{"id":856,"date":"2018-12-13T19:36:13","date_gmt":"2018-12-13T18:36:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/?p=856"},"modified":"2022-04-11T17:49:54","modified_gmt":"2022-04-11T15:49:54","slug":"das-gedaechtnis-der-gene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/das-gedaechtnis-der-gene\/","title":{"rendered":"DAS GED\u00c4CHTNIS DER GENE"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Von unseren Eltern erben wir mehr als nur ihre Gene. Eine Mutter kann auch k\u00f6rperlichen oder psychischen Stress, den sie w\u00e4hrend der Schwangerschaft erlebt, an ihr Kind weitergeben. Daf\u00fcr verantwortlich sind epigenetische Pr\u00e4gungen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>VON MICHAEL BACHMANN<\/p>\n\n\n\n<p>Im Zweiten Weltkrieg blockierten die Nazis s\u00e4mtliche Transporte von Nahrungsmitteln in die Niederlande. So litten im Winter 1944 \u00fcber 4,5 Millionen Menschen Hunger \u2013 darunter Tausende von schwangeren Frauen. Sie mussten mit weniger als 800 Kilokalorien pro Tag durchkommen. Das ist nicht einmal ein Drittel des Tagesbedarfs einer Schwangeren. Dieser Mangel hinterliess Spuren bei den ungeborenen Babys. Die meisten von ihnen waren bei der Geburt zu klein und zu leicht. Und heute, im Erwachsenenalter, leiden sie auff\u00e4llig h\u00e4ufiger an gesundheitlichen Beschwerden als ihre Geschwister, die vor oder nach ihnen zur Welt kamen, etwa an Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Stoffwechselkrankheiten. Das zeigen mehrere Untersuchungen internationaler Forschungsgruppen. Ein Ergebnis aber liess die Wissenschaftler besonders aufhorchen: Brachten die Kinder des Hungerwinters sp\u00e4ter selber Babys zur Welt, waren auch diese untergewichtig \u2013 ungeachtet der Zeit des heutigen \u00dcberflusses. Fast schien es, als h\u00e4tten die Grossm\u00fctter das Leid des Weltkriegs \u00fcber zwei Generationen hinweg an ihre Enkel weitervererbt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Diabetes als Folge eines Sturms<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Schluss ist nicht ganz falsch. Allerdings erfolgte die Vererbung dieses Traumas nicht direkt \u00fcber das Erbgut. Vielmehr&nbsp;fanden Wissenschaftler bei den Kindern des Hungerwinters subtile chemische Ver\u00e4nderungen an der Oberfl\u00e4che der Erbsubstanz: Bei bestimmten Genen fehlten sogenannte Methylierungen, wie eine Studie holl\u00e4ndischer und amerikanischer Biologen aus dem Jahr 2008 zeigt. Diese Methylierungen bestehen aus wenigen Kohlenstoff- und Wasserstoffatomen, die sich an den DNA-Strang anheften. Je nachdem, an welchen Stellen und mit welcher H\u00e4ufigkeit das geschieht, werden einzelne Gene ein- oder ausgeschaltet. Die Summe dieser chemischen Ver\u00e4nderungen des Erbguts bezeichnet man als Epigenom (siehe Box).<br>In den letzten Jahrzehnten gab es immer wieder Aufsehen erregende Studien, aus denen hervorgeht, dass M\u00fctter ihren Kindern tats\u00e4chlich gewisse epigenetische Pr\u00e4gungen weitergeben k\u00f6nnen. Wiederholt wurde gezeigt, dass sich nicht nur lebensbedrohliche Mangelern\u00e4hrung im Epigenom der Kinder niederschl\u00e4gt, sondern auch Stress. Das \u00abProject Ice Storm\u00bb beispielsweise untersucht kanadische Kinder, die im Januar 1998 im Bauch ihrer M\u00fctter heranwuchsen. Zu dieser Zeit fegten mehrere St\u00fcrme \u00fcber Quebec und bedeckten die Stromleitungen mit einer dicken Eisschicht. Drei Millionen Menschen mussten ohne Strom auskommen \u2013 und zwar w\u00e4hrend sechs Wochen. F\u00fcr die damals schwangeren Frauen ein grosser Stress, dessen Folgen ihre Kinder heute, zwanzig Jahre sp\u00e4ter, sp\u00fcren: Sie leiden deutlich h\u00e4ufiger an \u00dcbergewicht, Diabetes, Asthma und Autismus als Kinder anderer Jahrg\u00e4nge. Und auch bei diesen Kindern findet man ein ver\u00e4ndertes epigenetisches Muster.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Risikofaktoren werden zu wenig erfasst<\/h2>\n\n\n\n<p>Wie viel Stress braucht es denn, damit sich das epigenetische Muster eines Kindes w\u00e4hrend der Schwangerschaft dauerhaft ver\u00e4ndert? \u00abDas ist schwierig zu fassen\u00bb, sagt Susanne Grylka, stellvertretende Leiterin der Forschungsstelle Hebammenwissenschaften am Departement Gesundheit der ZHAW. \u00abDie Schwangerschaft bringt ein gewisses Stresslevel einfach mit sich.\u00bb Das gelte vor allem f\u00fcr jene Frauen, die zum ersten Mal Mutter werden. \u00abOft ver\u00e4ndert sich mit der bevorstehenden Geburt ihr gesamtes Leben\u00bb, sagt Grylka, die 26 Jahre als praktizierende Hebamme gearbeitet hat. Etwa durch den Umzug in eine gr\u00f6ssere Wohnung, knappere finanzielle Verh\u00e4ltnisse oder die ver\u00e4nderte Beziehung zum Mann. \u00abDas alleine ist aber keine Katastrophe f\u00fcr das Kind\u00bb, sagt Grylka. Erst wenn sich der Stress \u00fcber l\u00e4ngere Zeit akkumuliere oder wenn schwere \u00e4ussere Einfl\u00fcsse wie w\u00e4hrend des Hungerwinters oder des Eissturmes hinzuk\u00e4men, k\u00f6nne er sich negativ auf das Kind auswirken.<br>Zudem empfindet nicht jede Frau dieselben Situationen als Stress. \u00abF\u00fcr die einen Frauen sind die k\u00f6rperlichen Ver\u00e4nderungen w\u00e4hrend der Schwangerschaft sehr sch\u00f6n \u2013 f\u00fcr andere dagegen sehr belastend\u00bb, sagt die Forscherin. Die meisten werdenden M\u00fctter br\u00e4uchten aber keine h\u00e4ufigeren Schwangerschaftskontrollen. Die k\u00f6rperlichen Risikofaktoren w\u00fcrden heute bereits gut \u00fcberwacht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Stress zu erkennen braucht mehr Zeit<\/h2>\n\n\n\n<p>Um aber psychische Belastungen und Stress zu erkennen, br\u00e4uchte es entweder die Anwendung spezieller Frageb\u00f6gen oder vertiefte Gespr\u00e4che. \u00abDaf\u00fcr reichen die durchschnittlich 15 Minuten Konsultationszeit pro Frau in den \u00e4rztlichen Schwangerschaftskontrollen aber schlicht nicht aus\u00bb, sagt Grylka. \u00abEine Schwangerschaftsvorsorge durch Hebammen b\u00f6te diesbez\u00fcglich Vorteile.\u00bb Denn die Hebammen k\u00f6nnen sich w\u00e4hrend einer Schwangerschaftsbegleitung deutlich mehr Zeit f\u00fcr die Frauen nehmen. Dieses Angebot k\u00f6nne noch st\u00e4rker genutzt werden, sagt Grylka. \u00abNeben den mit der Schwangerschaft verbundenen medizinischen Themen k\u00e4men so auch der emotionale Zustand und das Wohlbefinden der Frauen nicht zu kurz\u00bb. \/\/<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">ZELLEN IGNORIEREN EINEN TEIL DES ERBGUTS<\/h2>\n\n\n\n<p>Der menschliche K\u00f6rper besteht aus einer Vielzahl spezialisierter Zelltypen: Nervenzellen, Hautzellen, Leberzellen, Muskelzellen und viele weitere. Das Aussehen und die Funktionsweise all dieser Zellen sind v\u00f6llig verschieden \u2013 und trotzdem tragen alle genau dasselbe Erbgut (Genom) in sich. Wie k\u00f6nnen sie sich mit derselben Information so verschieden entwickeln? Das Geheimnis liegt darin, dass jeder Zelltyp nur bestimmte Gene beachtet, andere Abschnitte des Genoms aber komplett ignoriert. Man kann sich das Genom als ein Buch vorstellen, aus dem Herzmuskelzellen nur das Kapitel \u00fcber das Herz lesen und Nervenzellen nur jenes \u00fcber das Gehirn. Unter Epigenetik versteht man die Mechanismen, die dazu f\u00fchren, dass Gene von einer Zelle st\u00e4rker oder schw\u00e4cher abgelesen werden. Verantwortlich daf\u00fcr, welche Kapitel des Buches oder eben Gene f\u00fcr die verschiedenen Zelltypen sichtbar sind, ist das Epigenom. Dieses kann von einer Zelle auf ihre Nachkommen weitervererbt werden. Aus diesem Grund wird aus einer Nervenzelle nicht pl\u00f6tzlich eine Muskelzelle. Wie genau diese Vererbung passiert, ist noch nicht restlos gekl\u00e4rt. Sicher ist, dass es Enzyme gibt, die epigenetische Merkmale gezielt an der DNA anbringen oder entfernen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das 5. Winterthurer Hebammensymposium<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>\u00abEpigenetik \u2013 Mama ist an allem schuld?\u00bb<\/strong><br>Was die Erkenntnisse der Epigenetik f\u00fcr die Ausbildung und den Berufsalltag bedeuten, erfahren Interessierte am 5. Winterthurer Hebammensymposium, das vom Institut f\u00fcr Hebammen des Departements Gesundheit organisiert wird.<br><strong>Samstag, 19. Januar 2019<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.zhaw.ch\/hebammensymposium\">www.zhaw.ch\/hebammensymposium&nbsp;<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>\u00abVitamin G\u00bb,&nbsp;Seite 14-15<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">WEITERE INFORMATIONEN<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/www.mpg.de\/11396064\/epigenetik-vererbung\">Epigenetik zwischen den Generationen: Forschung am Max-Planck-Institut f\u00fcr Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xshPL5hU0Kg\">Youtube-Video zur Epigenetik &#8211; \u00c4nderungen jenseits des genetischen Codes<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Epigenetik\">Epigenetik auf Wikipedia<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div class=\"callout-medium\"><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitamin-g-nr5-2018-zhaw-gesundheit.pdf\"><strong>VITAMIN G, NR. 5\/2018 (PDF)<\/strong><\/a><\/div>\n\n\n\n<div class=\"callout-medium\"><strong><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/\">VITAMIN G BESTELLEN<\/a><\/strong><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von unseren Eltern erben wir mehr als nur ihre Gene. 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