Klimaresiliente Städte erleben und verstehen – von Kopenhagen nach Malmö

Wie werden Städte klimaresilient? Und was können wir von Nordeuropas Vorreitern in nachhaltiger Mobilität, innovativen Grünräumen und Klimaanpassung lernen? Eine internationale Exkursion von Kopenhagen nach Malmö im Vorfeld des European Forum on Urban Forestry (EFUF) brachte genau diese Fragen in Bewegung. Beim Green Future Ride erkundete die Gruppe die Route mit dem Velo und erlebte aktuelle Ansätze der Stadt- und Klimaforschung unmittelbar im urbanen Raum.

Die klimaresiliente Transformation unserer Städte zählt zu den zentralen Aufgaben des 21. Jahrhunderts. Klimawandel, Biodiversitätsverlust und zunehmende Nutzungskonflikte im urbanen Raum stellen Planung, Forschung und Praxis vor komplexe Herausforderungen. Gefragt sind Fachpersonen, die ökologische, soziale und infrastrukturelle Zusammenhänge verstehen und innovative Lösungen über Disziplingrenzen hinweg entwickeln können.

Wenn Mobilität Stadtentwicklung sichtbar macht

Kopenhagen gilt seit Jahren als internationale Referenzstadt für nachhaltige Mobilität. Doch erst auf dem Fahrrad wird wirklich spürbar, wie eng Verkehr, Stadtplanung und urbanes Grün miteinander verflochten sind. Hier ist man nicht allein unterwegs: In der dänischen Hauptstadt ist das Velo kein Freizeitgerät, sondern ein selbstverständliches Verkehrsmittel des Alltags.

Breite Velowege, eigene Ampelsysteme für Velofahrende, durchdachte Verkehrsführungen und eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz schaffen ein Umfeld, in dem nachhaltige Mobilität nicht nur möglich, sondern selbstverständlich und attraktiv ist.

Während des mehrtägigen Green Future Ride legte eine internationale Gruppe aus Studierenden, Forschenden und Berufseinsteigenden die Strecke von Kopenhagen nach Malmö überwiegend mit dem Velo zurück. Auf der Route wurden Baumalleen, Parks, Regenwassersysteme, Strassenräume und urbane Wälder erlebbar – nicht als einzelne Projekte, sondern als zusammenhängendes Netz grüner Infrastruktur.

Gerade für Fachpersonen im Bereich Urban Forestry wird dabei bewusst, dass die Wirkung einzelner Elemente stark von ihrem räumlichen Kontext und ihrer Vernetzung im Stadtraum abhängt.

«Wer eine Stadt mit dem Fahrrad erkundet, erlebt ihre grünen Infrastrukturen als zusammenhängendes System. Genau diese Perspektive brauchen wir, um klimaresiliente Städte zu planen und weiterzuentwickeln.»
Stefan Stevanovic, Forschungsgruppe Pflanzenverwendung, ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourchen (IUNR)

Gruppenfoto der internationalen Teilnehmenden des Green Future Ride in Malmö. Die Gruppe aus Studierenden, Forschenden und Berufseinsteigenden steht nach der gemeinsamen Veloetappe zusammen und repräsentiert eine Route, auf der grüne Infrastruktur wie Parks, Baumalleen und Regenwassersysteme als vernetztes Stadtgefüge erlebt wurden.

Schwammstadt statt Schadensbegrenzung

Wie Städte auf zunehmende Starkregenereignisse reagieren können, wurde im Kopenhagener Enghaveparken besonders anschaulich.

Der historische Park wurde in den vergangenen Jahren zu einem multifunktionalen Schwammstadtprojekt umgestaltet. Heute kann die Anlage mehr als 22 000 Kubikmeter Regenwasser speichern und so umliegende Quartiere vor Überflutungen schützen.

Dabei verbindet Enghaveparken blaue und grüne Infrastruktur. Während traditionelle Entwässerungssysteme Wasser möglichst schnell ableiten, verfolgen Schwammstadtkonzepte einen anderen Ansatz: Wasser wird zurückgehalten, gespeichert und als Ressource für die Stadt genutzt.

Für Besucherinnen und Besucher bleibt der Park in erster Linie ein attraktiver Aufenthaltsraum mit Spielplätzen, weitläufigen Grünflächen und prägendem Baumbestand.

«Enghaveparken zeigt exemplarisch, dass Klimaanpassung mit Hochwasserschutz, Biodiversität und Aufenthaltsqualität gemeinsam gedacht werden kann.»
Stefan Stevanovic

Im Enghaveparken schützt eine Hochwassermauer den Park vor Starkregen. Sie ist Teil eines Schwammstadtsystems, das Regenwasser speichert und langsam abgibt. So werden umliegende Quartiere vor Überflutung bewahrt.

Urban Farming als Baustein resilienter Städte

Wie vielseitig urbane Räume genutzt werden können, zeigte der Besuch von ØsterGro – Dänemarks erster Dachfarm.

Auf dem Dach eines ehemaligen Autoauktionshauses entstehen Gemüse, Kräuter, Honig und Eier – und damit Lebensmittel direkt im urbanen Raum. Gleichzeitig fungiert der Ort als Bildungsraum, sozialer Treffpunkt und Experimentierfeld für nachhaltige Ernährungssysteme.

Dieses Beispiel veranschaulicht die Multifunktionalität urbaner Infrastrukturen: Bestehende Gebäude werden nicht nur neu genutzt, sondern übernehmen zusätzlich ökologische und gesellschaftliche Funktionen.

Vor dem Hintergrund zunehmender Hitzeperioden, wachsender Flächenkonkurrenz und steigender Anforderungen an die lokale Versorgung gewinnen solche Ansätze in der Forschung zur klimaresilienten Stadtentwicklung kontinuierlich an Bedeutung.

Was uns 850 Jahre alte Bäume über die Zukunft lehren

Neben innovativen Zukunftsprojekten standen auch historische Kulturlandschaften auf dem Programm.

Im Jægersborg Dyrehave begegnete die Gruppe einigen der ältesten Bäume Dänemarks. Besonders eindrücklich war die Begegnung mit der rund 850 Jahre alten Eiche Skovfogedegen.

Für die Forschung von Stadtwälder sind Veteranenbäume weit mehr als historische Zeugen. Sie sind wertvolle Lebensräume, Biodiversitätshotspots und lebendige Beispiele für die langfristige Entwicklung von Baumökosystemen.

Gleichzeitig verdeutlichen sie eine zentrale Herausforderung urbaner Grünplanung: Die Entscheidungen von heute prägen die Stadtlandschaften kommender Generationen. Baumartenwahl, Standortgestaltung und Pflegekonzepte wirken oft über viele Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinweg.

Auch der Besuch des Karen-Blixen-Museums zeigte eindrücklich, wie individuelle Entscheidungen langfristige ökologische Wirkung entfalten können. Die von der Schriftstellerin gewünschte Umwandlung ihres Parks in ein Vogelschutzgebiet prägt die Landschaft bis heute.

Im Jægersborg Dyrehave trifft eine Gruppe auf die rund 850 Jahre alte Eiche Skovfogedegen, einen der ältesten Bäume Dänemarks, der als mächtiger Veteranenbaum in der Waldlandschaft steht und die lange Entwicklung von Waldökosystemen sichtbar macht.

Lernen durch Forschen im Freiraum

Ein zentraler Bestandteil der Exkursion war die aktive Auseinandersetzung mit realen Landschaftsräumen.

In Helsingborg arbeiteten die Teilnehmenden in interdisziplinären Teams und analysierten unterschiedliche Standorte aus Perspektiven der Biodiversität, Landschaftsgestaltung, Nutzung und Klimaanpassung. Untersucht wurden unter anderem der Übergang von der Küstenlandschaft zum Stadtwald Palsjö Skog sowie die historischen Gartenanlagen von Sofiero.

Dieses Format des forschenden Lernens entspricht aktuellen Erkenntnissen der Hochschuldidaktik: Komplexe Herausforderungen der nachhaltigen Stadtentwicklung lassen sich besonders effektiv verstehen, wenn theoretisches Wissen mit direkter Beobachtung, Datenerhebung und kritischer Reflexion verbunden wird.

Die Stadt der Zukunft ist eine Lernaufgabe

«Klimaresiliente Städte entstehen nicht durch einzelne Leuchtturmprojekte. Entscheidend ist das Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Mobilität, Grünräumen, Wasserhaushalt und gesellschaftlicher Nutzung. Solche Zusammenhänge werden vor Ort greifbar
Stefan Stevanovic

Für Fachpersonen liegt die Herausforderung darin, diese Zusammenhänge zu erkennen und in Planung, Forschung und Praxis zu integrieren. Wer die Städte von morgen gestalten will, muss deshalb nicht nur Wissen erwerben, sondern lernen, komplexe Systeme von Menschen, Natur und Infrastruktur zu verstehen – und Verantwortung für ihre langfristige Entwicklung zu übernehmen.

Redaktion: Andrea van der Elst


Kontakt:

Stefan Stevanovic

Forschungsgruppe Pflanzenverwendung,
EFUF Board member & chair of EFUF NextGen subcomittee,
ZHAW-Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR)



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