Einführung in das papierlose Studium

Im September beginnen zahlreiche Studierende mit einem Studium an der ZHAW in Wädenswil. Für vier der fünf Bachelorstudiengänge ist der Unterricht papierlos. Dieser Beitrag richtet sich an die zukünftigen Studierenden der Studiengänge Biotechnologie, Facility Management, Lebensmitteltechnologie und Umweltingenieurwesen.

Papierlos – was heisst das?

Im papierlosen Studium werden alle Lehrunterlagen online auf Moodle zur Verfügung gestellt. Sie können die Unterlagen jeweils vor dem Unterricht herunterladen und sie auf Ihrem persönlichen Notebook oder Tablet annotieren. Es steht Ihnen frei, die Unterlagen auszudrucken, aber wir ermutigen alle unsere zukünftigen Studierenden, diese Gelegenheit zu nutzen und im Studium vermehrt digital zu arbeiten. Das papierlose Studium ist eine gute Möglichkeit, sich wichtige digitale Kompetenzen anzueignen.

Online-Kurs zur individuellen Vorbereitung

Um Ihnen den Einstieg in das papierlose Arbeiten zu erleichtern, bieten wir einen Online-Kurs zur individuellen Vorbereitung an. Der Kurs ist als Selbstlerneinheit konzipiert und führt Sie durch verschiedene Aktivitäten, die Sie später auch im Studium antreffen werden, dazu gehören:

  • Unterrichts- und Lernmaterialien annotieren
  • Digitale Notizen und Skizzen erfassen
  • Datei Management in der Cloud
  • Digitale Dokumente teilen und mit anderen zusammenarbeiten

Bitte nehmen Sie sich mind. einen Tag Zeit und absolvieren Sie die Aktivitäten im Online-Kurs vor der Startwoche, damit Sie von den Unterstützungsangeboten in der Startwoche profitieren können. Für einige Aktivitäten benötigen Sie ein Login der ZHAW, dieses erhalten Sie, sofern Sie alle Immatrikulationsbedingungen erfüllt haben, bereits Ende August per Post zugeschickt, ansonsten spätestens am Montag in der Startwoche.

Digitale Werkstatt in der Startwoche

In der Startwoche bieten wir an zwei Terminen eine digitale Werkstatt an, in der Sie bei Fragen rund um das papierlose Studium und den Online-Kurs Unterstützung erhalten. Kommen Sie vorbei und nutzen Sie die Werkstatt als Ergänzung zum Online-Kurs um Fragen zu stellen und Ihre Apps und Programme fertig einzurichten. Unsere digital kompetenten Studierenden und Mitarbeitenden helfen Ihnen zu folgenden Zeiten gerne individuell weiter:

  • Mi, 13. September 2017 von 15:45 – 17:45 Uhr, Campus Grüental, GA 215
  • Fr, 15. September 2017 von 09:00 – 12:00 Uhr, Campus Reidbach, RA E0.03

Wir freuen uns, Sie auf Ihrem Weg zum papierlosen Studium online und in der Startwoche begleiten zu dürfen und wünschen Ihnen viel Freude beim Erkunden der digitalen Möglichkeiten!

Erste Erfahrungen mit BYOD: paperless oder less paper?

Wir werden immer mal wieder gefragt, ob unser „papierloses“ Studium komplett papierlos ist oder ob wir einfach auf weniger Papier setzen. Unsere Philosophie ist, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass digitales Arbeiten im Studium möglich ist.

Auslöser dafür waren unter anderem die Studierenden, die sich in der Vergangenheit immer wieder über die Papierflut im Studium beklagt haben. Im Rahmen des papierlosen Studiums werden die Lehrunterlagen deshalb nicht mehr ausgedruckt, sondern digital zur Verfügung gestellt. Mit diesem Wechsel des Leitmediums haben Tablets, Smartphones und Notebooks in den Unterricht Einzug gehalten.

Die Nutzung digitaler Medien und Technologien ist damit auch im Studium angekommen und ein entsprechendes Gerät wird für das Studium vorausgesetzt. Wir sind der Meinung, dass unsere Studierenden damit auch die Chance haben, sich wichtige digitale Kompetenzen anzueignen, die sie später am Arbeitsplatz benötigen werden. Dazu gehört vor allem auch die Kompetenz, digitale Technologien als kognitive Tools für die Problemlösung und Wissenserarbeitung zu nutzen.

Studierende reagieren mehrheitlich positiv

Die Mehrheit der Studierenden, die letzten Herbst in das papierlose Studium mit Bring Your Own Device gestartet sind, haben nach dem 1. Semester eine positive Bilanz gezogen:

Mir gefällt es sehr gut papierlos zu arbeiten, da ich auf dem Laptop eine sehr gute Ordnung habe und somit den Überblick behalten kann. Es kommt dazu, dass ich mit Laptop immer alles dabei habe was ich brauche, was sehr praktisch ist.

Man hat halt ein Gerät, welches viele Bücher ersetzt, jedoch sollte dieses Gerät einmal wegkommen ist man dann der Gelackmeierte. Es ist im Grossen und Ganzen jedoch positiv anzusehen, man kann schnell mitschreiben während der Vorlesung und hat Zugriff auf Lernziele während des Unterrichts. Damit weiss man was in etwa wichtig sein wird.

Am Anfang herrschte grosse Skepsis

Zu Beginn des Studiums waren die Studierenden eher skeptisch gegenüber dem papierlosen Arbeiten. Diese anfängliche Skepsis legte sich jedoch im Laufe der ersten Wochen bei der Mehrheit, wie folgende Kommentare zeigen:

Am Anfang Startschwierigkeiten, aber jetzt durchwegs positiv, sogar überzeugt, dass es so besser ist.

Ich habe mir grosse Sorgen im Voraus gemacht welche sich jedoch nicht bestätigt haben. Somit bin ich sehr erleichtert.

Diese anfängliche Skepsis deutet auch darauf hin, dass sich unsere Zielgruppe keinesfalls gewöhnt ist, digital zu arbeiten. Die so oft erwähnten „digital natives“ sind oft nicht so digital unterwegs wie wir annehmen. Kommentare wie diese sind eher die Ausnahme:

Ich habe bereits ein nahezu papierloses Studium an der ETH begonnen und danach ein Jahr in einem nahezu papierlosen Büro gearbeitet. Ich habe mich entsprechend vorbereiten können und wusste worauf ich mich einlasse. Meine PC-Anwenderkenntnisse würde ich als überdurchschnittlich bezeichnen.

Nicht alle finden das papierlose Konzept gut

Es gibt aber auch eine Gruppe von Studierenden, die das Konzept des papierlosen Studiums nicht gut findet. Die Gründe dafür sind vielfältig. Teilweise sind es Gewohnheiten, die man nicht ändern möchte oder man schätzt die haptischen Eigenschaften des Papiers. Manche empfinden das Arbeiten am Bildschirm auch als anstrengender und manche Studierende finden digitale Technologien für das Lernen gar eher hinderlich:

Ich bin jemand der gerne per Hand schreibt und meine Dokumente anfassen möchte.

Wegen technischen Schwierigkeiten, Lerneffekt nicht gleich wie von Hand!

Ich bin es gewohnt mit Stift und Papier zu arbeiten. Ein geöffneter Laptop während des Unterrichts empfinde ich nach wie vor als störend. Bei Kommilitonen kann man beobachten, dass der Laptop oft zu einer zusätzlichen Unkonzentriertheit führt (Facebook, WhatsApp, News, Games usw.).

Es ist sehr ermüdend den ganzen Tag in einen Bildschirm zu starren. Das Hin- und Herblättern in den Büchern fehlt mir. Positiv ist jedoch, dass man quasi nur das Gewicht des Computers trägt und nicht 10000 Bücher mit schleppen muss.

Die Abneigung gegenüber dem digitalen Arbeiten hängt auch mit persönlichen Einstellungen, Präferenzen und Erfahrungen zusammen. Wir haben sehr heterogene Gruppen von Studierenden und nicht alle sind so technikaffin wie die BiotechnologInnen, mit denen wir in den letzten 3 Jahren im Pilotprojekt Erfahrungen sammeln konnten. So ist z.B. die Bilanz bei den UmweltingenieurInnen, die nicht nur die Erstsemestrigen, sondern alle Jahrgänge auf papierlos umgestellt haben, deutlich negativer ausgefallen.

Papierlos als Pflicht?

Einige Studierenden empfinden das papierlose Studium auch als Zwang. Wir möchten daher hier nochmals ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Nutzung von Papier nicht verboten ist. Studierende dürfen ausgedruckte Unteralgen mit in den Unterricht bringen und ihre Notizen auf Papier machen, sie müssen die Unterlagen allerdings selber ausdrucken, was natürlich mit Aufwand verbunden ist. 

Meiner Meinung nach wäre es besser einem die Wahl zu lassen, in welchem Fach man wirklich Papierlos studieren möchte.

Würde gerne vieles ausdrucke, habe aber nicht immer die Möglichkeit.

Eine freiwillige Option hingegen, könnte das papierlose Studium sein so meine ich. Durch den Zwang erleben sich einige Mitstudenten sogar diskriminiert, wie ich gehört habe. Es gibt durchaus Personen, die sogar privat auf die Nutzung solche Geräte verzichten oder diese nur sehr eingeschränkt verwenden, dann wenn es Sinn macht! Diese Sinnhaftigkeit ist vorhanden, auch ein teilweiser Nutzen ist gut erkennbar und könnte sich in der richtigen Dosis sehr anregend gestalten, doch das „papierlose Konzept“ wie es für unseren Studienjahrgang besteht – ist absolut nicht nützlich.

Anspruchsvoller Einstieg in das digitale Arbeiten

Die Mehrheit der Studierenden benötigte eine Eingewöhnungszeit von 2-3 Wochen, bis sie effizient papierlos arbeiten konnten. Interessanterweise scheinen die Lehrpersonen die Fähigkeiten der Studierenden etwas zu überschätzen oder die anfänglichen Schwierigkeiten waren für sie im Unterricht nicht spürbar.
Im Bachelorstudiengang in Umweltingenieurwesen haben im Herbst 2016 alle Jahrgänge auf ein papierloses Studium umgestellt. Das stellte vor allem für die Studierenden in den höheren Semestern eine Herausforderung dar, weil sie an ein papierbasiertes Studium gewöhnt waren. Für die Erstsemestrigen war die Hürde hingegen geringer, wie folgender Kommentar zeigt:

Das Studium war von Anfang an papierlos, ich habe mich schnell daran gewöhnt, weil es keine „Umstellung“ von Papier auf elektronisch gab.


Nachdem die erste Einstiegshürde gemeistert war, arbeiteten 87% der Erstsemestrigen regelmässig papierlos im Unterricht. 13% drucken noch regelmässig Unterlagen für den Unterricht aus.

Im Unterricht kann nicht ganz auf Papier verzichtet werden

Trotz dieser hohen Zahlen ist der Unterricht nicht komplett papierlos. 63% der Studierenden gaben an, dass sie im Unterricht ab und zu auf Papier angewiesen sind. Die digitalen Notizen überwiegen zwar, aber gerade Studierende mit einem Gerät ohne Touchscreen müssen regelmässig für Skizzen auf einen Notizblock zurückgreifen:

Gewisse Dozenten zeichnen sehr viel digital. Dies ist extrem mühsam, wenn man keinen touchfähigen Computer hat.

Nicht immer sinnvoll… wenn man kein Touchscreen hat und man Mathematikaufgaben lösen muss ist man seeeeeeehr langsam weil man nicht schnell z.B. die dritte Wurzel von 1390 eingeben kann… dort macht es Sinn wieder Papier zu verwenden.


Die Frage paperless oder nicht hängt oft auch vom Fach ab. Vor allem bei Berechnungen greifen offenbar viele zu einem Notizblock:

Für Fächer wie Physik und Mathematik ist das Papierlose Studium ehre suboptimal. Zudem ist das Lernen auf eine Prüfung ohne Papierunterlagen, nichts für mich.

Für manche Fächer ist es sinnvoll (Informatik, Mathematik), für manche ist man mit dem Laptop zu langsam um abzuschreiben (Chemie) und für manche nehme man lieber Papier (Physik, Biologie, Mikrobiologie (viele bildliche Ausführungen).

In meinen Augen macht es keinen Sinn, sich die Unterlagen auszudrucken. Fächer wie Mathematik und Chemie nehme ich Papier zur Hand. Da Zahlen und Formel elektronisch nicht so gut erfassbar sind.

Manchmal sind es aber auch die Rahmenbedingungen im Unterricht, die das papierlose Arbeiten unnötig erschweren. Die Kommentare zeigen auch, dass die Studierenden sehr unterschiedliche Erwartungen an das papierlose Konzept haben:

In einigen Kursen werden teils immer noch Aufträge auf Papier gedruckt. Bitte: wennschon, dennschon 😉 Plakate machen wir immer noch mit Flip-Charts. Warum diese nicht auch im One Note?

Sehr, sehr ärgerlich(!), dass die Lehrperson die Unterlagen erst nach der Vorlesung herausrückt. Wir sollen uns halt während des Unterrichtes Notizen auf ein Blatt Papier machen. Wo ist hier das papierlose Studium?

Einige Dozenten gehen nicht aufs paperless ein, geben zum Teil trotzdem Papier ab.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Studierenden die Möglichkeit, im Studium papierlos arbeiten zu können, grundsätzlich begrüssen. Wir sollten aber in Zukunft besser darauf hinweisen, dass sie situativ selber entscheiden können, wann sie papierlos arbeiten und wann sie lieber auf Papier zurückgreifen.

Aufgrund persönlicher Präferenzen und unterschiedlicher Geräte und Programme gibt es nicht „die“ richtige Arbeitsweise. Es hängt immer von den Umständen ab, und die sind so vielfältig wie unsere Studierenden unterschiedlich sind.

Es zeigt sich auch, dass die Erwartungen an das papierlose Studium teilweise stark auseinander driften; während einige Studierende einen noch stärkeren Digitalisierungsgrad fordern, möchten andere am liebsten zurück zum Papier und Wandtafel. Letztendlich können wir als Hochschule nur die Rahmenbedingungen schaffen, damit Studierende dem Zeitgeist entsprechend, papierlos arbeiten können; in welchem Ausmass sie dann davon Gebrauch machen hängt auch von ihnen selber ab.

Um unsere initiale Frage zu beantworten: Wir haben den Weg in Richtung papierlos eingeschlagen, sind aber aufgrund technologischer, didaktischer und institutioneller Rahmenbedingungen sowie persönlicher Präferenzen der Studierenden und Dozierenden nicht komplett papierlos unterwegs. Wohin die Reise uns genau führen wird ist im Moment noch unklar, sicherlich aber vorwärts und nicht rückwärts. Wir erwarten daher, dass sich unsere Studierenden mit digitalen Technologien auseinandersetzen. Ganz ohne „digital“ werden auch die Papierliebhaber nicht durchs Studium kommen.

Rückblick IAS Tag der Lehre – papierlos unterrichten

Am 10. Januar 2017 fand an der ZHAW in Wädenswil der IAS Tag der Lehre statt. Das Institut für Angewandte Simulation (IAS) widmete sich dieses Jahr dem Thema des papierlosen Unterrichts. Der Titel macht bereits klar, dass es hier vor allem um die Veränderungen geht, die sich im Klassenzimmer vollziehen, wenn Studierende im Unterricht plötzlich Notebooks und Tablets statt Papier nutzen. Was bedeutet das für die Lehrpersonen und ihren Unterricht? Anbei ein Rückblick aus meiner Sicht als Projektleiterin des Pilotprojektes zum papierlosen Studium.

Einstieg mit neuen Tools

Den Einstieg in das Thema machte Andri Puorger von Microsoft Schweiz. Herr Puorger zeigte auf, wie Lehrpersonen und Studierende digitale Technologien für das Lehren und Lernen nutzen können. Natürlich standen dabei die Microsoft Tools im Fokus. Herr Puorger zeigt einige neuere Microsoft Tools wie z.B. Office Mix, ein Add-In für PowerPoint, mit dem man vertonte PowerPoint Lektionen inkl. Video erstellen kann. Weiter ging es dann mit Office Forms für Umfragen und OneNote for Teachers, ein Plug-In for OneNote mit dem man schon fast ein LMS wie Moodle ersetzten könnte – aber eben nur fast – bei komplexeren Anforderungen wie der Anbindung an ein Schulführungssystem, der Durchführung von E-Assessments und der Frage nach dem Datenschutz dürfte die Lösung an ihre Grenzen stossen.

Herr Puorger machte unter anderem auch auf die Kompetenzen aufmerksam, welche Studierende für den Arbeitsplatz der Zukunft benötigen. Dazu gehören z.B. Teamfähigkeit, Sozialkompetenz, Kreativität, aber auch sog. Filterkompetenz, Systemdenken und die Kompetenz für ein lebenslanges Lernen. Der Fokus lag dabei mehrheitlich bei den digitalen Kompetenzen der Studierenden und das Thema wurde im Laufe des Tages immer wieder aufgegriffen. Welche Kompetenzen die Lehrpersonen für den papierlosen Unterricht benötigen wurde hingegen nur am Rande diskutiert.

Rückblick auf bisherige Erfahrungen

Weiter ging es mit einem Rückblick auf unsere bisherigen Erfahrungen im Rahmen des Pilotprojektes und der Einführung des regulären papierlosen Studiums an der ZHAW in Wädenswil. Prof. Dr. Jack Rohrer, Dozent am Institut für Chemie und Biotechnologie und einer der Pioniere des papierlosen Studiums, zeigte auf, was sich für ihn durch das papierlose Studium verändert hat. In erster Linie war es für ihn als Dozent eine Erleichterung, weil er sich nicht mehr um das Ausdrucken der Unterlagen kümmern musste. Die didaktische Innovation hingegen findet nur statt, wenn der Dozent dies in seinem Kurs aktiv vorantreibt und die Nutzung digitaler Medien und Technologien als kognitive Tools in die Lernszenarien implementiert.

Hilfsmittel hin zu einer digital unterstützten Lehre

Diese Implementation der digitalen Technologien als produktive Hilfsmittel kann z.B. mit dem SAMR-Modell unterstützt werden. Das Modell sieht vor, dass digitale Technologien auf verschiedenen Ebenen eingesetzt werden können. Sie können z.B. ein Medium wie das Papier ersetzten oder auch gleich noch einige funktionelle Verbesserungen mit sich bringen. Nebst dieser Erweiterung bisheriger Möglichkeiten können digitale Technologien aber auch dazu genutzt werden, die Art und Weise zu verändern, wie wir miteinander interagieren. Auf dieser Ebene können digitale Technologien zur Modifikation bisheriger Lehr- und Lernszenarien oder sogar zu einer Neudefinition von Szenarien genutzt werden.

Die bisherigen Evaluationen an der ZHAW weisen darauf hin, dass Studierende digitale Technologien vor allem für den Ersatz von Papier und die erweiterte Nutzung mit einfachen funktionellen Verbesserungen wie z.B. Suchfunktion, Zoom, Wörterbuch usw. nutzen. Die Modifikation oder sogar Neudefinition des Lehrens und Lernens mit Hilfe digitaler Technologien hängt hingegen stark von den verwendeten Lernszenarien ab. Der Frontalunterricht beispielsweise profitiert nur bedingt von den digitalen Hilfsmitteln; die Studierenden besitzen zwar mit ihren Notebooks und Tablets ein mächtiges, produktives Hilfsmittel, sie können es aber aufgrund des Unterrichtssettings nur für das Mitschreiben und das Nachschlagen von Informationen nutzen. Da stellt sich natürlich die Frage, ob der Präsenzunterricht nicht auch für Lernaktivitäten genutzt werden könnte, bei denen die Studierenden einen aktiveren Part übernehmen, wie dies z.B. beim Flipped Classroom der Fall ist.

Wertvolle Erfahrungen für zukünftige Konzepte

Die bottom-up Innovation auf Kursebene, die am IAS Tag der Lehre in vielen Referaten sichtbar wurde, bildet eine wichtige Basis für die kommende Überarbeitung der Curricula. Einerseits kann die Hochschule damit auf einen wertvollen Fundus von konkreten Anwendungsbeispielen zurückgreifen und andererseits erkennen die Lehrpersonen dank der gemachten Erfahrungen mit dem papierlosen Unterricht bereits konkreten Anpassungsbedarf in ihren Unterrichtskonzepten. Ein Punkt war beispielsweise der volle Stundenplan der es den Studierenden teilweise kaum ermöglicht sich im Selbststudium z.B. auf einen Flipped Classroom Unterricht vorzubereiten.

Angela Martucci Siefert zeigte anhand des Bachelorstudiengangs in Umweltingenieurwesen auf, wie sich das Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen auf die Herausforderung des Lehrens und Lernens im digitalen Zeitalter vorbereitet. Im Zentrum steht dabei die Kompetenzorientierung und ein transferorientiertes Blended Learning Design mit Vorbereitungsphase, Präsenzphase und unterstützter Transferphase.

Von der Digitalisierung erhofft sich die Hochschule auch eine personalisiertere Lehre. Allerdings braucht es dafür Massnahmen, wie z.B. das vorgestellte Universal Design for Learning. Diese Empfehlungen basieren auf der Idee, dass Diversität bei den Lernenden die Regel und nicht die Ausnahme darstellt. Die darin empfohlenen Massnahmen können helfen, die Curricula, Kurse und Lernmaterialien so zu gestalten, dass sie eine stärkere Personalisierung der Lehre ermöglichen.

Anschliessend an die beiden Vorträge gab es einige konkrete Beispiele von Lehrpersonen an der ZHAW, wie der papierlose Unterricht gestaltet werden kann.

Mehr Dynamik dank weniger Papier

Dr. Andrea Baier zeigte auf, dass durch den Wegfall von Papier mehr Dynamik im Unterricht entstehen kann. Sie schätzt es, dass digitalen Unterlagen und Informationen immer verfügbar sind und sie den Unterricht flexibel auf die Bedürfnisse der Studierenden anpassen kann. Das bedeutet allerdings auch, dass ihr Unterricht vom WLAN und der Technik abhängig ist. An ihrem Beispiel konnte man gut sehen, wie die Nutzung digitaler Medien situativ in den Kontext eines Kurses eingebettet werde kann. So arbeiten die Biotechnologie-Studierenden beispielsweise neu mit Modellen aus einem 3D-Drucker oder erstellen selber Simulationen. Dadurch findet eine Transformation vom papierlosen Unterricht hin zu einer digital unterstützen Lehre statt, die viel weiter geht als der blosse Ersatz von Papier.

Erfahrungen mit Gruppenarbeiten und Open-E-Book Prüfungen

Auch Dr. Evelyn Wolfram war mit einer digitalen Herausforderung konfrontiert, als die Studierenden an der OpenBook Prüfung plötzlich ihre digitalen Unterlagen nutzen wollten. In der Pilotklasse wurden die Tablets für die OpenBook Prüfung in den Flugmodus versetzt, damit die Studierenden ihre digitalen Unterlagen während der Prüfung lokal nutzen konnten. Seit der Umstellung auf Bring Your Own Device ist das allerdings keine Option mehr, da zu viele verschiedene Geräte im Einsatz sind und die Klassen bedeutend grösser sind. Mittlerweile laufen an der ZHAW verschieden Pilotprüfungen mit dem Safe Exam Browser und virtuellen Desktops, um in Zukunft verschiedene Prüfungsszenarien elektronisch durchführen zu können. Evelyn Wolfram zeigte mit ihren Beispielen aber auch auf, dass Dozierende die Lösung nicht immer in der Technik suchen müssen. Sie führt ihre Prüfung im Qualitätsmanagement heute als mündliche Gruppenprüfung durch und hat damit einen Weg gefunden, ein QM-Audit authentisch zu simulieren und das erst noch besser, als es eine elektronische Prüfung jemals könnte.

Papierlos – konzeptlos?

Eher kritisch waren die Stimmen aus dem Informatikunterricht. Claudia Schmucki und René Hauck haben im Rahmen ihres Informatikkurses Defizite bei den digitalen Kompetenzen der Studierenden festgestellt. So führen z.B. nur wenige Studierende regelmässig ein Backup durch und auch mit der Bearbeitung der digitalen Unterlagen scheinen viele Studierende überfordert zu sein. Sie plädierten dafür, dass die digitalen Kompetenzen der Studierenden stärker gefördert werden. Unklar bleibt allerdings, wo und wann dies geschehen soll, denn sowohl die Startwoche wie auch den aktuellen Informatikunterricht halten sie dafür für ungeeignet. Dass es auch anders geht zeigt das Institut für Facility Management, welches die digitalen Kompetenzen in den Curriculum des Bachelorstudiengangs bereits aufgenommen hat und im Informatikunterricht neu Platz für die Förderung dieser Kompetenzen geschaffen hat. Klar ist, dass es im Rahmen des papierlosen Studiums noch viel Abstimmungsbedarf gibt. Zwar gibt es ein Konzept für die Umstellung auf das papierlose Studium, aber die Institute haben bei der Umsetzung viele Freiheiten. In der Regel wird die Umstellung an einer institutsinternen Klausur diskutiert und geplant, Dozierende des IAS und der AWG sind dort oft nicht anwesend, obwohl sie von der Umstellung in den Studiengängen ebenfalls direkt betroffen sind.

Das bewegte Papier

Prof. Dr. Karin Kovar und Iwo Zamora zeigten auf, wie digitale Technologien für die Simulation biologischer Phänomene genutzt werden können. Durch Simulationen und Analogien erwachen die komplexen mathematischen Formeln zum Leben und Studierende, die sonst Mühe hätten, das Verhalten bestimmter Organismen direkt aus der mathematischen Formel abzuleiten, erhalten einen anderen Zugang zur Materie. Das Beispiel zeigt sehr schön das zuvor erwähnte Potenzial des Universal Design for Learning auf, denn mit den vielfältigen Darstellungsformen und Ausdrucksweisen, die digitale Technologien ermöglichen, kann besser auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Studierenden eingegangen werden.

In ihrem zweiten Beispiel ging Karin Kovar auf ihr mit einem Lehrpreis ausgezeichnetes Konzept der New Business Opportunity (NBO) und mögliche Weiterentwicklungen ein. Sie zeigte auf, dass Studierende in ihrem Kurs nicht nur papierlos, sondern vor allem auch beweglich, interaktiv und selbstbestimmt agieren. Ziel ist es, die Studierenden auf die Anforderungen des Marktes vorzubereiten und sie mit den NBO’s unter anderem mit einem Mentoring Programm bereits während des Studiums in die Biotech-Community einzuführen.

Papierloses Studium in language learning – does it work?

Dr. Caroline Hyde-Simon zeigte Chancen und Schwierigkeiten für den papierlosen Englischunterricht auf. So nutzt sie beispielsweise digitale Tools wie Quizlet oder Padlet sowie soziale Medien wie Pinterest und Facebook, damit Studierende fachspezifische englische Beiträge oder Wortschatz sammeln und teilen können. Sie beobachtete auch, dass mehrere Studierende bereits von Hand oder mit einem Stift in die digitalen Unterlagen schreiben. Das Schreiben von Hand oder mit der Tastatur war bei vielen Vorträgen ein Thema.

Schreibberatung ohne Papier

Auch Beatrice Dätwyler hat sich im Rahmen ihrer Schreibberatung mit dem Thema befasst und festgestellt, dass viele Studierende Mühe haben, die Notizen direkt in den wissenschaftlichen Artikeln zu erfassen. Oft machen sie sich die Notizen nebenbei in einem anderen Programm, was für das Textverständnis weniger effizient ist. Sie hat in Ihrem Beitrag auch zahlreiche Studien zitiert, die sich mit der Frage befassen, ob man besser mit Papier oder digitalen Medien lernt und dafür plädiert, dass Studierende wählen können, ob sie mit digitalen Unterlagen oder mit Papier arbeiten und lernen. Wichtig für den Lernprozess scheint, dass das Gelesene oder Gehörte in eignen Worten wiedergegeben wird. Die langsamere Handschrift zwingt einem eher dazu, das Gehörte stichwortartig zusammenzufassen. Allerdings kann dies auch digital geschehen, wenn sich die Studierenden der Wichtigkeit dieser Lerntechnik bewusst sind.

Mehr als nur eine digitale Datenablage

Peter Marty wollte den Studierenden in seinem Kurs mehr bieten als einfach digitale Unterlagen auf Moodle zur Verfügung zu stellen und hat angefangen, ausgehend von Moodle eine integrale digitale Lernumgebung zu schaffen, in der digitale Technologien zur Unterstützung der Lehr- und Lernprozesse didaktisch sinnvoll, differenziert und reflektiert eingesetzt werden.

Digitales Lernen in der Weiterbildung

Christoph Gütersloh, Dozent und Berater am IAP, war an diesem Nachmittag eher ein Exot unter all den Dozierenden aus Wädenswil. Sein Beitrag über digitales Lernen in der Weiterbildung am Institut für Angewandte Psychologie (IAP) zeigte den Teilnehmenden allerdings ein paar spannende neue Perspektiven auf. Während in der Hochschuldidaktik der Fokus stark auf dem Erwerb und der Transformation von Wissen liegt, setzt das IAP in der Weiterbildung stark auf die Handlungsorientierung im Sinne von Workplace Learning, die Reflexion sowie das soziale Lernen. Für Weiterbildungsteilnehmende ist es wichtig, im Laufe ihrer Weiterbildung in eine Community hinein zu wachsen und sich neue Quellen für Anregungen und Innovation zu erschliessen.

Bei dieser Aufgabe können digitale Tools für das Community Building nützliche Dienste leisten. So nutzt Christoph Gütersloh beispielsweise in seinem Kurs das soziale Netzwerk Slack und führte eine öffentliche Expertenkonferenz auf Blab (nicht mehr verfügbar) durch, an der auch externe Mitglieder aus der Community teilnehmen konnten. Das Beispiel der Expertenkonferenz zeigt auf, wie digitale Technologien die Art und Weise verändern können, wie wir miteinander interagieren. Communities werden digital leichter zugänglich und Studierende können beispielsweise öffentliche Social Media Tools wie Twitter für Backchannel Learning nutzen oder über Hootsuite kollektive Rechercheaufträge ausführen und dabei bereits mit der Community in Kontakt treten. Die Herausforderung besteht für Christoph Gütersloh vor allem darin, eine solche Learning Community am Leben zu erhalten und die Mitglieder dazu zu bringen, dass sie sich gegenseitig helfen.

Der diesjährige Tag der Lehre zeigte auf, dass der papierlose Unterricht ein Türöffner für die digital unterstütze Lehre sein kann und digitale Medien und Technologien beim Lehren und Lernen einen Mehrwert bieten können, sofern die Rahmenbedingungen und die Lehr- und Lernszenarien dies erlauben. Er zeigte aber auch die zahlreichen Veränderungen und Herausforderungen auf, welche die Digitalisierung für die Studierenden, die Lehrpersonen und die Hochschule mit sich bringt und man merkte, dass wir mitten in einem Wandel stecken. Immerhin befinden wir uns bereits mittendrin in diesem Prozess und haben ein gutes Fundament aus Erfahrungen, auf das wir aufbauen können.

Weitere Informationen zum IAS Tag der Lehre finden Sie unter: https://www.zhaw.ch/de/lsfm/institute-zentren/ias/weiterbildung/ias-tag-der-lehre/

Die Vorträge finden Sie unter https://moodle.zhaw.ch/course/view.php?id=1646

Kann man auch ohne Tablet papierlos studieren?

Das papierlose Studium ist auch an anderen Hochschulen ein Thema, wie der Artikel auf campus.nzz.ch zeigt. Längst nicht alle Studieren sind von der Vorstellung, papierlos zu arbeiten, jedoch so begeistert wie unsere Pilotklasse. So zeigt z.B. eine Studie der Berner Fachhochschule, dass sich lediglich 40% der Studierenden vorstellen könnten, Zusatzunterlagen ausschliesslich in elektronischer Form zu nutzen.

Ähnliche Ergebnisse erhielten wir bei einer Umfrage zur Papierreduktion, die im 2012 bei allen Studierenden der ZHAW Life Sciences und Facility Management durchgeführt wurde. Damals gaben zwar 68% der 412 Umfrageteilnehmenden an, dass sie bereit wären, ihren Papierverbrauch zu reduzieren, aber nur 26% konnten sich vorstellen, hauptsächlich mit elektronischen Dokumenten zu arbeiten und zu lernen.

Die 72%, die sich damals gegen ein papierloses Studium aussprachen, gaben als Gründe unter anderem folgendes an:

  • Ich habe kein Programm gefunden, dass auch nur annähernd so schnell mathematische und chemische Formeln mit PC generiert wie ich (und der Dozent).
  • Lernen an der Sonne wird unmöglich, das einzig Gute an der Prüfungsvorbereitungszeit im Sommer fällt weg 🙁
  • Bitte nicht noch mehr Computerarbeit!

Die Kommentare zeigten, dass die Studierenden davon ausgingen, dass sie mit einem Notebook arbeiten würden und dadurch die Möglichkeit, handschriftliche Notizen mit Formeln und Skizzen zu erfassen, wegfallen würde.

Bei der Frage nach den Rahmenbedingungen für ein papierloses Studium brachten einige Studierende dann die Tablets ins Spiel:

  • Es wäre sicherlich möglich ein Pilotprojekt mit einem Hersteller von Tablet-PCs auf die Beinen zu stellen und somit ein Zeichen gegen diese Papierflut zu setzten. Dabei könnte die ZHAW den Studenten ein Tablet zur Verfügung stellen, was der 90.- CHF Skriptpauschale angerechnet werden kann.
  • Es braucht ein Textverarbeitungsprogramm, mit dem ich Texte und vor allem mathematische und chemische Formeln mit dem PC gleich schnell wie von Hand generieren kann.

Und ein/e Studierende/r brachte es zum Schluss noch wie folgt auf dem Punkt:

Der Papiergebrauch sollte sich früher oder später von selbst einstellen, da die „Jugend“ von heute mit elektronischen Medien aufwächst. Es gibt länger je mehr „Tablet-User“.

Wir haben die Rückmeldung der Studierenden ernst genommen und versucht, ihrem Wunsch nach weniger Papier nachzukommen, ohne dabei ihre Mobilität und die Möglichkeit, handschriftliche Notizen zu machen, einzuschränken.

Die Studierenden der Pilotklasse, die seit letztem Herbst papierlos arbeitet, haben deshalb als Hilfsmittel ein Tablet erhalten. Die Mehrheit der Klasse möchte nicht mehr zurück zum papierbasierten Studium. Gehörten sie zu den 26%, die sich im 2012 für ein papierloses Studium ausgesprochen haben? Oder was hat sie umgestimmt?

Das Pilotprojekt wird in den nächsten Monaten durch das Zentrum für innovative Didaktik der ZHAW School of Management and Law evaluiert. Eine der Fragen, die wir uns im Rahmen dieser Evaluation stellen ist, welche Rolle das Tablet beim papierlosen Studium spielt.