Herbstblätter in Licht

November

Der November zeichnet sich aus durch seine Dunkelheit. Doch das Wissen um die bald länger werdenden Tage trägt mich durch meinen Abschiedsmonat. Dieses bald wachsende Licht nährt Hoffnungen auf eine lebbare Zukunft.

Zu meinem Fünzigsten organisierte meine Gefährtin für mich ein richtig grosses Geburtstagsfest. Von weitem sichtbar war das über die ganze Fassade hängende Foto: Ich lag auf dem Rücken in der Limmat im gestreiften Badeanzug, Arme und Beine weit von mir gestreckt. Das Sommerbild hing   in der Novemberkälte, machte die Ankommenden schmunzeln oder frösteln. Das Fest war grossartig. Eine meiner Freundinnen hatte einen Stuhl für mich als Thron hergerichtet, andere Freundinnen und Freunde standen auf der Bühne und erzählten Episoden, die sie mit mir erlebt hatten. Im Spiel «Die wahre Esther» mussten einige Freundinnen entscheiden, was ich, wäre ich Päbstin, als erstes tun würde. Den Vorschlag, dass ich sofort meine damalige kleine Hündin heilig sprechen würde, wählten die Anwesenden als besonders zu mir passend aus. Meine Gefährtin zeigte Bilder von mir bei verschiedenen Tätigkeiten. Ich erinnere mich an das kleine Mädchen mit der Flöte und an die Jugendliche mit der Gittarre, die sie unter den Titel «Die Musikerin» stellte.  Es gab gutes Essen, viel Lachen, Gespräche. Und Musik. Mein Schwager spielte Mundharmonika, begleitet von meiner Schwester mit dem Tambourin. Ein zauberhaftes Fest. Ich sass auf meinem Thron und genoss das einzige richtige Geburtstagsfest in meinem Leben.

In meiner Kindheit durfte ich jeweils am Geburtstag mein Lieblinsgsnachtessen wählen, danach gab es, dem November angepasst, eine mit der entsprechenden Anzahl Kerzen dekorierte Rüeblitorte. Nach dem Essen durfte ich die Geschenke auspacken, freute mich über ein neues Buch und die warmen Socken. An ein einziges Fest kann ich mich erinnern. Ich war 13 oder 14 und durfte die ganze Schulklasse einladen. Das Grammofon spielte «schöner fremder Mann» und «Sweety komm doch bei mir vorbei, Sweety, wie wärs denn mit uns zwei…». Wir Mädchen standen erwartungsvoll am Rand der leergeräumten Stube. Im Salon aber versammelten sich die Jungen um meinen Vater, der ihnen ein kompliziertes Geduldsspiel vorführte. Jeder wollte das dreidimensionale Holzkreuz zusammensetzen, jeder wollte schneller sein als der andere. An diesem Abend liebte ich meinen Vater nicht.

Das Feiern nahm an meinem 25. Geburtstag ein abruptes Ende. Es war der Tag, an dem mein Vater starb. Eine Stunde nachdem er mir telefonisch gratuliert hatte, brach er zusammen. Das verhinderte jahrelang fröhliche, laute Feste. Umso schöner, dass ich zum Fünfzigsten ein solches Fest geschenkt bekam. Ich war genau doppelt so alt wie damals, als mein Vater starb.

Seither entwickelte sich der November zu meinem ganz persönlichen Abschieds- und Trauermonat. Liegt es am Monat? Immer enger verwob sich mein Geburtstag mit den Todesdaten von mir wichtigen Freundinnen und Freunden. Der November mit seinen kurzen, dunklen Tagen wurde zu einem dichten Abschiedsteppich.

In meiner Totenmappe sammle ich seit Jahren Todesanzeigen, sie helfen der Erinnerung. Niemand geht vergessen, wenn ich in den Anzeigen und Danksagungen blättere. Meine Sammlung entfaltet ein reichhaltiges Leben mit Fotos, Abschiedssprüchen, Kopien von Reden, Gedichten und handschriftlichen Dankeskarten, wie die mit den farbigen Rosen. Die Erinnerungen, ganze Lebensgeschichten kommen zu mir zurück, wenn ich im ungeordneten Stapel blättere, da bei einem Gedicht hängen bleibe, dort bei einem Bild. Nie lese ich alles aufs mal, da wäre zu viel zu erinnern, wären allzu viele Verluste zu betrauern. Manchmal sehe ich die Karten nur oberflächlich durch, manchmal suche ich ein bestimmtes Datum, das ich nicht mehr finde in meinem Kopf. So lange her? Oder: So kurz erst? Doch ob lang oder kurz: Alle sind noch da bei mir, sind lebendig, obwohl sie gestorben sind. Da ist die Freundin, die nach langer Krankheit starb; kurz vor ihrem Tod planten wir gemeinsam ihre Abschiedsfeier. Da ist die Freundin, die von der Vespa fiel. Noch am selben Abend flog ich nach Sardinien, wo sie eine Woche später starb, und, wie im Süden üblich, sofort beerdigt wurde. Da ist die Freundin, die in die Reuss ging. Für sie schrieb ich ein langes Gedicht. Da ist die Freundin, die in der Nacht auf meinen Geburtstag an Krebs starb. Wirklich schon acht Jahre her? Da sind die Arbeitskollegen, die Nachbarn, da ist meine Mutter und da sind die Eltern langjähriger Begleiterinnen. Alle sind da. Manchmal, nachts, höre ich sie flüsternd Erinnerungen austauschen. Weisst du noch?

Ganz zuoberst in der Mappe liegt die Todesanzeige meines Schwagers. Seit er diesen Sommer gestorben ist, besuche ich meine Schwester regelmässig. In der ersten Zeit war es noch hell, wenn ich mich bei ihr verabschiedete und mich auf den Weg zum Bahnhof machte. Nach der Überquerung der Strasse drehte ich mich jeweils um, da stand sie am Küchenfenster und winkte mir nach. Jetzt kann sie mich kaum mehr sehen in meinem grauen Mantel. Durch das Abenddunkel schweben Töne. Höre ich Kinderstimmen? Vor dem Schulhaus, dem ich entlang gehe, steht eine Gruppe singender Kinder, ordentlich aufgereiht auf einer Treppe, Lichter in den Händen, Kerzen oder Räbenliechtli. Ich bleibe stehen, lasse mich  hineinziehen in die vorweihnächtliche Stimmung, rieche Tannennadeln, Kerzen, auf meiner Zunge breitet sich der Geschmack von Zimsternen und Änisguetzli aus. Ich sehe meine Toten im Publikum stehen und mitsummen, bin plötzlich mitten in einer lebendigen Vergangenheit.

Ich gehe weiter durch den kühlen Abend, mit einem warmen Gefühl im Herzen, lasse den Gesang, die Lichter und die Vergangenheit hinter mir. Plötzlich ist Zukunft da, die hinter Weihnachten wartet,  das neue Jahr, das jeweils mit Böllerschüssen begrüsst wird. Warum? Wieso freuen wir uns? Vielleicht ganz einfach darüber, dass wir – noch – leben, und dass die Zukunft – hoffentlich – auch Fröhliches, Farbiges und Unerwartetes bringen wird. Darauf vertraue ich.


Zur Person

Esther Spinner (*1948) absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester und später zur Lehrerin für Krankenpflege. Sie arbeitete freiberuflich als Kursleiterin für Schreibkurse und lebt als Schriftstellerin in Zürich. Neben ihren Büchern hat sie Beiträge für Anthologien, Zeitschriften, Zeitungen und für das Radio verfasst. Ihr neues Buch Mit Hund und Wort ist in der Edition 8 erschienen.

Esther Spinner (Foto: Katrin Simonett)
Esther Spinner (Foto: Katrin Simonett)


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