Ein Berufspraktikum als Türöffner in die Arbeitswelt? Das ist nichts Aussergewöhnliches. Dass daraus innerhalb weniger Monate eine Projektleitungsfunktion entsteht, schon eher. Genau das erlebte Lena Schmutz. Die Studentin im Bachelor Umweltingenieurwesen übernahm bei der Gemeinde Küsnacht rasch Verantwortung im Bereich Nachhaltige Entwicklung und Umwelt.

Lena Schmutz
Umweltingenieurin mit Vertiefung Urbane Ökosysteme,
ZHAW-Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR)
Studienbeginn 2022 Projektleiterin Nachhaltige Entwicklung und Umwelt, Gemeinde Küsnacht
Lena Schmutz stiess 2024 während ihres Studiums an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) auf eine Ausschreibung der Gemeinde Küsnacht. Gesucht wurde eine Praktikantin für Energie und Umwelt. Was zunächst wie ein klassisches Berufspraktikum aussah, entwickelte sich schnell zu etwas Grösserem.
«Im Bewerbungsgespräch wurde bereits erwähnt, dass bei entsprechender Eignung eine spätere Übernahme möglich wäre. Dass das tatsächlich eintreffen würde, hätte ich damals nicht erwartet.»
Seit Februar 2025 arbeitet sie als Projektleiterin Nachhaltige Entwicklung und Umwelt – und gestaltet die Zukunft ihrer Wohngemeinde aktiv mit.
Wenn Theorie auf Realität triff
Das Modul Berufspraktikum ist am ZHAW-Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR) Teil der Studienkategorie «Freiräume und Challenges». Es ermöglicht Studierenden, ihr Fachwissen ausserhalb des Hörsaals in realen Arbeits- und Projektkontexten im In- und Ausland einzusetzen. Was das konkret bedeutet, zeigt das Beispiel von Küsnacht eindrücklich.
Als sie auf die Stelle aufmerksam wurde, befand sie sich am Ende ihres 2-jährigen Assessments und stand an einem Scheideweg: Vollzeit weiterstudieren oder den Schritt in die Berufswelt wagen und weiterhin Teilzeit studieren. Ausschlaggebend war letztlich die Kombination aus fachlicher Passung und Entwicklungsperspektive.
«Die Stelle behandelte nicht nur mein Studium, sondern insbesondere meine Vertiefung Urbane Ökosysteme. Damit hat sie sich stark von anderen Angeboten abgehoben.»
Dass die Gemeinde zudem eine Weiterbeschäftigung nach dem Praktikum in Aussicht stellte, machte die Entscheidung einfacher. Heute sagt sie rückblickend, dass diese Möglichkeit für sie wertvoller war als ein schnellerer Studienabschluss.
Biodiversität, Politik und jede Menge Verantwortung
Wer bei einer Gemeindeverwaltung an Aktenberge und endlose Sitzungen denkt, dürfte überrascht sein. Ihr Arbeitsalltag bewegt sich zwischen strategischer Planung, politischer Abstimmung, Naturschutzprojekten und direktem Austausch mit der Bevölkerung.
Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem die Förderung der Biodiversität, die naturnahe Bewirtschaftung öffentlicher Grünflächen, Baumpflanzprojekte sowie die Bekämpfung invasiver Neophyten. Gleichzeitig koordiniert sie Daten für nationale Monitoringprogramme, berät Fachstellen bei Bauprojekten und arbeitet mit Gemeinden, Vereinen und Expertinnen und Experten zusammen.
«Mein Beruf befindet sich an der Schnittstelle vieler verschiedener Bereiche. Genau diese Vielfalt macht ihn so spannend.»
Ein aktuelles Schlüsselprojekt ist die Einführung einer flächendeckenden naturnahen Grünraumbewirtschaftung. Die Flächen werden im Gemeinde-GIS (Geografischen Informationssystem) erfasst und dokumentiert, um Biodiversitätsförderung und Baumpflanzungen gezielt zu planen und gemeinsam mit lokalen Akteurinnen und Akteuren umzusetzen.
Ein Arbeitstag zwischen Laptop, Mauerseglern und Gemeindeversammlung
Kein Tag gleicht dem anderen. Mal prüft sie Fördergesuche von Privatpersonen, die ihren Garten ökologisch aufwerten möchten. Mal beurteilt sie Landschafts- und Umgebungspläne im Rahmen von Baugesuchen oder stimmt sich mit Fachpersonen zu Naturschutzprojekten ab. Hinzu kommen Pachtverträge und Naturschutzbeiträge, die Bearbeitung von Protokollen der Fachkommission sowie die Verfassung von Artikeln mit Umwelttipps für die Bevölkerung.
Und manchmal führt eine Meldung aus der Bevölkerung direkt nach draussen.
«Wenn beispielsweise eine Baustelle eine Mauersegler-Kolonie beeinträchtigen könnte, gehe ich vor Ort und verschaffe mir selbst ein Bild der Situation – zu Fuss oder mit dem E-Bike.»
Diese Mischung aus Schreibtischarbeit, Projektmanagement und Einsätzen im Feld macht für sie einen grossen Teil der Attraktivität des Berufs aus.
«Am meisten gefällt mir, wie abwechslungsreich mein Beruf ist – und dass ich regelmässig auch vom Schreibtisch wegkomme.»

Lernen beginnt dort, wo die Realität wartet
Ein Studium in Umweltwissenschaft vermittelt Fachwissen. Das Berufspraktikum zeigt, wie dieses Wissen in der Praxis wirkt. Heute vertritt sie politische Entscheidungen und Abstimmungsvorlagen gegenüber der Öffentlichkeit und steht Rede und Antwort. Der direkte Austausch mit Menschen ist dabei ebenso anspruchsvoll wie bereichernd.
Besonders eindrücklich war für sie der Beitritt der Gemeinde Küsnacht zum nationalen Monitoringprogramm Cercle Indicateurs. Innerhalb von nur eineinhalb Monaten mussten Daten aus zahlreichen internen und externen Quellen zusammengetragen, koordiniert und ausgewertet werden – teilweise rückwirkend bis ins Jahr 2001.
«Ich wurde gleich zu Beginn regelrecht ins kalte Wasser geworfen. Genau dadurch habe ich enorm viel gelernt.»
Dabei ging es nicht nur um Fachliches. Ebenso wichtig waren Kommunikation, Koordination und der Umgang mit unterschiedlichen Anspruchsgruppen.
«Im Studium befindet man sich in einem geschützten Rahmen. In der Praxis vertritt man Projekte und Entscheidungen nach aussen und steht direkt mit den Menschen im Austausch, die davon betroffen sind.»
Vorurteile? Am besten selbst überprüfen
Dass ihre berufliche Zukunft ausgerechnet im öffentlichen Sektor liegen würde, hätte sie zu Studienbeginn selbst nicht erwartet.
«Ich hatte ehrlich gesagt einige Vorurteile gegenüber der Arbeit auf einer Gemeindeverwaltung.»
Heute sieht sie das anders. Langweilig sei ihre Arbeit keineswegs – im Gegenteil. Besonders schätzt sie die Zusammenarbeit über Fach- und Interessensgrenzen hinweg. Im öffentlichen Sektor steht nicht Konkurrenz oder Gewinnmaximierung im Vordergrund, sondern die Suche nach gemeinsamen Lösungen. Das entspricht ihren Werten.
Auch die demokratischen Prozesse, die manchmal mehr Zeit benötigen, betrachtet sie inzwischen aus einer neuen Perspektive.
«Es wird genau abgewogen, bevor entschieden wird. Schliesslich geht es oft um den Einsatz von Steuergeldern. Das finde ich sinnvoll.»
Eine weitere Entdeckung: Gemeindeversammlungen.
«Geht an eure lokale Gemeindeversammlung. Ihr werdet überrascht sein, wie spannend das sein kann.»
Was aus dem Studium täglich gebraucht wird
Wer Nachhaltigkeit, Umwelt oder Biodiversität fördern möchte, braucht mehr als naturwissenschaftliches Fachwissen.
Die breite Ausbildung hilft ihr heute dabei, Zusammenhänge zu erkennen, unterschiedliche Interessen zu verstehen und komplexe Fragestellungen ganzheitlich zu betrachten. Umwelt umfasst alles um uns herum – inklusive uns Menschen und unsere sozialen Strukturen.
Besonders wertvoll seien deshalb systemisches Denken, Kommunikationsfähigkeit und die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen.
«Die Vernetzungen der Themen zu sehen und die Bedürfnisse verschiedener Stakeholder zu verstehen, ist für meine Arbeit essenziell.»

Projekte, die sichtbar etwas verändern
Besonders stolz ist sie auf die ökologische Aufwertung des Hörnli-Areals bei der Schiffstation Heslibach. Aus einer Fläche, die zuvor vollständig von Bambus überwuchert war, entstand ein Lebensraum für Wildbienen und andere Insekten – ein Projekt, das sogar ausgezeichnet wurde.
Ein weiteres Highlight war die Mitwirkung am Legislaturprogramm «Klima, Grünraum und Energie 2026–2029».
«Als die Bevölkerung an der Gemeindeversammlung zusätzliche Mittel für unsere Arbeit sprach, war das ein starkes Zeichen. Solche Momente zeigen, dass unsere Arbeit Wirkung entfaltet.»
Wenn aus einem Praktikum ein Ankommen wird
Rückblickend war die Entscheidung für das Berufspraktikum ein Wendepunkt.
Heute fühlt sie sich in ihrer Rolle angekommen und schätzt die Sicherheit, bereits während des Studiums einen erfolgreichen Berufseinstieg geschafft zu haben.
«Ich muss keine Anschlusslösung mehr suchen und kann mich voll auf meinen Beruf konzentrieren. Das ist eine grosse Entlastung.»
Ihr Rat an andere Studierende:
«Lasst euch nicht von Vorurteilen über Branchen oder Arbeitgeber leiten. Macht euch euer eigenes Bild. Am richtigen Ort können selbst vermeintliche Schwächen zu Stärken werden.»
Redaktion: Andrea van der Elst, ZHAW-IUNR
