{"id":2793,"date":"2024-05-14T16:55:55","date_gmt":"2024-05-14T14:55:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/?p=2793"},"modified":"2024-08-07T15:03:14","modified_gmt":"2024-08-07T13:03:14","slug":"wenn-migrantinnen-die-care-luecke-fuellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/wenn-migrantinnen-die-care-luecke-fuellen\/","title":{"rendered":"Wenn Migrantinnen die Care-L\u00fccke f\u00fcllen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Tausende Betreuerinnen aus Osteuropa machen es m\u00f6glich, dass hilfsbed\u00fcrftige \u00e4ltere Menschen zu Hause wohnen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend die Politik um die Arbeitsbedingungen ringt, engagieren sich Forschende daf\u00fcr, dass Familien und Care-Migrantinnen fachkundig begleitet werden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>von Susanne Wenger<\/p>\n\n\n\n<p>Immer mehr hochaltrige Menschen in der Schweiz m\u00f6chten trotz alters- und gesundheitsbedingter Einschr\u00e4nkungen zu Hause wohnen bleiben. Oft unterst\u00fctzen Angeh\u00f6rige und die Spitex sie dabei. W\u00e4chst der Bedarf nach Hilfe, reicht das jedoch nicht mehr aus. \u00abWenn der Umzug in eine Langzeitpflegeeinrichtung nicht gew\u00fcnscht ist, stehen vor allem die Angeh\u00f6rigen vor der Frage, wie es weitergehen soll\u00bb, erkl\u00e4rt Franzisca Domeisen Benedetti, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f\u00fcr Pflege der ZHAW.<br><br>Denn meist ben\u00f6tigen \u00e4ltere Menschen zus\u00e4tzliche Hilfe bei der Alltagsbew\u00e4ltigung, etwa beim Anziehen, Kochen, Einkaufen, Spazierengehen und beim Sorgen f\u00fcr Sicherheit. Im Schweizer Versorgungssystem gilt das als Betreuung und wird von der professionellen, \u00f6ffentlich mitfinanzierten Pflege unterschieden. Hier kommen Care-Migrantinnen ins Spiel, die bei \u00e4lteren Menschen zuhause wohnen und arbeiten. Diese Form der Sorgearbeit wird als \u00abLive-in-Betreuung\u00bb bezeichnet. Sie nimmt seit der Erweiterung der Personenfreiz\u00fcgigkeit mit der EU im Jahr 2011 in der Schweiz stetig zu. Fast ausschliesslich Frauen leisten sie.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-studiengeld-fur-die-kinder\">Studiengeld f\u00fcr die Kinder<\/h2>\n\n\n\n<p>Die meisten Care-Migrantinnen stammen aus Mittel- und Osteuropa, etwa aus Ostdeutschland, Polen, Rum\u00e4nien, Ungarn und der Slowakei. Viele kommen f\u00fcr einige Wochen oder Monate in die Schweiz, um \u00e4ltere Menschen in deren Zuhause zu betreuen, bevor sie wieder in ihr Herkunftsland zur\u00fcckkehren und dann erneut anreisen, um die Arbeit fortzusetzen. Wegen dieses Rhythmus wird die Live-in-Betreuung auch Pendelmigration genannt. In vielen Haushalten wechseln sich zwei Betreuerinnen so ab.<br><br>Es gibt sch\u00e4tzungsweise mindestens 10 000 Care-Migrantinnen in der Schweiz, genaue Zahlen fehlen jedoch. Die meisten Frauen sind \u00fcber 45 Jahre alt und gut qualifiziert, aber selten aus dem Pflegebereich, weiss Laura Andreoli, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin von \u00abCareInfo\u00bb, einer Online-Plattform zum Thema. Die Plattform wird von der Fachstelle f\u00fcr Gleichstellung der Stadt Z\u00fcrich und weiteren kommunalen und kantonalen Stellen getragen.<br><br>Die Frauen aus wirtschaftlich \u00e4rmeren L\u00e4ndern entscheiden sich wegen des h\u00f6heren Lohnniveaus in der Schweiz zu arbeiten, sagt Andreoli. \u00abOder weil sie in ihrem Land keine passende Stelle finden.\u00bb Das zus\u00e4tzliche Einkommen verwenden sie oft, um die finanzielle Situation ihrer Familie zu verbessern oder die Ausbildung der Kinder zu bezahlen. F\u00fcr Schweizer Familien mit den n\u00f6tigen Mitteln wiederum ist die h\u00e4usliche Altersbetreuung durch eine Care-Migrantin im Vergleich zu einer einheimischen Rundumbetreuung eine erschwingliche Option.<br><br>Live-in-Betreuung durch Care-Migrantinnen: eine geeignete L\u00f6sung also? Es kommt auf die Umsetzung an. Und da er\u00f6ffnen sich laut bisherigen Studien und Berichten Spannungsfelder. Zum Beispiel bei den Arbeitsbedingungen. Diese gelte es zu regeln, damit Care-Migrantinnen nicht rund um die Uhr im Einsatz seien, forderten Vorst\u00f6sse im nationalen Parlament. 2021 entschied das Bundesgericht: Betreuerinnen, die bei Verleihagenturen angestellt sind, unterstehen dem Arbeitsgesetz. Es geht um das Einhalten von Arbeits- und Ruhezeiten, um Pikettdienste. Doch die Abgrenzung ist wegen der r\u00e4umlichen N\u00e4he schwierig.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-zusammenleben-aushandeln\">Zusammenleben aushandeln<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00abNoch ist nicht bekannt, wie sich der Entscheid des Bundesgerichts auf die Arbeitsbedingungen ausgewirkt hat\u00bb, sagt Laura Andreoli. Und wenn Privatpersonen Care-Migrantinnen direkt anstellen, gilt das Arbeitsgesetz nach wie vor nicht. Die Regulierung obliegt hier den Kantonen, nicht alle haben vom Bund empfohlene Standards \u00fcbernommen. Der Arbeitsplatz Privathaushalt sei zudem schwer zu kontrollieren. Auch aus Pflegesicht stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen Live-in-Betreuung gelingt. Eine wichtige Voraussetzung ist die Bereitschaft sowohl der betreuten Person als auch der Angeh\u00f6rigen, das Modell auszuprobieren. Das ergab 2016 eine Studie der Universit\u00e4t Z\u00fcrich und der ZHAW um Pflegewissenschaftlerin Heidi Petry. Weiter sollten das Zusammenleben mit der Care-Migrantin, deren Aufgaben und ein Tagesplan gemeinsam vereinbart werden, je nach Bed\u00fcrfnissen des \u00e4lteren Menschen und Kompetenzen der Betreuerin. \u00abDas Verh\u00e4ltnis h\u00e4ngt stark von den beteiligten Personen ab\u00bb, sagt dazu Franzisca Domeisen von der ZHAW.<br><br>Passen die Personen zueinander, f\u00fchlen sich die \u00e4lteren Menschen gem\u00e4ss der Studie gut aufgehoben und die Angeh\u00f6rigen entlastet. Und es entstehen bereichernde interkulturelle Beziehungen. Dies funktioniert jedoch nur, wenn die Beteiligten nicht allein gelassen werden, unterstreicht Franzisca Domeisen: \u00abBesonders anspruchsvoll ist die Betreuung von Menschen mit Demenz.\u00bb Um ein stabiles Arrangement aufzubauen, ben\u00f6tigen die Familien Beratung und die Betreuerinnen fachkundige Begleitung, so Domeisen: \u00abIhre Arbeit sollte in ein Netzwerk mit Spitex, Hausarztpraxen und anderen Diensten eingebunden sein.\u00bb<br><br>Nach Einsch\u00e4tzung der Forscherin ist dies bisher erst ansatzweise der Fall. Die Live-in-Betreuung bilde noch in vielen F\u00e4llen \u00abein Paralleluniversum\u00bb, was sie \u00abhochvulnerabel und hochprek\u00e4r\u00bb mache. Domeisen forscht derzeit daran, wie die Betreuung durch Care-Migrantinnen in eine gemeindenahe integrierte Versorgung einbezogen werden kann. Der Begriff bedeutet, dass verschiedene Leistungserbringer vor Ort m\u00f6glichst koordiniert zusammenwirken. W\u00fcrde die Live-in-Betreuung verst\u00e4rkt ber\u00fccksichtigt, k\u00f6nnte dies zur Qualit\u00e4tssicherung beitragen, so die Experin. Die Betreuung durch Care-Migrantinnen liesse sich aus der Grauzone herausholen, in der sie sich teilweise noch befindet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-faire-bedingungen-schaffen\">Faire Bedingungen schaffen<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Zahl der \u00e4lteren Menschen w\u00e4chst, der Betreuungsmarkt boomt. Doch Hannes Ruh, Inhaber und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Betreuungsagentur Sentivo aus Winterthur, sagt: \u00abWir verzichten auf Kundschaft, bei der wir merken, dass die Betreuerin ausgenutzt wird.\u00bb Sentivo bietet seit zehn Jahren neben stundenweisen Eins\u00e4tzen auch Live-in-Betreuung durch Care-Migrantinnen an. Die Frauen werden sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlt, erkl\u00e4rt Ruh: \u00abBevor wir sie anstellen, lernen wir sie kennen.\u00bb Die F\u00e4higkeiten der Bewerberinnen werden getestet, indem sie etwa in der Betriebsk\u00fcche eine Mahlzeit organisieren und zubereiten. Auch auf Deutschkenntnisse wird geachtet. Hat die Betreuerin keinen Pflegehilfe-Kurs absolviert, muss sie diesen in der Schweiz nachholen, bezahlt aus dem Weiterbildungsfonds des Personalverleih-Gesamtarbeitsvertrags.<br><br>Das Erwartungsmanagement ist ebenfalls wichtig, sagt Ruh. Die Kundschaft wird informiert, \u00abdass sie keine 24-Stunden-Betreuung erwarten kann, sondern die Betreuerin Freizeit und bezahlte Bereitschaftsstunden hat.\u00bb Bei Bedarf wird zus\u00e4tzliche stundenweise Unterst\u00fctzung organisiert oder eine zweite Betreuerin f\u00fcr die Nacht eingesetzt. Care-Migrantinnen arbeiten bei Sentivo im Zwei-Wochen-Rhythmus. Die Agentur bleibt im Gespr\u00e4ch mit ihnen: \u00abWenn Probleme auftauchen, gehen wir vorbei.\u00bb Die Zusammenarbeit mit der \u00f6ffentlichen Spitex wird aktiv gesucht \u2013 laut Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Ruh ein Erfolgsmodell. Die Betreuerinnen f\u00fchren ein Journal, das von der Spitex und den Angeh\u00f6rigen eingesehen werden kann. Es gab auch schon runde Tische mit Spitex-Mitarbeitenden. Die enge Begleitung der Migrantinnen ist jedoch laut Ruh ein betr\u00e4chtlicher Kostenfaktor, der sich auf den Preis auswirkt. <br><\/p>\n\n\n\n<p>Die Caritas Schweiz unterst\u00fctzt die Live-in-Betreuung durch Care-Migrantinnen, aber nur zu fairen Bedingungen. Dazu geh\u00f6rt, den Herkunftsl\u00e4ndern nicht dauerhaft Fachkr\u00e4fte zu entziehen. Deshalb hat sie beim Aufbau ihres eigenen Angebots mit Caritas-Partnerorganisationen in Rum\u00e4nien und der Slowakei zusammengearbeitet. \u00abWir haben ihnen den Aufwand f\u00fcr eine Vorbereitung der Betreuungspersonen verg\u00fctet\u00bb, erkl\u00e4rt Gudrun Michel, Fachgebietsleiterin Caritas Care, \u00abund es sind Mittel f\u00fcr Ausbildung und Entwicklung zur\u00fcckgeflossen.\u00bb Die Partnerschaften aufzubauen, sei jedoch anspruchsvoll.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-nur-fur-wohlhabende\">Nur f\u00fcr Wohlhabende?<\/h2>\n\n\n\n<p>In den letzten zw\u00f6lf Jahren hat die Caritas rund 1000 Care-Migrantinnen an \u00e4ltere Menschen in der Schweiz vermittelt. Die Organisation beendet das Angebot diesen Sommer, haupts\u00e4chlich aus Kostengr\u00fcnden. Es w\u00e4re ein kaum tragbarer Preisanstieg erforderlich gewesen, sagt Michel. F\u00fcr sie zeigt sich darin ein grundlegendes Problem der Schweizer Alterspolitik. Weil Betreuung Privatsache ist, k\u00f6nnen sich nur Verm\u00f6gende kontinuierliche Unterst\u00fctzung zuhause leisten. Doch: \u00abGute Betreuung im Alter muss f\u00fcr alle bezahlbar sein\u00bb, fordert die Caritas-Vertreterin.<br><br>Franzisca Domeisen Benedetti von der ZHAW ist \u00fcberzeugt: \u00abEs ist an der Politik und der Gesellschaft, eine Diskussion dar\u00fcber zu f\u00fchren, wer heute die Altersbetreuung leistet, was sie uns wert ist und wie sie finanziert wird.\u00bb Die Care-Migrantinnen f\u00fcllen eine L\u00fccke bei der h\u00e4uslichen Langzeitversorgung in der Schweiz. Auch ethische Fragen d\u00fcrften nicht Einzelnen aufgeb\u00fcrdet werden: \u00abFamilien sollen sich unkompliziert \u00fcber Live-in-Betreuung informieren k\u00f6nnen und sicher sein, dass alles korrekt abl\u00e4uft.\u00bb \/\/<\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitaming-16-2024-doppel-web.pdf#page=13\">Vitamin G, S. 24-26<\/a><\/em><br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><strong>\u00dcbersetzungsapps k\u00f6nnen hilfreich sein<\/strong><br>Bei Sprachproblemen ausl\u00e4ndischer Pflege-und Betreuungspersonen k\u00f6nnen \u00dcbersetzungsapps eine Hilfe im Alltag sein und den Berufseinstieg in der Schweiz unterst\u00fctzen. Zu diesem Schluss kommt eine interdisziplin\u00e4re Vorstudie der ZHAW, an der Pflegewissenschaftlerin Iris Kramer beteiligt war. Die Forschenden befragten sechs Mitarbeitende der Spitex, aus Alterszentren und der Live-in-Betreuung sowie zwei Seniorinnen. Zudem filmten sie Rollenspiele, w\u00e4hrend denen eine \u00dcbersetzungsapp genutzt wurde. Thema waren dabei zum Beispiel Schmerzen und Abmachungen zu Haushaltsarbeiten. \u00abIn manchen Situationen konnte die verwendete App \u2039SayHi\u203a die mehrsprachige Kommunikation erm\u00f6glichen oder erleichtern\u00bb, sagt Iris Kramer. Die Pflegenden vertrauten der App, die Seniorinnen sahen sie eher als \u00abRetter in letzter Not\u00bb. Wichtig sei, dass die Nutzenden \u00fcber den Gebrauch der Apps instruiert sind. Bei starken Seh- und H\u00f6reinschr\u00e4nkungen oder kognitiven Einschr\u00e4nkungen der betreuten Personen sind die Apps weniger geeignet.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-magazin-vitamin-g-fur-health-professionals-mit-weitblick\"><strong>Magazin \u00abVitamin G \u2013 f\u00fcr Health Professionals mit Weitblick\u00bb<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/\">\u00abVitamin G\u00bb bestellen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitaming-19-2025-ds-zhaw-gesundheit.pdf\">Aktuelles \u00abVitamin G\u00bb als PDF lesen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/#c16801\">Bisher erschienene Ausgaben<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tausende Betreuerinnen aus Osteuropa machen es m\u00f6glich, dass hilfsbed\u00fcrftige \u00e4ltere Menschen zu Hause wohnen k\u00f6nnen. 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