Pflegediagnostik in der Spitex

Pflegediagnostik in der Spitex: Unspektakulär, aber entscheidend

Die Masterabsolventin Nina Budmiger der Spitex Seuzach wurde von Katharina FIerz, der Leiterin des Instituts für Pflege der ZHAW interviewt. Anlass war deren Masterthese, die Pflegediagnostik zu professionalisieren.

Wer bist du und wie kamst du zur Spitex?

Ich arbeite seit 16 Jahren in der Spitex, aktuell als Pflegeexpertin. Eigentlich wollte ich Tiermedizin studieren, doch ein Pflegepraktikum hat alles verändert: Die Nähe zu Menschen, das Arbeiten im Alltag der Klient:innen und die Vielfalt der Situationen haben mich sofort fasziniert. Nach der Ausbildung und einem Jahr im Spital wechselte ich in die Spitex – bis heute „meine Welt“. Dass ich vor allem ältere Menschen betreue, liegt am Setting; entscheidend ist für mich aber der Mensch, nicht das Alter. Mein starkes persönliches Interesse gilt der Family Systems Care (familiensystemischen Pflege), da Angehörige oft stark belastet sind und durch die familiensystemischen Perspektive immer als Mitbetroffene mitgedacht werden.

Was begeistert dich an der Arbeit mit älteren Menschen – und was ist schwierig?

Die Vielfalt der Themen – somatisch wie psychosozial – macht die Arbeit spannend. Kommunikation ist der Schlüssel: Wenn wir Bedürfnisse verstehen und Missverständnisse klären, entsteht Kooperation. Man muss einen „Rucksack“ an fachlichen Tools, Konzepten und Optionen dabeihaben, um im Moment Entscheidungen zu treffen und angemessen handeln zu können. Herausfordernd sind Alleineinsätze mit Beschimpfungen oder Bedrohungen; hier steht der Personalschutz im Vordergrund. Auch die Verantwortung im Spät- und Nachtdienst ist anspruchsvoll, da Pflegende entscheiden müssen, ob eine Situation stabil bleibt oder eine Notfalleinweisung nötig ist. Systemisch erschweren der begrenzte Zugriff auf ärztliche Krankenakten oder fehlende Hintergrundinformationen die Arbeit. Nachtspitex ist selten. Pflege wird dadurch oft reaktiv, obwohl sie analytisch und zielorientiert am wirksamsten wäre.

Wie entstand das Thema deiner MAS-Arbeit?

Ursprünglich wollte ich ein Projekt zur Family Systems Care durchführen. Da dies nicht möglich war, entschieden wir uns für die Professionalisierung der NANDA-I Pflegediagnostik. Ziel war, die Diagnostikkompetenz zu stärken: nicht nur handeln, sondern zuerst denken, analysieren und planen. Der Ansatz: Diagnose → Ziel → Intervention → Evaluation – und dann zurück an den Anfang. Hintergrund war die Beobachtung, dass wir in der Spitex oft interventionsgesteuert arbeiten („Wir machen X“), statt zuerst das pflegerische Problem zu benennen („Wir lösen Y“).

Kannst du das Projekt und das Projektziel kurz beschreiben?

Das Projekt fand in einer betrieblich herausfordernden Situation statt: Eine wenige Jahre zurückliegende Fusion sowie ein Mangel an Fachpersonen waren 2023 deutlich spürbar. Von neun Pflegefachpersonen beteiligten sich fünf aktiv. Der Start zeigte deutliche Skepsis: „Pflegediagnosen sind unnötig.“ Wir reagierten mit praxisnahen Schulungen, Fallbesprechungen nach Müller-Staub, Coaching und der konsequenten Nutzung des InterRAI-Home-Care-Assessments mit CAPs (siehe Infobox) als Brücke zur Diagnose. Ein internes Leitfragenpapier unterstützte den Entscheidungsweg. Ziele waren Kompetenzsteigerung, mindestens eine Pflegediagnose pro Klient:in sowie die Verankerung des Pflegeprozesses (Assessment → Diagnose → Ziel → Massnahmen → Evaluation).

Welchen Nutzen hatten Klient:innen und Angehörige?

Pflegediagnostik ermöglicht gezielte, nachvollziehbare Pflege statt Aktionismus. Probleme werden klar benannt, Ziele formuliert und Massnahmen begründet. Das erhöht Sicherheit, reduziert Fehlleistungen und kann Notfalleinweisungen verhindern. Angehörige profitieren, indem sie beim Assessment einbezogen werden und das Besprechen der Ziele gemeinsam mit den Kund:innen und Angehörigen geschieht. Dadurch entsteht ein gemeinsames Verständnis der Situation; eine gemeinsame Sprache und klare Absprachen werden möglich. Pflegende erleben Entlastung in der Entscheidungsfindung; Pflegehilfen verstehen besser, warum bestimmte Interventionen notwendig sind.

Praxisbeispiel: Die Wunde, die nicht heilen wollte

Eine Klientin wurde wegen einer stagnierenden Wunde angemeldet. Erst die umfassende Analyse zeigte, dass sie Termine vergass und Medikamente unregelmässig einnahm. Die Pflegediagnose „verminderte Gedächtnisleistung“ führte zu neuen Interventionen wie Unterstützung bei Medikamentenorganisation und Terminplanung. Nach zwei Monaten heilte die Wunde ab. Die Ursache lag nicht in der Wunde, sondern im kognitiven Bereich – ohne Pflegediagnostik wäre das wahrscheinlich unentdeckt geblieben.

Wurde das Projektziel erreicht?

Ja. Zum Evaluationszeitpunkt hatten alle Klient:innen Pflegediagnosen, obwohl das Dokumentationssystem dies nicht verlangte. Akzeptanz und Wissen waren deutlich gestiegen, CAPs wurden vermehrt genutzt, werden allerdings aufgrund ihrer Komplexität noch nicht flächendeckend angewendet. Rückfragen bestätigen die Auseinandersetzung mit CAPs und wir haben vermehrt prozessorientiertes Denken festgestellt. Einschränkend wirkte der Zeitaufwand: Fallbesprechungen und Qualitätschecks konnten nicht immer regelmässig stattfinden.

Wie zeigt sich der Erfolg konkret?

Neben der vollständigen Dokumentation von Diagnosen wurden InterRAI-Assessments regelmässiger durchgeführt. CAPs dienen als Diagnosebrücke, das Leitfragenpapier wird geschätzt. Das Team nutzt Coaching proaktiv, fachliche Reflexionen finden häufiger statt. Insgesamt ist die Akzeptanz der Pflegediagnostik deutlich gestiegen.

Gab es Überraschungen?

Der anfängliche Widerstand war grösser als erwartet. Erst konkrete Fallbeispiele überzeugten das Team. Aus „Wir pflegen auch ohne Diagnosen gut“ wurde ein „Es hilft uns“. Personelle Veränderungen brachten neue Offenheit und stabilisierten den Kulturwandel.

Wie ging es nach dem Projekt weiter?

Viele Elemente wurden in den Regelbetrieb übernommen: Schulungen, Fallbesprechungen, Coaching, InterRAI + CAPs sowie das Leitfragenpapier. Die Routinen sind jedoch ressourcenabhängig. Im Alltag zeigt sich mehr analytisches Denken und gezieltere Pflege. Kleine Erfolge in hochkomplexen Patient:innensituationen werden sichtbar und gewürdigt (z. B. konnte die diagnosengeleitete Pflege im Fall von häuslicher Gewalt oder Selbstvernachlässigung Bedingungen für Einsicht und Kooperation schaffen).

Herausforderungen bleiben die Trennung von somatischen und psychosozialen Leistungen. Diagnosen sind häufig psychosozial, entsprechende Interventionen sind jedoch für das somatische Team nicht abrechenbar. Die Zusammenarbeit mit den psychosozialen oder psychiatrischen Pflegediensten funktioniert sehr gut. Ideal wäre eine Liaison-Rolle als Brückenfunktion, um psychiatrische / psychosoziale und somatische Kompetenzen beidseitig verfügbar zu machen.

Wie reagierten Kolleg:innen und Vorgesetzte?

Nach anfänglicher Skepsis entstand durch positive Erfahrungen ein Sogeffekt. Die Leitung unterstützte das Projekt klar und verstand Pflegediagnostik als Professionalisierung, nicht als Kritik am Erfahrungswissen der Pflegenden, sondern eine Erweiterung und Systematisierung, die Professionalität sichtbar macht.

Was sind deine nächsten Projekte?

Schwerpunkte sind die Professionalisierung von Pflegezielen (SMART, Teilziele, Evaluation). Neu gibt es Fokus-Monate zu Themen wie Mobilität, Schmerz oder Demenz.

Wir setzen Kurzvideos aus der Praxis ein (mit Einwilligung der Kund:innen), üben in Teamsitzungen und präsentieren Lerneinheiten, zum Beispiel zur Kontrakturenprophylaxe. Ganz zuvorderst steht derzeit jedoch die Fusion mit einer anderen Spitex, einschließlich Prozessharmonisierung und Kulturabgleich.

Take-home-message

Pflegediagnostik ist kein Selbstzweck. Sie macht Pflege sichtbar, begründbar und wirksam – gerade in der komplexen häuslichen Versorgung. Das Wundbeispiel zeigt exemplarisch, wie Pflege erst wirkt, wenn sie die richtigen Probleme adressiert. Wer Diagnose, Ziel und Evaluation zusammenführt, bringt ältere Menschen spürbar voran, entlastet Angehörige und stärkt Teams. Oft beginnt alles mit einer einfachen, aber entscheidenden Frage: „Was ist hier wirklich das pflegerische Problem?“


Infobox InterRAI Home Care

interRAI Home Care (HC) ist ein standardisiertes, EDV-gestütztes Assessmentinstrument zur umfassenden Erhebung des Gesundheitszustandes, der Ressourcen und des Betreuungsbedarfs von Menschen zu Hause.

Bei regelmässiger Anwendung bietet das interRAI HC die Grundlage für eine ergebnisorientierte Bewertung der geleisteten Pflege- und Unterstützungsmassnahmen. Es ist sowohl für die Abklärung langfristig pflegebedürftiger Menschen als auch für die Akutnachsorge und die Rehabilitationspflege (wie z.B. nach einem Krankenhausaufenthalt) geeignet.

Quelle: https://www.spitex-instrumente.ch/bedarfsabklaerung/interrai-instrumente/interrai-homecare-schweiz

Infobox interRAI CAPs

Die Bedarfsabklärung ist der erste Schritt im Pflegeprozess. Aus den Kodierungen im interRAI HC werden mit vorgegebenen Algorithmen sogenannte CAPs (Clinical Assessment Protocols) berechnet, die den Diagnoseprozess unterstützen. In einem wissenschaftlich begleiteten Auswahlverfahren wurden die Zuordnungslisten von NANDA-I-Pflegediagnosen zu den interRAI CAPs erarbeitet. Diese Zuordnungslisten helfen bei der Wahl der korrekten Pflegdiagnose.

Quelle: https://www.spitex-instrumente.ch/bedarfsabklaerung/zuordnungslisten-caps-nanda-i


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