Die Biodiversität ist in den letzten 100 – 150 Jahren stark zurückgegangen. Unklar war bisher, wie stark Gefässpflanzen im Schweizer Grünland betroffen sind und welche Faktoren dabei die grösste Rolle spielen. Das zwischen 2021 und 2025 durchgeführte Square Foot Projekt (Quadratfuss Projekt) liefert nun Antworten auf diese Fragen.
Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts führten Dr. Friedrich Gottlieb Stebler von der Eidgenössischen Saatgutprüfungsanstalt Zürich und Prof. Dr. Carl Schröter von der ETH Zürich mehrere Hundert detaillierte 0.09 m² grosse Vegetationsaufnahmen auf Schweizer Wiesen und Weiden durch, um das Grünland zu charakterisieren. Dass ihre Daten rund 120 Jahre später wertvolle Einblicke in die Vegetationsentwicklung der Schweiz ermöglichen würden, konnten sie damals kaum ahnen. Ihre Untersuchung der Graslandvegetation erweist sich aus heutiger Sicht als Glücksfall, da es nur wenig Vegetationsdaten gibt, die länger als ein paar Jahrzehnte zurückreichen und dabei nicht auf ein kleines Gebiet beschränkt sind.
Im Rahmen der Doktorarbeiten von Stefan Widmer (IUNR) und Susanne Riedel (Agroscope) wurden zwischen 2021 und 2022 insgesamt 416 dieser historischen Vegetationsaufnahmen wiederholt. Um ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten, wurden verschiedene Grasslandtypen in einem breiten Höhenbereich (300 – 2500 m) in der ganzen Schweiz erneut untersucht. Ziel war es, die Veränderungen der Diversität und der Artzusammensetzung zu untersuchen und zu prüfen, ob das Ausmass der Veränderung von der Höhe abhängt.


Tiefere Lagen besonders betroffen
Wir stellten einen starken Rückgang der Diversität über die letzten 100 Jahre fest. Die Anzahl der Gefässpflanzenarten war in den wiederholten Vegetationsaufnahmen im Schnitt 26 % tiefer als in ihren historischen Pendants. Der Rückgang der Anzahl Arten war in Tieflagen am stärksten und nahm mit zunehmender Meereshöhe ab. Dies ging mit einem stärkeren Anstieg nährstoffbedürftiger, mähverträglicher und konkurrenzfähiger Arten – insbesondere Gräsern – in tieferen Lagen als in höheren Lagen einher. Dieses Höhenmuster deutet auf einen starken Einfluss der landwirtschaftlichen Nutzungsintensivierung und der Stickstoffdeposition hin, die in tieferen Lagen stärker ausgeprägt sind. Der Effekt der Klimaerwärmung auf die Vegetation scheint hingegen bis jetzt eine untergeordnete Rolle zu spielen. Der Anteil an Neophyten-Arten nahm auf Kosten indigener Arten und Archäophyten zu, blieb aber auf einem niedrigen Niveau. Die geringeren Veränderungen der Diversität in höheren Lagen bieten das Potenzial, einen hohen Anteil der historischen Pflanzenvielfalt in Bergwiesen zu erhalten.
Autoren und Kontakt:
Stefan Widmer
Manuel Babbi
Jürgen Dengler
Forschungsgruppe Vegetationsökologie ,
ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR)