Wie erleben Menschen das Älterwerden, die schon zuvor verletzlich waren – etwa mit Behinderung, Suchtkrankheit oder Migrationserfahrung? Das neue Age-Dossier der Age-Stiftung rückt ihre Lebensgeschichten ins Zentrum und zeigt, wie körperliche, soziale, ökonomische und kulturelle Verletzlichkeiten das Alter prägen. Silvan Kahn führt im Interview aus, warum flexible Zwischenlösungen, zugängliche Angebote und ein vernetztes Unterstützungssystem entscheidend sind, damit Betroffene nicht immer wieder ins «Dazwischen» geraten.
Warum legt das Age-Dossier den Fokus auf Verletzlichkeit? Wie wird Verletzlichkeit definiert?
Dass das Älterwerden verletzlich macht, ist bekannt. Aber spannend – und medial sowie politisch noch kaum diskutiert – ist die Frage, wie Menschen altern, die schon vorher verletzlich waren: etwa Personen mit Behinderung, Suchterkrankung oder Migrationserfahrung. Genau hier setzt das neue Age-Dossier an. Es zeigt, wie verletzliche Menschen das Älterwerden erleben – und lässt Fachpersonen aus Praxis, Politik und Inklusion darauf reagieren.
Grundsätzlich sind alle Menschen verletzlich, aber nicht im gleichen Ausmass. Als vulnerabel gilt, wer ein erhöhtes Risiko hat, nicht angemessen auf schwierige Lebensumstände reagieren zu können. Dabei geht es nicht nur um persönliche Stärken oder Schwächen. Entscheidend ist immer auch das Umfeld: Welche Angebote stehen zur Verfügung? Welche Ressourcen, Belastungen oder Hindernisse prägen das Leben einer Person?
Wir unterscheiden deshalb, basierend auf Fachliteratur, vier miteinander verflochtene Dimensionen von Vulnerabilität: eine körperliche, etwa durch Krankheit oder Behinderung; eine ökonomische, beispielsweise durch Armut oder Arbeitslosigkeit; eine kulturelle, etwa durch Sprachbarrieren oder Migrationserfahrung; und eine soziale, wie Isolation oder Diskriminierung. Die Lebensgeschichten im Age-Dossier machen alle vier Dimensionen sichtbar – und zeigen, wie das Älterwerden zusätzliche Verletzlichkeiten schafft oder bestehende verstärkt.

Im Dossier sind die betroffenen Menschen ins Zentrum gerückt: Mit welchen besonderen Situationen und Herausforderungen sind verletzliche Menschen konfrontiert?
Die fünf Lebensgeschichten im neuen Age-Dossier veranschaulichen, welche Stärken und Strategien verletzliche Menschen entwickeln, um ihr Leben selbstwirksam zu gestalten. Sie verdeutlichen auch, wie wichtig unterstützende Bezugspersonen und ein stabiles soziales Umfeld sind – Ressourcen, die besonders im Alter zählen. Zugleich wird klar: viele Betroffene sind im Älterwerden auf Unterstützung angewiesen. Doch die Suche danach ist oft schwierig. Viele geraten in ein «Dazwischen», weil passende Angebote fehlen – vor allem Zwischenlösungen, die einen Alltag zwischen Selbstständigkeit und umfassender Betreuung ermöglichen.
Ein Beispiel ist Christine Pfister, die wir für die Webseite des Age-Dossiers porträtieren durften. Sie lebt mit einer Suchtkrankheit und erlebt eine lange Irrfahrt durch Alters- und Pflegeheime, bis sie im Haus Blümlisalp der Arche Zürich ankommt. Dort kann sie als Teil einer offenen Wohngemeinschaft ein selbstbestimmtes Leben führen, unterstützt von ihrer Mutter. Solche Angebote sind immens wertvoll – und leider selten.
Dazwischen, Übergänge, Veränderungen: Mit welchen Unterstützungsangeboten kann auf diese Veränderlichkeit und Unterschiedlichkeit von Zuständen und Situation reagiert werden?
Das Age-Dossier zeigt auch, wie verletzliche Menschen im Alter besser unterstützt werden können. Aus fachlicher Sicht ist zentral, dass es genügend Zwischenlösungen gibt – und zwar in allen Bereichen, von Pflege und Betreuung bis hin zu Sozialleben und Freizeit. Damit diese Angebote wirklich entlasten, müssen drei Bedingungen erfüllt sein.
Erstens brauchen wir flexible, abgestufte Übergänge – etwa mehr bezahlte Unterstützung zu Hause nach dem Verlust einer nahestehenden Person oder eine sinnstiftende Tätigkeit nach der Pensionierung. Zweitens müssen Angebote niederschwellig, zugänglich und sensibel kommuniziert sein, damit Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen überhaupt erreicht werden. Drittens müssen unsere Unterstützungsstrukturen – von der Versorgung über rechtliche Rahmenbedingungen bis zur Finanzierung – vernetzter und ressourcenorientierter werden. Heute sind sie oft fragmentiert und zu stark auf Defizite ausgerichtet. Erst wenn genügend Angebote diese drei Anforderungen erfüllen, lässt sich verhindern, dass verletzliche Menschen im Alter immer wieder ins «Dazwischen» geraten.
Weiterführende Informationen
Zur Person
Silvan Kahn ist Projektleiter Public Affairs der Age-Stiftung und verantwortet unter anderem das Age-Dossier sowie den Age Report. Er analysiert aktuelle Trends rund ums Älterwerden, entwickelt Grundlagen und setzt sich für bessere Rahmenbedingungen zugunsten von älteren Menschen ein.

Interview: Dieter Sulzer, Mitglied AGe+, Fachreferent Angewandte Gerontologie