{"id":373,"date":"2017-05-11T15:45:46","date_gmt":"2017-05-11T13:45:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/?p=373"},"modified":"2022-04-11T16:34:09","modified_gmt":"2022-04-11T14:34:09","slug":"wir-streben-eine-punktlandung-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/wir-streben-eine-punktlandung-an\/","title":{"rendered":"\u00abWIR STREBEN EINE PUNKTLANDUNG AN\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Am Lebensende m\u00f6glichst viel Lebensqualit\u00e4t: Das ist kein Widerspruch, sondern Kern der Palliative Care. Sie ist eine der anspruchsvollsten T\u00e4tigkeiten im Spital und erfordert konsequente Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen. Denn wie Menschen aus dem Leben scheiden, ist so bedeutungsvoll wie der Anfang.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>VON IR\u00c8NE DIETSCHI<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Strebel, 46 Jahre alt, mit kleinzelligem Lungenkrebs im Endstadium und Hirnmetastasen, wird wegen stechender Schmerzen in der Palliativstation des Spitals aufgenommen. Sein Allgemeinzustand ist sehr schlecht, ihm ist oft schwindlig, die Schmerzen erreichen Spitzen bis zehn auf der Schmerzskala. Wegen der Hirnmetastasen ist sein linker Arm fast vollst\u00e4ndig gel\u00e4hmt. Die Ehefrau ist verzweifelt und vertraut sich der Pflegefachfrau an: In den letzten Wochen habe sich die Pers\u00f6nlichkeit ihres Ehemanns ver\u00e4ndert. Er weigere sich, zu akzeptieren, dass er unheilbar krank sei. Beim Thema Sterben blocke er ab, und er habe ihr verboten, die drei Kinder (2, 9 und 11 Jahre alt) \u00fcber seine Krankheit zu informieren. Zu den gesundheitlichen gesellen sich wirtschaftliche Probleme: Herr Strebel ist seit f\u00fcnf Monaten krankgeschrieben und hat keine Taggeldversicherung. Er lehnt es ab, Sozialhilfe zu beantragen. Die Ehefrau h\u00e4lt die Familie mit einem Arbeitspensum von 60 Prozent knapp \u00fcber Wasser, daneben macht sie den ganzen Haushalt. Sie ist am Ende ihrer Kr\u00e4fte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>INTERPROFESSIONELL UND GANZHEITLICH<\/strong><br>Dieser Patient ist, wie die Pflegewissenschaftlerin Andrea Koppitz von der ZHAW es ausdr\u00fccken w\u00fcrde, in \u00abtotal pain\u00bb \u2013 in totalem Schmerz gefangen, k\u00f6rperlich wie auch emotional. Aus ihrer Erfahrung mit geriatrischer Palliative Care, zu der Koppitz forscht, weiss sie: \u00abEinen solch allumfassenden Schmerz ertr\u00e4glich zu gestalten, und zwar im Sinne des Patienten wie auch der Angeh\u00f6rigen, ist nur interprofessionell m\u00f6glich.\u00bb Eine Person allein k\u00f6nne das nicht leisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Strebel heisst in Wahrheit anders, doch seine Geschichte ist authentisch. Sara H\u00e4usermann, Dozentin am Institut f\u00fcr Pflege, hat den Fall den Pflegestudierenden der ZHAW vorgestellt, f\u00fcr die im vierten Semester des Bachelorstudiengangs ein ganzes Modul zum Thema Palliative Care vorgesehen ist. Sara H\u00e4usermann brennt f\u00fcr Palliative Care. Denn: \u00abSo wie der Anfang des Lebens ist auch dessen Ende von grosser Bedeutung\u00bb, sagt sie. Deshalb sei es nicht gleichg\u00fcltig, ob und wie man Schmerzen und andere Probleme von palliativen Patientinnen und Patienten in den Griff bekomme, sondern: \u00abWir streben eine Punktlandung an \u2013 im Bewusstsein, dass eine vollst\u00e4ndige Symptomkontrolle teilweise sehr schwierig zu erreichen ist.\u00bb Doch wie gelingt eine Punktlandung praktisch? Wie gestaltet sich Palliative Care im Spitalalltag? \u00abNeben dem interprofessionellen ist der ganzheitliche Ansatz elementar\u00bb, sagt Sara H\u00e4usermann, die ihre praktischen Erfahrungen im Kompetenzzentrum Palliative Care des Unispitals Z\u00fcrich gesammelt hat. \u00abNicht nur k\u00f6rperliche Beschwerden werden therapiert, auch psychosoziale und spirituelle Bed\u00fcrfnisse fliessen in die Behandlung ein.\u00bb Zentral sei die Lebensqualit\u00e4t der Patienten: Was gibt ihnen Kraft, Sinn und Boden im Alltag? Was st\u00f6rt, was qu\u00e4lt sie? \u00abDie Betreuung wird danach ausgerichtet, was der Patient oder die Patientin m\u00f6chte \u2013 nicht nach eventuellen Behandlungszielen, die sich das Team gesetzt hat\u00bb, sagt Sara H\u00e4usermann. \u00abDie betroffene Person und ihre Familie stehen im Mittelpunkt.\u00bb Ein wichtiges Instrument daf\u00fcr seien etwa die Rundtisch-Gespr\u00e4che, bei denen der Patient, die Familie und das interprofessionelle Team teilnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist auch bei Herrn Strebel nicht anders. Um f\u00fcr den vergleichsweise jungen Patienten und seine Familie in der schwierigen Situation L\u00f6sungen zu finden, ist das ganze Palliativteam gefordert. Die Pflegende ist erste Ansprechperson f\u00fcr s\u00e4mtliche Beschwerden. \u00abSie erfasst durch das Clinical Assessment laufend Ver\u00e4nderungen beim Zustand des Patienten, leitet sie an das interprofessionelle Team weiter und managt sie teilweise selbst\u00e4ndig\u00bb, erkl\u00e4rt Sara H\u00e4usermann. Eine wichtige Aufgabe der Pflege sei auch die Patienten- und Angeh\u00f6rigenedukation, also Information, Schulung und Beratung. Der \u00e4rztliche Dienst verordnet die n\u00f6tigen Medikamente sowie Physio- und Ergotherapie. Letztere unterst\u00fctzen Herrn Strebel beim Erlernen von Techniken, wie er trotz seiner L\u00e4hmung im linken Arm einen grossen Teil der K\u00f6rperpflege und des Anziehens selber machen kann. Auch der Sozialdienst, die Ern\u00e4hrungsberaterin, die Seelsorge, der Musiktherapeut und die Psychoonkologin sind involviert. Herr Strebel m\u00f6chte wenn m\u00f6glich noch einmal nach Hause zur\u00fcckkehren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>WIE EIN ORCHESTER<\/strong><br>In ihren Vorlesungen vergleicht Sara H\u00e4usermann den interprofessionellen Ansatz von Palliative Care oft mit einem Orchester, das f\u00fcr ein optimales Klangerlebnis eine F\u00fclle von Instrumenten braucht. Im Zentrum steht die Partitur, die gespielt wird \u2013 gem\u00e4ss den W\u00fcnschen und Vorstellungen, die der Patient von Lebensqualit\u00e4t hat. Dass jemand dirigiert, ist nicht zwingend \u2013 nirgends im Spital sind die Hierarchien so flach wie auf der spezialisierten Station f\u00fcr Palliative Care \u2013, aber zwischendurch braucht es besonders begabte Musikerinnen und Musiker, die ein Solo spielen. Sei dies die Ern\u00e4hrungsberaterin, wenn ein Ern\u00e4hrungsproblem im Vordergrund steht, seien es die Fachfrauen und -m\u00e4nner der Pflege, wenn besonderes pflegerisches Know-how gefragt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Physiotherapie hat in der Palliative Care Bedeutung. \u00abPhysiotherapie kann am Lebensende viel dazu beitragen, das K\u00f6rpergef\u00fchl der Patienten zu verbessern\u00bb, sagt Brigitte Fiechter, die an der ZHAW unterrichtet. Durch aktive und passive Bewegungen, eine optimale Lagerung oder Weichteiltechniken ist es m\u00f6glich, Wohlbefinden zu erzeugen, muskul\u00e4re Spannungen abzubauen und die Selbst\u00e4ndigkeit des Patienten zu verbessern. Vielen Patienten ist es beispielsweise wichtig, dass sie den Gang zur Toilette allein bew\u00e4ltigen oder eine Mahlzeit selbst\u00e4ndig einnehmen. Wie k\u00f6nnen sie die Kraft im Arm aufbringen, um die Gabel zu halten? Wie bewegen sie die Beine am besten, um aus dem Bett zu kommen? Bei solchen H\u00fcrden hilft die Physiotherapeutin. \u00abAbsprachen mit dem \u00fcbrigen Team sind dabei wichtig\u00bb, erkl\u00e4rt Brigitte Fiechter. \u00abWird zum Beispiel das Mittagessen um halb zw\u00f6lf serviert, mobilisiert die Physio idealerweise um elf Uhr, damit der Patient normal am Tisch essen kann.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal sieht sich die Physiotherapie auch in der Rolle der Solistin. Das wird anhand einer Patientengeschichte deutlich, die Brigitte Fiechter in einem Buchbeitrag zur Rolle der Physiotherapie in der Palliative Care beschreibt: Herr F., unheilbar krebskrank und kaum in der Lage, aufzustehen, m\u00f6chte noch einmal seine Frau besuchen, die ihrerseits in einem Pflegeheim lebt. Sein Wunsch ist es, gut gekleidet vor ihr zu stehen und ihr einen Blumenstrauss zu \u00fcberreichen. Das Unterfangen wird akribisch vorbereitet: Der Physiotherapeut erstellt einen Plan, um die Bein- und Rumpfkraft des Patienten zu trainieren. Dazu geh\u00f6ren Atem-, Gleichgewichts- und Wahrnehmungs\u00fcbungen, damit Herr F. die Reise meistern und f\u00fcr ein paar Minuten vom Rollstuhl aufstehen kann. Ebenso m\u00fcssen die Angeh\u00f6rigen instruiert werden, um den Transfer von Herrn F. in den Rollstuhl, ins Auto und wieder zur\u00fcck zu gew\u00e4hrleisten. Es gelingt: Stehend \u00fcberreicht er seiner Frau noch einmal Blumen. Er ist gl\u00fccklich und strahlt. Wenige Tage darauf verstirbt er im Spital.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>SITUATIVE ACHTSAMKEIT<\/strong><br>Um solche Teamleistungen zu erm\u00f6glichen, ist mehr als Organisationstalent gefragt: Wer in der spezialisierten Palliative Care t\u00e4tig ist, muss sich mit seiner ganzen Pers\u00f6nlichkeit darauf einlassen. Nur Gelerntes anzuwenden, taugt nicht. Es gilt, authentisch zu sein. \u00abVernunft, Gef\u00fchl und Intuition m\u00fcssen gut ineinandergreifen\u00bb, erkl\u00e4rt Sara H\u00e4usermann. \u00abIch sehe das wie eine Linie, die vom Kopf \u00fcbers Herz in den Bauch reicht: Dieser Kanal muss offen sein, wie ein Flow, der mir sagt, ob ich richtig handle. Wann lege ich jemandem die Hand auf die Schulter? Wann nicht? Wann setze ich mich einfach ans Bett?\u00bb Die F\u00e4higkeit, in solchen Situationen das Richtige zu tun, lasse sich zwar theoretisch vermitteln, aber: \u00abEs ist immer der Moment, der entscheidet\u00bb, sagt Sara H\u00e4usermann, \u00abdiese situative Achtsamkeit.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Diese birgt allerdings eine gewisse Burnout-Gefahr. \u00abCompassion fatigue\u00bb, das Ausbrennen vor lauter Mitgef\u00fchl, kennen auch Mitarbeitende von Palliativstationen. Das Unispital Z\u00fcrich versucht mit einer sorgf\u00e4ltigen Teamkultur dagegen anzugehen: etwa mit Teamsitzungen sowie regelm\u00e4ssigen Inter- und Supervisionen. Daneben werden auch Feste und Ausfl\u00fcge organisiert, freitags gibt es f\u00fcr die Mitarbeitenden einen rituellen Nachmittagskaffee. Jede und jeder hat zudem eigene Strategien f\u00fcr den Ausgleich. \u00abBei mir sind es Gespr\u00e4che, das Tanzen und die Bewegung in der freien Natur, die mir die n\u00f6tige Distanz erm\u00f6glichen\u00bb, erz\u00e4hlt Sara H\u00e4usermann. Auch Humor sei eine wichtige Ressource, nicht nur im Team, sondern auch bei den Patienten.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Strebel konnte mit Hilfe der Spitex und der Organisation OnkoPlus tats\u00e4chlich noch einige Woche zu Hause verbringen. \u00abSch\u00f6n war, dass er nach intensiven Gespr\u00e4chen bereit war, Unterst\u00fctzung anzunehmen\u00bb, erz\u00e4hlt Sara H\u00e4usermann. Sechs Wochen sp\u00e4ter, nachdem sich sein Zustand wieder verschlechtert hatte, trat er erneut in die spezialisierte Station f\u00fcr Palliative Care des Unispitals ein. Dort verstarb er friedlich. Sara H\u00e4usermann: \u00abDie Wochen zu Hause waren f\u00fcr ihn und seine Familie entscheidend gewesen, um Abschied zu nehmen.\u00bb M\u00f6glich war dies nur dank der guten Zusammenarbeit des interprofessionellen Teams. \/\/<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><strong>WEITERE INFORMATIONEN<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>BAG-Brosch\u00fcre: <a href=\"https:\/\/www.bag.admin.ch\/bag\/de\/home\/service\/publikationen\/broschueren\/publikationen-im-bereich-palliative-care\/interprofessionelles-team-palliative-care-brosch.html\">\u00abDas interprofessionelle Team in der Palliative Care\u00bb<\/a><\/li><li>Publikation: <a href=\"https:\/\/shop.elsevier.de\/was-wir-noch-tun-koennen-rehabilitation-am-lebensende-9783437451010.html\">\u00abWas wir noch tun k\u00f6nnen: Rehabilitation am Lebensende\u00bb<\/a><\/li><li>Informationen zur <a href=\"https:\/\/www.bag.admin.ch\/bag\/de\/home\/themen\/strategien-politik\/nationale-gesundheitsstrategien\/strategie-palliative-care.html\">Nationalen Strategie Palliative Care<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/posa\/\">Sara H\u00e4usermann, Dozentin f\u00fcr Pflege, ZHAW Gesundheit<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/ftri\/\">Brigitte Fiechter, Dozentin f\u00fcr Physiotherapie, ZHAW Gesundheit<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<div class=\"callout-medium\"><strong><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitamin-g-nr-2-mai-2017-zhaw-gesundheit.pdf\">VITAMIN G, NR. 2\/2017 (PDF)<\/a><\/strong><\/div>\n\n\n\n<div class=\"callout-medium\"><strong><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/\">VITAMIN G BESTELLEN<\/a><\/strong><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Lebensende m\u00f6glichst viel Lebensqualit\u00e4t: Das ist kein Widerspruch, sondern Kern der Palliative Care. 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