warten am Winterthurer Bahnhof im Sonnenuntergang

Warten

Kann Warten gelingen? Und was wäre gelungenes Warten? Darüber denkt unsere Autorin nach, indem sie sich erinnert an langsame Zeiten. Und darüber berichtet, wie sie heute wartet.

Warten. Von einem Bein aufs andere treten, mein Gewicht verlagern. Warten. Kommt das, der oder die Erwartete? Wann? Irgendwann wird der Bus kommen, der Zug, der erwartete Mensch.

Warten. Versuchen, mich zu entspannen. Durch die Füsse atmen, durch die Knie, tief in den Bauch, die Hände lockern, die Arme. Warten bis es vorbeigeht: die Krankheit, das Kopfweh, die Schlaflosigkeit. Auch hier eine Hoffnung: dass ich entspannt einschlafen kann, dass ich ohne Kopfschmerzen erwache. Warten. Hoffen.

Die enge Verbindung von Warten und Hoffen spricht die syrische Lyrikerin Joumana Steif an. In Syrien, sagt sie, sei Warten mit Angst verbunden, nicht mit Hoffen. In der Schweiz habe sie erst gelernt, dass Warten und Hoffnung zusammen gehören können.

Meine Hoffnung erfüllt sich: Das Tram kommt. Verspätet, hohes Verkehrsaufkommen der Grund dafür. Die Wagen sind übervoll, ich stehe sicher in der Menge, aber lesen kann ich nicht. Normalerweise warte ich lesend. Warten ohne irgend etwas zu tun? Kann ich das?

Gehört Warten überhaupt zum Schweizer Alltag? Steht eine Schlange vor mir am Postschalter kribbelt Ungeduld in meinem Bauch. Manchmal gelingt es mir, die Menschen anzuschauen, der Frau mit dem grossen Hut zuzulächeln, zu beobachten, wie der Mann mit Krücken sich sorgfältig hinsetzt. Beginnt Warten mit Hinschauen? Mit Hinhören?

Wenn ich darauf warte, bis meine kleine Hündin mit Grasfressen fertig ist, mache ich Turnübungen. Ich strecke, recke mich, rolle die Schultern, kreise mit den Händen, halte mich am nächsten Baum, hebe den rechten Fuss, kreise, dann den linken. Noch sucht die Hündin das richtige Gras, das ihren Magen in Ordnung bringen soll. Ich warte, ich kreise. Überbrücke ich das Warten? Warte ich?

Warten in Sardinien. Stunden wartete ich auf vollen Bahnsteigen, auf leeren, die mich verunsicherten. Kommt da wirklich ein Zug, nur für mich und meine Hündinnen? Meine Hoffnung schwand. Was, wenn nicht? Oft sass ich wartend auf einer niederen Betonmauer und strickte. Das Ziel: Eine Socke von Zürich nach Oristano, eine zweite auf dem Rückweg. Ein Paar pro Reise. Ob es mir je gelang, weiss ich nicht mehr.

Würde ich das Schiff verpassen, das mich nach Norden bringen sollte? Dann kam der Zug, ich hob Koffer und Hündinnen hinein, kletterte selbst die vier hohen Tritte hinauf. Ich entspannte mich. Immerhin waren wir drin, alle drei. Wir fuhren, standen, fuhren wieder, durch brennende Macchie, durch Schneegestöber. Ab und zu mussten wir unverhofft aussteigen, Koffer, Hündinnen, ich, und in einen anderen Zug einsteigen, der erst nach einer Stunde losfuhr. Kamen wir verspätet an, hetzten wir zur Fähre. Auch die fuhr nicht pünktlich. Ein einziges Mal geriet ich in einen Streik, schlief am Boden auf der Mole, abseits der Männer, die sich betranken, über die Besatzung schimpften, herumschrien. Das Klirren von Glas weckte mich, das Weinen eines Kindes, ich döste weiter, bestieg gegen Morgen schlaftrunken das Schiff.

An einem Wintertag wartete ich in Sardinien bei Regen und Sturm auf die Ankunft des Schiffes. Pünktlich zur Ankunftszeit um sieben Uhr morgens stand ich da. Kein Schiff in Sicht. Meine Hoffnung schwand, die Angst stieg. Ich bangte um meine Lebensgefährtin. Stapfte nervös auf und ab, so wie andere Wartende auch, fragende Blicke hin und her. Kommt das Schiff, kommt sie, die ich sehnlich erwarte? Ein Gedicht drängte sich in meinen Kopf: Der Zug, der über den Tay* fährt, auf der anderen Seite warten die Eltern auf ihren Sohn, mit dem sie Weihnachten feiern wollen. Doch die Brücke bricht – und niemand kommt an. Vorbei die Hoffnung. Ich stapfte auf und ab und versuchte, die Zeilen des Gedichts zusammen zu bringen. Doch nein, ich brauchte ein anderes, ein Gedicht, das mich stärken, das die Hoffnung nähren sollte. Frühling lässt sein blaues Band** … Das ist nicht das richtige. Aber vielleicht dies:

Die Nacht, in der das Fürchten wohnt / hat auch die Sterne und den Mond.*** Doch jetzt ist Tag, düsterer Tag zwar, aber nicht Nacht. Der Tag, in der das Fürchten wohnt / hat auch…

Was hat der Tag, das die Nacht nicht hat? Die Sonne, den blauen Himmel…

Ich trank einen weiteren Tee in der überfüllten Bar, ich wartete. 

                                                                                                                                                           

Gegen Mittag tauchte im Grau des Himmels eine dunklere Masse auf. Das Schiff. Es war da und mit ihm meine Lebensgefährtin. Unversehrt.

Zurück in Zürich. Kein ruhiges Warten mehr. Schnelle Schritte rundum, an die ich mich anpasse. Zeigt sich irgendwo ein Tram, renne ich los, nur um zu entdecken, dass es das falsche ist. Fährt mir ein Tram vor der Nase weg, ärgere ich mich. Warten in Zürich heisst hetzen, rennen, eilen.

Jetzt bin ich alt, renne nicht mehr, habe Zeit, aufs Tram zu warten. Im Einkaufswagen steckt ein Büchlein für solche Fälle. Der Titel: Geduld ist alles, Untertitel: Geschichten über das Warten. Ich blättere zum Inhaltsverzeichnis, zähle Texte von 20 Autoren, 1 von einer Autorin. Hatte niemand die Geduld, passende Texte von Frauen zu suchen, zu finden?

Ich stecke das Büchlein zurück, denke über das Wort nach: Warten. Stelle ich die Buchstaben um, wird Warten zu an Wert. Etwas verliert oder gewinnt an Wert. Was gewinne ich beim Warten? Zeit? Ich gewinne Zeit, wenn es mir gelingt, ungehetzt zu warten, meine Umgebung zu betrachten oder mich zu verlieren in einem Buch. Wenn ich angstfrei warte, voller Hoffnung. Das, was Kommen soll, wird kommen: der erwartete Brief, die E-mail, eine Besucherin, der Zug. Dieses Warten gelang mir in Sardinien. Lange Tage im Süden. Manchmal finde ich sie auch hier, im Norden. Je älter ich werde, umso öfter.

* Theodor Fontane: Die Brück am Tay, in: Echtermeyer / von Wiese, August Babel Verlag Düsseldorf, 1956

** Eduard Mörike: Er ist’s , in Echtermeyer / von Wiese, August Babel Verlag Düsseldorf, 1956

*** Mascha Kaléko: Die Nacht, in: Wir haben keine andre Zeit als diese, Gedichte über das Leben, DTV 2023


Zur Person

Esther Spinner (*1948) absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester und später zur Lehrerin für Krankenpflege. Sie arbeitete freiberuflich als Kursleiterin für Schreibkurse und lebt als Schriftstellerin in Zürich. Neben ihren Büchern hat sie Beiträge für Anthologien, Zeitschriften, Zeitungen und für das Radio verfasst. Ihr neues Buch Mit Hund und Wort ist in der Edition 8 erschienen.

Esther Spinner (Foto: Katrin Simonett)
Schlagwörter: Erfahrungsbericht

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