Elisabeth Schlumpf portrait mohnrot

Wenn ich einst alt bin, trage ich Mohnrot

Dieses Jahr werde ich vierundneunzig. Ich habe nie daran gedacht, so alt zu werden, habe es mir auch nicht gewünscht. Ich hatte gar keine Zeit, an das Alter zu denken; ich war viel zu beschäftigt mit dem Leben. Etwa mit sechzig realisierte ich zum ersten Mal, dass das Leben endlich ist und wir nicht wissen, wir lang oder wie kurz die Wegstrecke bis zum Horizont ist.

Das neue Etikett für den neuen Lebensabschnitt

Das erste weisse Haar entdeckte ich mit achtundzwanzig. Ich lachte laut, riss es aus und warf es weg. Später, als ich im Spiegel immer mehr Falten entdeckte, beschloss ich, einfach nicht mehr in den Spiegel zu schauen, bis Ich eines Tages zufällig vor einem lebensgrossen Spiegel stand und hinschauen musste. Da wurde mir klar, dass die Prädikate «jung, hübsch und attraktiv» auf mich nicht mehr zutrafen und ich eine andere Etikette brauchte. Die fand ich auch unter dem Stichwort «Würde».

Als ich zugeben musste, dass auch ich alt werde, begann ich mich mit dem Alter zu beschäftigen. Damals gab es noch keine Bücher zum Thema oder nur negativ gefärbte, sodass ich beschloss ein zuversichtliches Buch zu schreiben. So entstand «Wenn ich einst alt bin, trage ich mohnrot.» Heute wimmelt es von Beiträgen und Ratschlägen; sogar auf einer Handcrème, die ich neulich kaufte, stand «antiaging». Der neueste Begriff «longevity» handelt davon, was man tun muss, um alt zu werden, d.h. an Jahren zuzulegen und dabei fit zu bleiben. Ich habe nichts gegen Bewegung und vernünftige Ernährung, aber wo bleibt der Ratgeber für ein erfülltes Alter?

Alt werden wir von selber, reif aber nicht. Wachstum ist ein schönes Lebensziel, sofern es auch spirituelle Erweiterung umfasst. Die Körperkräfte nehmen ab. Ich renne nicht mehr aufs Tram, ich pfeife nicht mehr die Skipiste hinunter, ich tanze höchstens noch vor dem Schlafengehen zu einem griechischen Sirtaki.

Die drei Geisseln des Alters

Krankheit, Armut und Einsamkeit sind die drei Geisseln des Alters. Der Einsamkeit kann man vorbeugen, indem man seine Freundschaften pflegt. Deshalb sind die herbsten Verluste im Alter die von Freundinnen, die sterben oder in die Demenz gehen. Dann verliert man auch den Menschen, den man gekannt hat und mit dem man lebenslang einen gemeinsamen Weg gegangen ist, WeggefährtInnen eben.

Ein anderes schmerzliches Gefühl im Alter ist: Meine Welt geht unter. Nicht, dass ich finde: Früher war alles besser. Es ist anders geworden, schneller atemloser. Im Hawaianischen heisst das Wort für Weisse «HAOLE», das bedeutet atemlos. Mir nimmt das rasante Tempo der Veränderungen manchmal den Atem. Ich komme nicht mehr hinterher, das vorgegebene rasante Tempo überfordert mich. Ich habe mühsam gelernt, mit einem Computer umzugehen, hauptsächlich, weil ich wissen wollte, in welcher Welt mein Enkel aufwächst. Heute wüsste Ich nicht mehr, wie ich ein Buch schreiben sollte ohne das flinke Gerät, das mich vom Tippen, Ausschneiden und Zusammenkleben von Texten befreit hat. Dennoch: ich bin abhängig geworden von einem Computerberater, weil ich das Gerät nicht selber einrichten kann.

Vielleicht ist das eine weitere Crux des Alters: dieses Zugeben der Abhängigkeit, das Lernen, dass ich Hilfe brauche. Ein alter Freund hat einmal zu mir gesagt: Erwachsen sein heisst erkennen, dass man Hilfe braucht und zu wissen, wo man sie sich holen kann. Nach einem weitgehend selbstbestimmten Leben ist das nicht einfach, und es wirft die Frage auf: Worüber habe ich die Kontrolle und worüber nicht? Damit kommt man in die Nähe der existentiellen Fragen von Leben und Tod. Die tiefste Erkenntnis ist wohl, dass wir darüber keine Macht haben, dass wir nicht wissen, wann und wie wir sterben werden. Wie sollen wir damit umgehen? Angst haben vor dem Ausgeliefertsein? Uns ohnmächtig und hilflos fühlen gegenüber einem unberechenbaren Schicksal? Goethe hat es so ausgedrückt: «Was bösen Knaben Fliegen sind, sind wir den Göttern: Sie töten uns zum Scherz.»

Das Bild, das ich dagegensetze, ist ein Schiff, das auf den Wellen des Schicksals schaukelt. Wind und Wetter haben wir nicht in der Hand, aber das Steuer können wir in der Hand behalten. Dafür brauchen wir Kraft und Lebensmut, Verbindung zu andern Menschen, die ebenfalls mit dem Wellengang umgehen müssen.

Elisabeth Schlumpf

Elisabeth Schlumpf, Jahrgang 1932, lebt und arbeitet in Zürich (und in Süddeutschland). Sie ist tätig als Psychotherapeutin und Autorin mehrerer Bücher, u.a. „Wenn ich einst alt bin, trage ich Mohnrot.“
https://www.elisabethschlumpf.ch/

Schlagwörter: Porträt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert