Künstlerische Intelligenz: Die ganze Welt wird jetzt gerade fotografiert

Auf der ganzen Welt stehen Webcams und zeichnen ihre Umgebung ununterbrochen auf. Ein Kunstprojekt in Zusammenarbeit mit der ZHAW School of Engineering erstellt daraus eine beeindruckende Live-Collage, die am 10. November am Schweizer Digitaltag vorgestellt wird.

Jederzeit geht irgendwo die Sonne auf und gleichzeitig woanders auch unter. Wer tagsüber Sehnsucht hat nach einem romantischen Sonnenuntergang, kann sich per Webcam live dazuschalten – wenn man nur wissen würde, welche Webcam jetzt gerade den perfekten Sonnenuntergang aufnimmt! Das Projekt «Watching the World» vom Künstler Kurt Caviezel in Zusammenarbeit mit der ZHAW School of Engineering hat genau diese Webcams im Blick.

Ein ZHAW-System analysiert die Bilderflut

Etwa 10’000 öffentliche Webcams, Überwachungssysteme und IP-Kameras bilden die Grundlage des Projekts. Es handle sich dabei um legale, öffentlich zugängliche URLs, erklärt Helmut Grabner, Dozent am ZHAW Institut für Datenanalyse und Prozessdesign. Er betreut die technische, wissenschaftliche Seite des Projekts. Etwa alle 15 Minuten liefert jede dieser Kameras ein Bild. Wenn jedes Bild ausgedruckt würde, entstünde daraus jeden Tag ein Stapel so hoch wie die Cheops-Pyramide, erklärt Helmut. «Genau das ist Big Data. Kein Mensch kann all das analysieren.»

Ein ZHAW-System, das auf maschinellem Lernen basiert, analysiert die riesige Datenmenge, kategorisiert die Bilder und macht sie für die Zuschauerinnen und Zuschauer zugänglich.

Menschen, Tiere, Fahrzeuge

Die künstliche Intelligenz unterscheidet dabei verschiedene Kategorien, die auf der Website aufgerufen werden können, wie beispielsweise Tiere, Personen, Fahrzeuge, Farben, sowie Sonnenuntergang und -aufgang. «Spannend wird es, die Nadel im Heuhaufen zu finden, also die absoluten Top-Shots, ‘das’ interessante Bild. Oder anders ausgedrückt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein», sagt Helmut. Zu diesen besonderen Aufnahmen, die rein zufällig entstehen, gehören beispielsweise Tiere, die sich plötzlich vor oder auf die Linse setzen, Menschen, die die Webcam mit einem Tuch abwischen und Grafikfehler, die zu beeindruckenden Mustern führen. «Vor allem im Winter sehen wir viele Spinnen, die ihre Netze direkt vor die Webcam spinnen. Das liegt wohl daran, dass viele Kameras Infrarot Licht aussenden, damit Insekten anziehen, und diese wiederrum die Spinnen»

Umgang mit Privatsphäre in verschiedenen Kulturen

Die Kategorie «Personen» wird mit Abstand am häufigsten angeklickt. Zu verlockend erscheint die Vorstellung, fremde Menschen auf der ganzen Welt heimlich zu beobachten. Mädchen und Jungen, sie sich im Kindergarten die Schuhe binden. Ladenbesitzer, die auf ihre Kundschaft warten. Menschen, die mit ihren Hunden spazieren gehen. Ganz normale Tätigkeiten, die weltweit zeitgleich stattfinden. Damit sind diese Bilder auch extrem authentisch – es gibt keinen Fotografen, der den «perfekten» Zeitpunkt abwartet, keine gestellten Posen, nur das wahre Leben.

Diese Bilder offenbaren auch einen unterschiedlichen Umgang mit Privatsphäre in verschiedenen Kulturen weltweit. «Wir fanden auch eine Webcam in einer Arztpraxis. Dahinter stecken wahrscheinlich praktische und gute Ideen, damit die Menschen die Wartezeit in der Praxis vorab abschätzen können. Dass daraus aber hochsensible und private Gesundheitsdaten der Menschen abgeleitet werden können, wurde vielleicht gar nicht mitbedacht», sagt Helmut. Auf der Website von «Watching the World» werden die Bilder nach 48 Stunden wieder automatisch gelöscht beziehungsweise durch neue Bilder ersetzt, versichert er.

Wer ist der «Fotograf»? Wem verdanken wir die «Kunst»?

Viele dieser Webcams dienen einem rein praktischen Zweck. Überwachungskameras sollen für Sicherheit sorgen, Verkehrskameras überwachen den Verkehr, Kameras im Stall kontrollieren den Tierbestand. Aber wer ist verantwortlich für die Kunst, die dabei entsteht? Diejenige, die die Kamera aufstellt? Oder derjenige, der die Bilder kuratiert und die «top shots» auswählt? Oder gar die künstlerische Intelligenz, also das System, durch das die vielen Bilder überhaupt auffindbar werden?

Die Welt im Jetzt

Mit der simultanen und globalen Übertragung erschaffe die Website «Watching the World» so eine Enzyklopädie des Jetzt. Es ist Künstliche Intelligenz, Kunst, Fotografie, eine Ausstellung – Künstlerische Intelligenz.

«Watching the World» erleben am Schweizer Digitaltag

Am Schweizer Digitaltag präsentiert die ZHAW mehrere Projekte, darunter «Watching the World», rund ums Thema Künstliche Intelligenz. Anfassen und diskutieren sind ausdrücklich erwünscht. Getränke werden von der neuen Roboterbar ausgeschenkt. Die Veranstaltung findet in der neuen Eventlocation von ZHAW digital statt, dem Nüü. Einfach am 10. November zwischen 16 und 22 Uhr an der Lagerstrasse 45 in Zürich vorbeischauen und ins Staunen geraten. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Der Eintritt ist kostenlos und bedingt ein Covid-Zertifikat.


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