Der Ball rollt – springen dürfte er auch gar nicht, zumindest nicht über Hüfthöhe. So besagt es eine der dreizehn Regeln des Walking Footballs. Die Spieler gehen dem Ball hinterher – Rennen ist nicht erlaubt. Die Abwehr auf der einen Seite steht, aber sie kommt mit den Angreifenden nie in Berührung – denn Körperkontakt ist tabu.
Wir befinden uns in der Turnhalle der Primarschule Wünnewil im Kanton Freiburg. Von den siebzehn, die auf der Mitgliederliste der Gehfussballer des FC Wünnewil-Flamatt stehen, sitzen heute sieben auf der Tribüne und nur fünf können am Spiel teilnehmen. Die Walking-Football-Regeln sind sicher effektiv beim Vorbeugen von Verletzungen. Dass in der Regel nur über 60-Jährige teilnehmen, ist zugleich der Grund für die Absenzen auf dem Spielfeld: Beschwerden nehmen auch unabhängig von Sportaktivitäten mit dem Alter zu.

Auf der Tribüne ist die Rede von Arthrose, Meniskusschäden, Hüftoperationen und Spitalaufenthalten. Man nimmts mit Humor: So wird zum Vergleich eine Bekannte zitiert, die geklagt habe, dass sie seit einer Operation wie eine 90-jährige Frau herumläuft – woraufhin sie scherzhaft hinzufügte, dass sie ja tatsächlich schon 93 Jahre alt sei. Auch andere Verpflichtungen wie die Betreuung von Enkelkindern – es ist Mittwochnachmittag – verhindern die regelmässige Teilnahme.
«Plusminus» ist ein mit schelmischem Lächeln vorgetragenes Wort, das Kursleiter Paul Dietrich im Gespräch oft benutzt. Es ist symptomatisch für die wohl nicht nur in Wünnewil gepflegte Walking-Football-Kultur. Das Spielfeld in der Halle (Wintersaison) ist «plusminus» gleich gross wie draussen auf dem Rasen (Sommer). Einige Regeln werden pragmatisch ausgelegt. Ein entgegen dem Reglement erfolgter Schuss aufs Tor von jenseits der Mittellinie wird toleriert. Gezählt werden die Tore eh nicht. Allerdings gibt es eine Schlussphase, in der das letzte Tor über Sieg und Niederlage entscheidet. Beim Besuch der «Buvette» nach dem Spiel wird aber auch dies kein Thema mehr sein.
Ehrgeiz in Schranken halten
Dennoch: Die Regeln, welche die Verletzungsgefahr bannen sollen, werden ernst genommen. Das Aufwärmen ist elementarer Bestandteil. Der körperlichen Gefahren, die auch in dieser Altersdisziplin bestehen können, sind sich die Teilnehmenden bewusst. Dies ist gerade deshalb nötig, weil Ehrgeiz bei den heute auf dem Platz gehenden Männern, von denen ein Grossteil ehemalige FCler sind, durchaus spürbar ist. Immer wieder nimmt das Spieltempo zu und damit auch die Intensität von Stop-and-go-Bewegungen. Da werden Nuancen bei der Beschaffenheit des Untergrunds entscheidend. So hat eine Dame, die im Sommer auf dem Kunstrasen immer dabei war, entschieden, heute dem Spiel auf dem Hallenboden fernzubleiben, da dieser ihre Knie zu stark belasten würde.

Schon bevor Paul Dietrich der Anfrage von Pro Senectute Kanton Freiburg gefolgt war und die Walking-Football-Gruppe zusammen mit Kollegen ins Leben gerufen hatte, war er mit Leidenschaft für den Fussball engagiert: Er trainierte verschiedene Junioren-Gruppen in Wünnewil und im Umland. «Es war die Zeit, als viele Menschen aus Ex-Jugoslawien in die Schweiz kamen. Da war auch in den Vereinen Integrationsarbeit gefragt, in den Fussballclubs erst recht. Diese Arbeit war erfolgreich, wenn man heute schaut!» Paul Dietrich war es auch, der in Wünnewil die Idee eines Kunstrasens lancierte und sich dafür einsetzte, dass dieser auch wirklich eingeführt wurde: «20 Jahre hat das gedauert, aber wir haben es geschafft», sagt er mit Stolz. Als Aktiv-Spieler durchlief er alle Altersstufen, bis er mit 50 Jahren als letzter Station bei den «Veteranen» landete – und anschliessend die Fussball-Altersguillotine zuschnappte. Gehfussball bietet ihm die Möglichkeit, seiner Leidenschaft auch im Alter nachzugehen. Das grösste Highlight für ihn: Dass er nun auch selbst auf dem Kunstrasen spielen kann.
Herzblut als Essenz
Die Grenze zum Alterssport hatte Paul Dietrich aber schon vor seiner Begeisterung für Walking Football überschritten. Für Pro Senectute leitet er seit längerem Schneeschuh- und Wandergruppen, und auch in Petanque-Teams ist er Mitglied. Wenn er betont, dass auch andere Gruppenmitglieder mit «Herzblut» dabei und «gute Seelen» seien, wird deutlich, dass es ihm und den Gehfussballerinnen und -fussballern von Wünnewil um mehr als um Sport allein geht: Es geht auch um Geselligkeit und es braucht Engagement, um die Gruppe beisammenzuhalten. Das beweisen auch die Mitglieder, die heute nicht am Spiel teilnehmen konnten, aber aus Solidarität trotzdem auf der Tribüne Platz nahmen.
Als Sinnbild dafür kann eine weitere Walking-Football-Regel herangezogen werden: Die im konventionellen Fussball geltende Abseitsregel ist aufgehoben – im Walking Football steht niemand im Abseits.
Text: Dieter Sulzer, Kernteam AGe+
Weiterführende Informationen
- Walking Football bei Pro Senectute Kanton Freiburg inkl. Regeln: Walking Football
- Wissenschaftliche Literatur zu Walking Football: ZHAW swisscovery