). Gebietsfremde Arten in der Schweiz – Übersicht über die gebietsfremden Arten und ihre Auswirkungen. Stand 2022. Bern: Bundesamt für Umwelt. PDF

Buhl, C. (2026). Neophyten: Diese sechs Pflanzen müssen raus – oder eben nicht. SRF Wissen. https://www.srf.ch/wissen/natur-tiere/tipps-fuer-hobbygaertner-neophyten-diese-sechs-pflanzen-muessen-raus-oder-eben-nicht

Genucchi, K., Widmer, S., Billeter, R. & Dengler, J. (2025). No negative impact of Erigeron annuus on native plant diversity: A case study from Northern Switzerland. Tuexenia, 45, 429–444. https://doi.org/10.14471/2025.45.013


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Person bei einer Vegetationsaufnahme im Feld: Pflanzen werden systematisch erfasst und vermessen. Die Feldarbeit ist Teil des CAS Vegetationsanalyse & Feldbotanik der ZHAW und vermittelt praxisnahe Methoden der Feldbotanik und Vegetationsökologie.
Vegetationsaufnahme im Feld: Im CAS Vegetationsanalyse & Feldbotanik lernen Teilnehmende, Vegetation systematisch zu erfassen, fundierte Felddaten zu erheben und diese für Biodiversitätsmonitoring, Erfolgskontrollen und ökologische Analysen auszuwerten.


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