{"id":3257,"date":"2025-11-25T11:09:00","date_gmt":"2025-11-25T10:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/?p=3257"},"modified":"2026-03-10T13:03:51","modified_gmt":"2026-03-10T12:03:51","slug":"wir-arbeiten-an-alltagsrelevanten-verhaltensaenderungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/wir-arbeiten-an-alltagsrelevanten-verhaltensaenderungen\/","title":{"rendered":"\u00abWir arbeiten an alltagsrelevanten Verhaltens\u00e4nderungen\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Dietlinde Arbenz-Purt und Maren Kneisner, Dozentinnen am Institut f\u00fcr Ergotherapie, haben ein Angebot f\u00fcr Erwachsene mit ADHS lanciert. Es soll die Betroffenen insbesondere bei \u00dcbergangsphasen unterst\u00fctzen und mit dem Aufbau neuer Strukturen im Alltag helfen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>von Marc Bodmer<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wer ADHS h\u00f6rt, denkt meist an psychologische Unterst\u00fctzung und Medikamente. Wie kann Ergotherapie helfen?<\/em><\/strong><br><em>Dietlinde Arbenz-Purt:<\/em> Im Zentrum der Ergotherapie steht die Handlungsf\u00e4higkeit und damit die Alltagsbew\u00e4ltigung. Menschen mit ADHS haben sehr oft genau damit Schwierigkeiten.<br><em>Maren Kneisner:<\/em> Wir schauen mit jeder Person, wo sie steht, was ihr Probleme im Alltag bereitet und wo der Leidensdruck am gr\u00f6ssten ist. Weiter kl\u00e4ren wir ab, welche Ressourcen vorhanden und welche Strategien bereits bekannt sind. Wir behandeln nicht das Gehirn, sondern arbeiten an alltagsrelevanten Verhaltens\u00e4nderungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wie k\u00f6nnen solche Strategien aussehen?<\/em><\/strong><br><em>Arbenz-Purt:<\/em> Es werden zusammen mit den Klient:innen individuelle Ziele konkrete formuliert und wirksame Strategien dazu gesucht, evaluiert und versucht, diese erfolgreich in den Alltag zu integrieren. Es geht um Planung, Organisation, Zeit- und Energiemanagement, aber auch um Impulskontrolle und Selbstregulation. Ein Ziel hierbei ist, dass die Betroffenen Selbstwirksamkeit erleben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wenn man die News verfolgt, hat man den Eindruck, dass es immer mehr ADHS-Diagnosen gibt. Ist dem so?<\/em><\/strong><br><em>Kneisner:<\/em> Studien belegen, dass es nicht mehr Menschen mit ADHS gibt als fr\u00fcher. Aber die Leute sind sensibilisierter, vielleicht auch aufgekl\u00e4rter. Wir haben den Eindruck, dass die Strukturen enger geworden und die Anspr\u00fcche gestiegen sind und die Akzeptanz f\u00fcr \u00abAndersartigkeit\u00bb kleiner geworden ist. Arbeitswelt und Schulen fordern im digitalen Zeitalter mehr Selbstorganisation und Multitasking \u2013 da fallen Schw\u00e4chen aufgrund von ADHS st\u00e4rker auf.<br><em>Arbenz-Purt:<\/em> Die mediale Aufmerksamkeit f\u00fchrt auch dazu, dass sich mehr Menschen abkl\u00e4ren lassen. Viele Betroffene erkennen Symptome erst r\u00fcckblickend und lassen sich erstmals im Erwachsenenalter abkl\u00e4ren, nachdem zum Beispiel bei ihren Kindern ADHS diagnostiziert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Stereotype wie der chaotische, aber kreative Professor oder der Zappelphilipp halten sich hartn\u00e4ckig.<\/em><\/strong><br><em>Kneisner:<\/em> Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnen Menschen mit ADHS genauso erfolgreich sein im Leben wie neurotypische Menschen. Insbesondere dann, wenn sie gelernt haben, mit ihren Besonderheiten und Bed\u00fcrfnissen gut zurechtzukommen oder sogar ihre St\u00e4rken wie Kreativit\u00e4t im Arbeitskontext gezielt einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u00c4ussert sich ADHS bei M\u00e4nnern und Frauen unterschiedlich?<\/em><\/strong><br><em>Arbenz-Purt:<\/em> Verallgemeinert sind M\u00e4nner eher k\u00f6rperlich unruhig und fallen mit ihrem Verhalten auf. Bei vielen Frauen \u00e4ussert sich die Unruhe dagegen mehr innerlich: Sie neigen zu Gedankenkreisen, hinterfragen sich und anderes. Aber sie passen sich im Kindesalter oft besser den Normen und Strukturen an und fallen so weniger auf. <br><em>Kneisner: <\/em>Darum werden Frauen oft sp\u00e4ter oder gar nicht diagnostiziert und entwickeln h\u00e4ufiger sekund\u00e4re psychische Erkrankungen wie Angstst\u00f6rungen oder Depressionen. Wenn diese behandelt werden, wird erst das ADHS erkannt. Versagens\u00e4ngste verursachen h\u00e4ufig weitere psychische St\u00f6rungen. So liegt zum Beispiel bei Frauen mit ADHS das Risiko von Angstst\u00f6rungen fast f\u00fcnf Mal h\u00f6her, \u00e4hnlich stark ausgepr\u00e4gt ist es bei Depressionen oder einer Suchterkrankung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wenn man jemanden mit ADHS kennt, kennt man bloss eine Auspr\u00e4gung von &nbsp;ADHS. Es gibt nicht eine Form von ADHS, die Symptomatik ist sehr individuell. Wie geht man damit therapeutisch um?<\/em><\/strong><br><em>Arbenz-Purt:<\/em> Wie wir es als Therapeut:innen immer machen: Wir sehen uns bei jeder einzelnen Person ihre Schwierigkeiten im Alltag an. Es gibt nie das eine Problem und die eine L\u00f6sung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Ihr Projekt am Thetriz fokussiert auf Schwierigkeiten in \u00dcbergangsphasen. Warum tun sich Menschen mit ADHS besonders schwer damit?<\/em><\/strong><br><em>Kneisner: <\/em>\u00dcbergangsphasen, zum Beispiel der Wechsel von der Schule an die Hochschule oder von der Hochschule in die Praxis, sind gepr\u00e4gt von vielen neuen Eindr\u00fccken, die einer Priorisierung bed\u00fcrfen. Eine solche \u00abWas ist am wichtigsten\u00bb-Auswahl zu treffen, f\u00e4llt Menschen mit ADHS aufgrund der mangelnden Impulskontrolle und \u00abFilterfunktion\u00bb sehr schwer. Es gibt in solchen Situationen keine Routine, keine Tagesstruktur mehr, die helfen kann.<br><em>Arbenz-Purt:<\/em> Viele Studierende ziehen nach der Matura von zu Hause weg. Pl\u00f6tzlich m\u00fcssen sie einen ganzen Haushalt managen, W\u00e4sche waschen, einkaufen, kochen etc. Sie verlassen auch schulisch ein viel strukturierteres Umfeld. Kurz: Es kommt zu einer Reiz\u00fcberflutung, die es schwierig macht, Entscheidungen zu treffen. Dieser Prozess ist sehr anstrengend, macht m\u00fcde und kann \u00fcberfordern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Sich organisieren k\u00f6nnen, klare Strukturen schaffen: Wie kriegt man das hin, ohne eine entsprechende Verbindlichkeit oder einem Gef\u00fchl, von anderen gebraucht zu werden?<\/em><\/strong><br><em>Arbenz-Purt: <\/em>Verbindlichkeiten kann zum Beispiel \u00abbody doubling\u00bb schaffen, also wenn eine andere Person pr\u00e4sent ist, w\u00e4hrend man eine Aufgabe erledigt oder lernt. Die blosse Anwesenheit einer Person in einer Bibliothek kann helfen, fokussierter zu arbeiten. Dies kann auch virtuell \u00fcber eine App wie \u00abFocusmate\u00bb erfolgen, bei der man sich online mit einer Person verabredet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Viele Erwachsene \u2013 mit und ohne Diagnose \u2013 erarbeiten sich \u00fcber die Jahre Coping-Strategien. Wie k\u00f6nnen solche aussehen?<\/em><\/strong><br><em>Arbenz-Purt: <\/em>Das Arbeiten mit Kalendern oder Post-it-Zettelchen, die an die Wohnungst\u00fcre geklebt werden, k\u00f6nnen helfen, an die wichtigen Sachen zu denken. N\u00fctzlich ist es auch, Tasche oder Rucksack bereits am Vorabend zu packen, damit im Stress nicht die H\u00e4lfte vergessen geht, bewusst ein Umfeld ohne grosse Ablenkungen zu w\u00e4hlen oder Kopfh\u00f6rer mit oder ohne Musik zu tragen, um nur ein paar Strategien zu nennen.<br><em>Kneisner:<\/em> Ein erfolgreicher Ansatz aus der Psychoedukation ist das Setzen von Gegenreizen im Sinne einer sensorischen \u00dcbersteuerung. L\u00e4sst man beim Lernen Musik laufen, kann man sich gegen die F\u00fclle der Sinneseindr\u00fccke besser \u00ababschirmen\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>In Zeiten der digitalen Dauerberieselung ist die von Ihnen beschriebene Stimulusreduktion mehr als schwierig, aber notwendig, will man im Hochschulumfeld re\u00fcssieren.<\/em><\/strong><br><em>Arbenz-Purt:<\/em> Es zeichnet sich ein Trend ab, der in eine andere Richtung geht. Viele Studierende sind sich der Problematik bewusst. Sie verzichten auf gewisse Apps oder komplett aufs Smartphone und benutzen besonders w\u00e4hrend der Pr\u00fcfungszeit ein \u00abDumbphone\u00bb, ein altes Tastenhandy.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wird ADHS nicht erkannt, k\u00f6nnen sich mit der Zeit negative Muster entwickeln, wie das bereits erw\u00e4hnte Hinterfragen der eigenen Person und damit einhergehend Minderwertigkeitsgef\u00fchle.<\/em><\/strong><br><em>Kneisner: <\/em>Tats\u00e4chlich werden Gef\u00fchle und Situationen h\u00e4ufiger negativ auf die eigene Person bezogen. Hier ist es wichtig, den Unterschied zwischen Wahrnehmung, Interpretation und Reaktion zu lernen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wie meinen Sie das?<\/em><\/strong><br><em>Kneisner: <\/em>Bei Menschen mit ADHS ist der Thalamus, eine zentrale Schaltstelle im Gehirn, die alle einstr\u00f6menden Sinnesinformationen und Impulse filtert, nicht in der Lage, gen\u00fcgend Dopamin zu verstoffwechseln. Nahezu alle Menschen mit ADHS sind hypersensibel und mit permanenter Reiz\u00fcberflutung konfrontiert. Wahrgenommenes von aussen, aber auch von innen, wie Gedanken, W\u00fcnsche und Impulse, k\u00f6nnen kaum gefiltert, priorisiert und bewertet werden. Eine h\u00e4ufige Folge davon sind \u00dcberforderungen und Generalisierungsmechanismen mit negativem Selbstbild und Glaubenss\u00e4tzen wie \u00abIch schaffe es sowieso nicht\u00bb oder \u00abIch entt\u00e4usche immer wieder\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wie entkommt man einer solchen Spirale?<\/em><\/strong><br><em>Kneisner: <\/em>Zum Beispiel durch Strategien zur besseren Impuls- und Selbststeuerung. Wichtig sind auch Copingstrategien, die eine positive Selbstannahme und Selbstwirksamkeit unterst\u00fctzen. Eine Methode zur Selbststeuerung bietet das situative Entscheidungsmodell. Es hilft dabei, vorschnelle Interpretationen zu stoppen und un\u00fcberlegte Reaktionen zu verhindern. Erst bewusst wahrnehmen, danach bewerten, welche Reaktionen sinnvoll sind, anschliessend in Ruhe eine Entscheidung treffen und dann handeln. \/\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitaming-19-2025-ds-zhaw-gesundheit.pdf#page=7\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Vitamin G, S. 12-14<\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-kurzbiografien\">Kurzbiografien<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/arbi\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dietlinde Arbenz-Purt<\/a><\/strong> ist seit 2009 Dozentin am Institut f\u00fcr Ergotherapie der ZHAW und fachverantwortliche Ergotherapeutin am Therapie-, Trainings- und Beratungszentrum Thetriz. Ihr fachlicher Hintergrund ist die Neurologie \u2013 in diesem Bereich ist sie seit \u00fcber 20 Jahren als selbstst\u00e4ndige Ergotherapeutin t\u00e4tig. Im Thetriz bietet sie seit einigen Jahren Energiemanagementschulungen f\u00fcr Menschen mit Fatigue an, ein Thema, zu dem sie sich eine grosse fachliche Expertise angeeignet hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/knei\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Maren Kneisner<\/a><\/strong> ist Ergotherapeutin und Psychologin. Sie arbeitet seit 2011 als Dozentin am Institut f\u00fcr Ergotherapie an der ZHAW und ist Co-Leitende des Bachelorstudiengangs. Ihre Schwerpunktthemen sind Coaching, Mentoring, inter- und transkulturelle Kompetenz sowie Future Skills. Zudem wirkt sie in der Campuspraxis Thetriz am ZHAW-Departement Gesundheit mit.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-weitere-informationen\">Weitere Informationen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Neues Angebot f\u00fcr Erwachsene mit ADHS<\/strong><br>Das Ergotherapie-Angebot f\u00fcr Erwachsene mit ADHS fokussiert insbesondere auf \u00dcbergangsphasen. Der Wegfall von gewohnten Strukturen, die solche Phasen mit sich bringen, kann bei Menschen mit ADHS zu deutlich mehr Stress f\u00fchren als bei neurotypischen Personen.<br>Wer sich f\u00fcr das Angebot interessiert, kann eine Mail an <a href=\"mailto:empfang.thetriz@hin.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">empfang.thetriz@hin.ch<\/a> schicken oder 058 934 40 00 anrufen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-magazin-vitamin-g-fur-health-professionals-mit-weitblick\"><strong>Magazin \u00abVitamin G \u2013 f\u00fcr Health Professionals mit Weitblick\u00bb<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/\">\u00abVitamin G\u00bb bestellen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitaming-19-2025-ds-zhaw-gesundheit.pdf\">Aktuelles \u00abVitamin G\u00bb als PDF lesen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/#c16801\">Bisher erschienene Ausgaben<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dietlinde Arbenz-Purt und Maren Kneisner, Dozentinnen am Institut f\u00fcr Ergotherapie, haben ein Angebot f\u00fcr Erwachsene mit ADHS lanciert. 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