WINSights 2023: Frauenpower, Innovation und Chancen für die Zukunft

Als eine Plattform für wegweisende Diskussionen im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) erwies sich das Symposium WINsights 2023, das dieses Jahr bereits zum fünften Mal stattfand. Es stand ganz im Zeichen der Verknüpfung von “AI for Good” und “AI for Economy”. Neben wirtschaftlichen und ethischen Chancen und Herausforderungen wurde an der vom Institut für Wirtschaftsinformatik organisierten Fachtagung in Winterthur insbesondere die Förderung von Frauen in der IT-Branche betont.

Mit einer geballten Ladung Frauenpower wurde das diesjährige WINsights eröffnet. Dalith Steiger, Mathematikerin und international führende KI-Strategin, betonte in ihrer Eröffnungs-Keynote ihre Leidenschaft für technologische Entwicklungen, die das Wohl der Menschheit fördern und die Welt so ein ganzes Stück besser machen könnten. Gleich zu Beginn ermutigte sie das Publikum, das neben Forschenden auch aus vielen Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft bestand, nicht auf die Zukunft zu warten, sondern bereits heute Schritte in die KI-Welt zu unternehmen. Dabei gelte es, vor allem junge Talente zu fördern. Und diese seien zunehmend weiblich. «Als Mutter von zwei erwachsenen Töchtern liegt es mir sehr am Herzen, junge Frauen darin zu bestärken, den Weg in die IT-Branche zu suchen.»

In ihrem Vortrag machte die KI-Expertin auf die grosse Diskrepanz zwischen Wohlstand und Armut in der Welt aufmerksam. Sie hob die Potenziale der künstlichen Intelligenz hervor, um einige der drängendsten globalen gesellschaftlichen Herausforderungen, wie die Klimakrise oder den Hunger, zu bewältigen. Ein schweizerisches Startup zum Beispiel habe eine KI-Lösung entwickelt, die Zuckerrohrbauern im Amazonas präzise Informationen zur Erntezeit liefere, was zu höheren Erträgen und mehr Einkommen führe.

Entscheidend im Umgang mit der revolutionären Technologie sei das so genannte “Prompting”, das gezielte Stellen der richtigen Fragen an die KI. Deren Erfolg hänge letztlich von den Menschen ab, die sie einsetzten. “Es ist nicht die KI, welche den Job besser macht, sondern die Person, die damit arbeitet”, so Steiger.

Unternehmen sollen also nicht zögern, schon gar nicht aus wirtschaftlicher Sicht. Denn mit KI liesse sich die Produktivität “radikal steigern”, völlig neue Märkte könnten geschaffen werden. Die Schweiz böte aufgrund ihrer politischen und regulatorischen Umgebung ein ideales Testfeld für innovative KI-Anwendungen. Und was, wenn die KI unwahre Inhalte verbreite, wollte ein Zuhörer aus dem Publikum von Steiger wissen. Ihre Antwort war ein eindrücklicher Appell an den kritischen menschlichen Verstand: «Wer von Ihnen überlegt sich am 1. April, ob der Zeitungsartikel wahr ist oder nicht, den er oder sie gerade liest? Mein Tipp: Seien sie an 365 Tagen im Jahr so kritisch.»

Bessere Essgewohnheiten dank Smartwatch

Nach der inspirierenden Eröffnungs-Keynote folgte das World Café. Im Workshop wurde ein realer Case behandelt. Der Bund hat ein Leitbild für die Ernährungszukunft der Schweiz entwickelt, das nicht bei den Konsumentinnen und Konsumenten ankommt. «Wir wollen wissen, wie man mit KI das Programm doch noch zum Leben erwecken kann», sagte Christian Hitz, Leiter Fachstelle für IT Strategy & Management, ZHAW School oft Management and Law einleitend. Die Teilnehmenden diskutierten in Gruppen, wie KI im Bereich Ernährung sinnvoll genutzt werden kann. Eine zentrale Rolle spielten dabei Smartwatches und die Frage, wie Daten sicher gesammelt, analysiert und unter Verwendung von Blockchain-Technologie gespeichert werden können.

Aus Sicht der Konsumenten wurde der Frage nachgegangen, wie Nutzerinnen und Nutzer sinnvolle Verhaltenstipps von KI erhalten können – erwähnt wurde etwa eine von der KI generierte Einkaufsliste. «Die KI könnte den gesamten Prozess begleiten, angefangen bei der Gewichtsverfolgung bis hin zur Unterstützung beim Kochen», fasste einer der Workshop-Teilnehmenden die Erkenntnisse zusammen. Neben Christian Hitz beteiligten sich am Word Café von Dozentenseite der ZHAW School of Management and Law Václav Pechtor, Marcel Sieber, Tibor Dudas, Andreas Block sowie Mario Gellrich.

Was KI und Coca-Cola gemeinsam haben

Die folgenden Vorträge wurden von Christian Russ und Christoph Süess gehalten. Sie gaben Einblicke in die strategische Bedeutung von KI und deren praktische Anwendung in Unternehmen. Christian Russ, Dozent für Wirtschaftsinformatik an der ZHAW School of Management and Law, erläuterte die strategische Relevanz von KI. Dabei skizzierte er ihre Entwicklung von den Anfängen bis hin zu modernen hybriden Systemen wie etwa Chat GPT von OpenAI und Googles Bard. Russ präsentierte vielfältige Anwendungsbereiche in Unternehmen, darunter Finanzen, Personalwesen, Kundenservice, Produktion und Marketing. Er beleuchtete auch die damit verbundenen Herausforderungen, insbesondere in Bezug auf Datenschutz. Sein Ratschlag an interessierte Firmen: Zunächst eine digitale Strategie entwickeln, die auf einer soliden Datenbasis und einem Verständnis für KI-Techniken basiert. Diesen Prozess formulierte er prägnant als “Think big, start small”.

Christoph Süess, Softwareentwickler und Unternehmer, präsentierte Micromate, einen digitalen Lernassistenten, der in Microsoft Teams integriert ist und Wissen in kleinen Lernsessions verbreitet, etwa mit kreativen Quizfragen. Auch er ermunterte die Unternehmen, KI einzuführen. Selbst wenn diese hinsichtlich Effizienzsteigerung, Wettbewerbsvorteilen, Marketing und Ethik durchaus kontrovers diskutiert werde. Er betonte, dass stets die Sichtweise entscheidend sei und verglich die Vor- und Nachteile der KI mit Coca-Cola, das sowohl ein beliebtes Erfrischungsgetränk als auch ungesunde Ernährung symbolisiert.

Auch in Zukunft in die Pfadi

Werden die Leute in 15 Jahren überhaupt noch schreiben können oder reden sie nur noch mit Siri? Das war eine der Fragen aus dem Publikum, die in anschliessenden Paneldiskussion mit Gästen aus Bildung und Wirtschaft gestellt wurde. Dazu Dalith Steiger: «Unsere Skills verändern sich. Es gibt Leute, die nicht ohne Google Maps aus dem Haus gehen. Trotzdem schicken wir unsere Kinder auch in Zukunft in die Pfadi.» Dem pflichtete Bruno Schenk, Chairman & CEO Eviden Switzerland, bei. «Handwerk bleibt wichtig.» Eine andere Frage richtete sich an Unternehmer Christoph Süess. Wie steht die Schweiz bezüglich KI im Vergleich mit anderen Ländern da? «Im Moment sind die Firmen leider noch sehr zögerlich, wir habe die Kompetenzen, aber wir ergreifen sie nicht», antwortete er.

Während der Vorträge wurden Projekte im Rahmen des Moduls “Innovation für die Praxis” in Zusammenarbeit mit der ZHAW vorgestellt. Andri Färber, Gastgeber des WINSights 2023 und Leiter des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der ZHAW School of Management and Law, präsentierte seinen aktuellen Forschungsschwerpunkt der Digitalen Transformation im Gesundheitswesen. Eines dieser Projekte ist das von Innosuisse geförderte “Digital Companion”-Projekt, das darauf abzielt, die Kommunikation zwischen medizinischem Fachpersonal und Patienten zu verbessern.

Einen Einblick in die aktuelle Entwicklung des Geschäftsprozessmanagements (BPM) aus Sicht involvierter Unternehmer gaben Tim Geppert und Björn Scheppler, beide von der ZHAW School of Management and Law, sowie Dr. Christian Lichka, BOC Group. Wie KI zum Vorhersagen von Straftaten in der Schweiz eingesetzt werden kann, erläuterten Andrea Günster von der ZHAW School of Management and Law und Felix Wullschleger von LogObject AG.

Die offizielle Veranstaltung endete um 17.30 Uhr mit Pitches von Studierenden. Dominik Schallmeiner überzeugte mit seiner Forschung zu synthetisch erzeugten Filminhalten das Publikum am meisten und erhielt einen Gutschein von der Firma Eviden. Der Anlass war geprägt von Erkenntnissen, Diskussionen und inspirierenden Momenten, welche die Bedeutung der KI und ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten in der heutigen Welt unterstrichen. Das Fazit war eindeutig: KI ist nicht nur eine technologische Revolution, sondern trägt auch soziale und ethische Verantwortung. Diese Botschaft wurde besonders in Dalith Steigers Eröffnungs-Keynote deutlich. Sie betonte mit Nachdruck, dass eine verantwortungsvolle Anwendung von KI das Potenzial hat, die Welt positiv zu verändern. Die Fachtagung markierte einen bedeutenden Schritt auf diesem Weg und unterstrich die zentrale Rolle, die die Schweiz in der Entwicklung und Anwendung von KI spielt.

Einen eigenen Chatbot entwickeln

Rund 120 Personen nahmen am WINSights 2023 teil. Dem offiziellen Programm ging am Vormittag ein optionaler Workshop zum “Chatbot Prototyping” voraus. Unter der Leitung von Alexandre de Spindler und Elena Gavagnin von der ZHAW School of Management and Law erlernten Interessierte, wie man ohne Programmierkenntnisse Chatbots agil und benutzerorientiert entwickelt. Der Fokus lag auf dem Prompt-Engineering, worunter das Erteilen klarer Anweisungen für KI-Modelle verstanden wird.

Textdokumentation: Sandra Hohendahl-Tesch


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