Verkehr der Zukunft 2060

Nischeninnovation und Diffusion im Mobilitätsmarkt

Der Transportsektor wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten grundlegende Umwälzungen erfahren. Wesentliche Treiber stellen dabei technologische Entwicklungen und Megatrends wie die Digitalisierung, Automatisierung oder der demographische Wandel dar. Im Rahmen des Forschungsprojektes Verkehr der Zukunft 2060: Neue Angebotsformen – Organisation und Diffusion hat das Institut für Nachhaltige Entwicklung (INE) der ZHAW zusammen mit der Firma Rapp Trans AG die Auswirkungen von Trends und Entwicklungen auf die Organisation des privaten und öffentlichen Verkehrs untersucht, um einen Einblick in potentielle zukünftige Geschäftsmodelle und Organisationsformen der Mobilität zu erhalten.

In einem Teilprojekt ging es darum zu beschreiben, wie eine Transformation eines soziotechnischen Systems – wie dem Mobilitätssystem – ablaufen resp. initiiert werden kann. Dazu ist ein Verständnis von Veränderungsprozessen auf unterschiedlichen Betrachtungsebenen eine zentrale Voraussetzung und es bedarf eines analytischen Rahmens, um die Mechanismen und Dynamiken der Transformation in einem System identifizieren und charakterisieren zu können.

Multi-Level Perspective (MLP)

Als solcher analytischer Rahmen kann die Multi-Level-Perspective (dt. Mehr-Ebenen-Modell) von Geels (2002, 2012) herangezogen werden, welche im Kontext historischer Transitionen entwickelt wurde und darauf abzielt, die Gesamtheit eines systemischen Wandels als integralen Prozess abzubilden (vgl. nachfolgende Abbildung). Mit diesem theoretischen Ansatz kann erklärt werden, weshalb sich in modernen Gesellschaften einige Trends und Innovationen mit der Zeit zu etablieren vermögen, während andere sich nicht durchsetzen und wieder verschwinden resp. im Stadium einer Nischeninnovation verbleiben.

Die Kernannahmen von Geels (2002, 2012) lauten:

  • Innovationen entwickeln sich zuerst in Nischen, die noch weitgehend ausserhalb der allgemeinen Wahrnehmung liegen und lediglich von einer kleinen Anzahl von Akteuren in Netzwerken mit ähnlichen Erwartungen getragen werden. Innovationen innerhalb dieser Nischen sind weitgehend von Marktmechanismen entkoppelt und werden durch spezifische Förder- und Investitionsmassnahmen von den Nischenakteuren weiterentwickelt.
  • Die Nischen stehen in einem engen Zusammenhang resp. interagieren mit einem gegebenen soziotechnischen Regime (bestehend aus Wirtschaft, Politik, Kultur, Technologie, Gesellschaft), welches sich durch mehr oder weniger gefestigte Akteurskonstellationen, Regeln, Konventionen und Strukturen charakterisieren lässt. Diese eingespielten Regime-Strukturen können über längere Zeiträume für Stabilität und Erwartungssicherheit sorgen, bringen jedoch oftmals auch Pfadabhängigkeiten mit sich. Die soziotechnischen Regime können dementsprechend durch Nischeninnovationen entweder Veränderung erfahren, oder aber bremsend auf die technologische Entwicklung einwirken und einen Markteintritt verhindern.
  • Die soziotechnischen Regime wiederum sind in dauerhafte und übergreifende Entwicklungen und Rahmenbedingungen eingebettet, welche von den beteiligten Akteuren nicht direkt beeinflusst werden können. Diese übergeordnete Landscape beinhaltet gesellschaftliche Megatrends wie Globalisierung oder Individualisierung, aber auch allgemeinere Entwicklungen wie der globale Klimawandel. In bestimmten Fällen können Entwicklungen innerhalb dieser Landscape Druck auf das bestehende Regime ausüben und dadurch Fenster für den Markteintritt von Nischeninnovationen (sog. «windows of opportunity for transitions») eröffnen.

Innovations- und diffusionsrelevante Faktoren

Mit Hilfe dieses theoretischen Ansatzes wurde in einem nächsten Schritt untersucht, welche innovations- und diffusionsrelevanten Faktoren im Mobilitätsmarkt für spezifische Schlüsseltechnologien der Zukunft existieren, welche darüber entscheiden könnten, ob sich eine Technologie (wie z.B. das autonome Fahren) im Mobilitätsmarkt wird etablieren können oder im Stadium einer Nischeninnovation verbleiben wird:

Soziale Faktoren
• Gesellschaftliche Akzeptanz
• Ethische Fragen
• Befindlichkeitsstörungen

Technologische Faktoren
• Datensicherheit
• Technologie-Reifepfad
• Vernetzung und Verzweigung im bestehenden Verkehrssystem
• Unvorhergesehene Trendabbrüche bei “Enabling”-Technologien

Wirtschaftliche Faktoren
• Zeitpunkt und Form der Markteinführung
• Marktpotenzial resp. Nachfrage
• Branchenspezifische Interessen und Strategien
• Investitionskosten und Infrastrukturbedarf
• Produktionszeit und –kosten
• Verfügbarkeit und Abhängigkeit von Materialien

Ökologische Faktoren
• CO2-Reduktionspotenzial
• Ressourcenverbrauch
• Auswirkungen auf Raum und Landschaft

Politische Faktoren
• Gesetzliche Grundlagen und Rahmenbedingungen
• grenzüberschreitende Koordination und Harmonisierung
• Sicherheitsfragen

Schlussfolgerungen

Die unterschiedlichen Faktoren verdeutlichen, dass es im laufenden Transformationsprozess der Mobilität nicht nur technologische Entwicklungen zu berücksichtigen gilt (obwohl unsere Wahrnehmung des Transformationsprozesses sich durch Medienberichte regelmässig auf diese Ebene beschränkt), sondern gleichzeitig auch eine Vielzahl an sozialen, ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren darüber entscheiden, wie wir uns in Zukunft fortbewegen werden. Gerade im Individualverkehr werden die Entwicklungen nach wie vor stark von den Automobilkonzernen und den amerikanischen Plattformgiganten beeinflusst, welche weiterhin danach streben, möglichst viele Fahrzeuge an den Mann resp. die Frau zu bringen. In der Folge bleibt der Regime-Zustand stabil und Innovationen für ein nachhaltiges und auf kollektive Nutzung ausgerichtetes Transportsystem vermögen sich nicht im Markt durchzusetzen. Es fragt sich also, inwiefern in der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte ein Ansatz, welcher den Systemwandel primär aus einer von unten nach oben gerichteten inventionistischen Perspektive denkt, noch zielführend ist? Es könnte sich durchaus anbieten, Veränderungsprozesse vermehrt in umgekehrter Richtung zu denken, i.S. einer grundlegenden Änderung unseres Mindsets am Ursprung, um “top down” Druck auf die bestehenden Regimestrukturen auszuüben und neue “Möglichkeitsfenster” für nachhaltige Innovationsprozesse zu eröffnen – übrigens ein Ansatz, wie ihn das Wuppertal-Institut seit Jahren in seinen Arbeiten rund um das Phänomen der grossen Transformation und der Zukunftskunst als eine kulturelle Revolution verfolgt.

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