Ist der Begriff «Industrie 4.0» zu eng geworden?

Die SATW Expert:innengruppe hat ihren Namen geändert: Aus «Industrie 4.0» wurde «Digital Industry». Auch für die ZHAW-Plattform Industrie 4.0 ist es an der Zeit, den bisherigen Begriff zumindest zu hinterfragen. Dies nicht des Namens wegen, sondern um sichtbar zu machen, wie weit ihr Verständnis von Digitalisierung längst reicht.

Begriffe prägen, was wir uns unter einer Sache vorstellen. «Industrie 4.0» weckt bis heute vor allem Bilder von vernetzten Maschinen, automatisierten Produktionslinien und einer effizienteren Fabrik. Das war ein wichtiger Ausgangspunkt, als der Name für die 4. Industrielle Revolution in Deutschland aus der Taufe gehoben wurde und für die Modernisierung der Produktion einläutete. Die Auffassung hat sich verändert und beschreibt nicht mehr vollständig, worum es bei der digitalen Transformation der Industrie geht.

Das zeigt auch der jüngste Schritt der SATW: Ihre Expert:innengruppe Industrie 4.0 heisst neu Expert:innengruppe Digital Industry. Die SATW begründet den Wechsel mit der Weiterentwicklung des thematischen Fokus hin zu Industrie 5.0 und einer gesamtheitlichen Auffassung der Digitalisierung in der Industrie. Neben Vernetzung und Effizienz rücken damit auch Nachhaltigkeit, Resilienz und die Rolle des Menschen stärker ins Zentrum. Der neue Name soll dieser thematischen Breite Rechnung tragen.

Auch die ZHAW-Plattform Industrie 4.0 ist in ihrer Ausrichtung breiter, als es der Name vermuten lässt. Ihre Arbeit umfasst nicht nur Produktionstechnologien. Sie verbindet Kompetenzen aus unterschiedlichen Fachgebieten und befasst sich unter anderem mit Daten, Software, Automation, Geschäftsmodellen, Services und Prozessgestaltung.

Das ist entscheidend: Der Wert digitaler Technologien entsteht selten durch eine einzelne vernetzte Maschine. Er entsteht, wenn Daten entlang der Wertschöpfung nutzbar werden, neue Erkenntnisse ermöglichen und in bessere Entscheidungen, Services und Prozesse münden. Damit reicht die Digitalisierung von der Verbindung technischer Systeme bis zur Frage, wie ein Unternehmen seinen Kundinnen und Kunden einen konkreten Nutzen schafft.

Vom Datensignal zum Geschäftswert

Die zentrale, halbbogenförmige Grafik der Plattform Industrie 4.0 bringt diese Logik auf den Punkt. Sie beschreibt eine zusammenhängende Abfolge: Dinge verbinden und Daten erfassen, Daten speichern und verarbeiten, mit Data Analytics Erkenntnisse und Wert schaffen; anschliessend handeln und Services sowie Prozesse umsetzen.

Jeder Schritt baut auf dem vorherigen auf. Vernetzung allein ist noch kein Geschäftserfolg. Auch gesammelte Daten entfalten ihren Wert nicht automatisch. Erst wenn aus ihnen relevante Erkenntnisse entstehen und diese in konkrete Massnahmen übersetzt werden, verändert sich die industrielle Praxis. Digitalisierung wird so zu einer unternehmensweiten Aufgabe und nicht zu einem Synonym für die digitale Fabrik. Weiter verstärkt der Wandel hin zu Industrie 5.0 mit Nachhaltigkeit, Resilienz und eine Ausrichtung am Menschen als zentrale Leitprinzipien diesen Anspruch an die Gesamtheitlichkeit.

Diese Fragen betreffen Produktion, aber eben nicht nur Produktion. Sie betreffen die Gestaltung von Prozessen, die Organisation von Arbeit, den Umgang mit Daten und die Entwicklung von Angeboten. Eine ganzheitliche Digitalisierung muss diese Zusammenhänge berücksichtigen.

Quo vadis?

Ein Name sollte den Anspruch nicht verkleinern Wenn ein Begriff, respektive ein Name, weiterentwickelt wird, ist das deshalb mehr als eine sprachliche Anpassung. Es macht sichtbar, dass sich auch das Verständnis industrieller Digitalisierung verändert hat. Für die ZHAW-Plattform stellt sich eine ähnliche Frage: Passt «Industrie 4.0» noch zum Anspruch, der fachübergreifend von der Datenerfassung bis zur Umsetzung neuer Services und Prozesse reicht? Wird dabei die gesamtheitliche Digitalisierung aus fachspezifischem Computational Engineering und prozessorientiertem Digital Engineering genügend Rechnung getragen?


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