{"id":2764,"date":"2024-05-14T12:11:32","date_gmt":"2024-05-14T10:11:32","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/?p=2764"},"modified":"2024-06-27T11:58:31","modified_gmt":"2024-06-27T09:58:31","slug":"integration-ist-knochenarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/integration-ist-knochenarbeit\/","title":{"rendered":"\u00abIntegration ist Knochenarbeit\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Schweiz ist l\u00e4ngst eine hypervielf\u00e4ltige Gesellschaft, die von migrantischer Innovation lebt, sagt Migrationsforscher Ganga Jey Aratnam. Was die Migration mit Einheimischen macht und weshalb es bei der Integration klare Direktiven braucht, erkl\u00e4rt er im Interview.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>von Lucie Machac<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Herr Jey Aratnam, Sie bezeichnen die Schweiz als hypervielf\u00e4ltig. Weshalb?<\/strong><\/em><br>Rund ein Drittel der hier lebenden Menschen ist im Ausland geboren. Damit haben wir nach Luxemburg den h\u00f6chsten Migrationsanteil aller OECD-L\u00e4nder. Betrachten wir die j\u00fcngere Bev\u00f6lkerung, ist dieser Anteil noch h\u00f6her: Heute haben 58 Prozent der 0- bis 6-J\u00e4hrigen in der Schweiz mindestens einen Elternteil, der im Ausland geboren ist. Und in der Stadt Z\u00fcrich haben ganze 70 Prozent der 15- bis 60-J\u00e4hrigen einen im Ausland geborenen Elternteil. Wir sind also l\u00e4ngst eine migrantische, hypervielf\u00e4ltige Gesellschaft. Allerdings ist diese Realit\u00e4t noch nicht in allen K\u00f6pfen angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Woran liegt das?<\/strong><\/em><br>Das Thema Migration beschr\u00e4nkt sich medial sehr oft auf Asylsuchende, obwohl diese Gruppe nicht den Grossteil der Migration ausmacht. Gleichzeitig hat die Schweiz seit den 1990er-Jahren technologisch, demografisch und wirtschaftlich eine rasante Entwicklung erlebt, die die einheimische Bev\u00f6lkerung zum Teil \u00fcberfordert.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Inwiefern?<\/strong><\/em><br>Fr\u00fcher war alles \u00fcbersichtlicher. Es gab entweder Migros oder Coop, die Schweizer Grossbanken, der grosse Pharmakonzern hiess Ciba Geigy. Heute ist es f\u00fcr die meisten Leute schwierig, die f\u00fcnf umsatzst\u00e4rksten Firmen in der Schweiz aufzuz\u00e4hlen. Es sind alles Rohstofffirmen, die die meisten gar nicht kennen, die gr\u00f6sste ist Vitol. Es gibt also eine grosse Diskrepanz zwischen dem Mythos, was die Schweiz ist, und der Realit\u00e4t, wie sie wirklich ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Hat diese Diskrepanz auch damit zu tun, dass die hohen Migrationszahlen \u00f6ffentlich kaum bekannt sind?<\/strong><\/em><br>Ich denke, das wahre Ausmass der Migration wird durch die Aufbereitung der Zahlen verdeckt. Im Gegensatz zu Deutschland werden in der Schweiz Kinder, die einen im Inland geborenen Elternteil haben, statistisch automatisch ohne Migrationshintergrund erfasst. Das finde ich nicht progressiv, denn es verschleiert, dass das Kind w\u00e4hrend seiner Sozialisierung auch die Migrationserfahrung vom anderen Elternteil mitbekommt. Betrachten wir die Eheschliessungen, ergibt sich ein \u00e4hnliches Bild.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>N\u00e4mlich?<\/strong><\/em><br>In 52 Prozent aller Eheschliessungen in der Schweiz hat mindestens eine Person keinen Schweizer Pass. Bei schwulen Paaren betr\u00e4gt dieser Anteil sogar mehr als 70 Prozent. Das heisst, Eheschliessungen tragen ebenso zur Migration bei. Bei heterosexuellen Ehen haben wir zudem das Ph\u00e4nomen, dass ein betr\u00e4chtlicher Teil derer, die sie eingehen, nicht unbedingt migrationsfreundlich ist. Schweizer M\u00e4nner heiraten oft asiatische Frauen oder Frauen aus Osteuropa oder S\u00fcdamerika, weil sie konservativ eingestellt sind und eine \u00abh\u00e4usliche\u00bb Frau suchen. Dabei vergessen sie aber, dass auch diese Frauen oft emanzipiert sind. Migration wird uns also nicht einfach von extern aufgezwungen, wir selbst w\u00e4hlen diesen Weg.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Im Alltag sch\u00fcrt Migration auch \u00c4ngste, weil andere Kulturen andere Wertvorstellungen mitbringen, die mit unseren nicht immer vereinbar sind.<\/strong><\/em><br>Ich kann diese \u00c4ngste gut verstehen. Gerade manche junge M\u00e4nner haben andere Wertehaltungen punkto Gleichberechtigung und Menschenrechte. Da m\u00fcssen wir klare Direktiven geben, damit alle Migrant:innen verstehen, dass diese Grundwerte universell sind.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie sollen solche Direktiven aussehen?<\/strong><\/em><br>Jede Person, die hierherkommt, sollte die Grundrechte in der Schweiz kennen und akzeptieren. Damit meine ich zum Beispiel: Mann und Frau sind gleich, Sex vor der Ehe ist nicht verboten, Homosexualit\u00e4t darf nicht diskriminiert werden. Deshalb pl\u00e4diere ich daf\u00fcr, dass in Integrationskursen nicht nur die Sprache oder unsere M\u00fclltrennung behandelt wird, sondern mehr Gewicht auf Gleichstellungsfragen, das soziokulturelle Zusammenleben und sexuelle Rechte gelegt wird. Viele Migrant:innen sind mit einem Lebensprojekt in die Schweiz gekommen. Da sollten wir ansetzen. Integration ist Knochenarbeit. Aber wir m\u00fcssen auch diese Tabus ansprechen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie wollen Sie \u00fcberpr\u00fcfen, ob das tats\u00e4chlich in den K\u00f6pfen ankommt?<\/strong><\/em><br>Integration ist eine Daueraufgabe. Das heisst, wir k\u00f6nnen solche Dinge auch in der Kaffeepause thematisieren. Wir d\u00fcrfen und sollen uns einmischen, was vielen gar nicht so leicht f\u00e4llt. In der Schweiz pflegen wir eine Kultur des Nebeneinanders \u2013 siehe R\u00f6stigraben oder auch Polentagraben. Wir lassen uns gern in Ruhe, weil wir Konflikte scheuen. Migration aber bringt unweigerlich ein Miteinander mit sich, das sich mitten in unserem Alltag manifestiert, sogar innerhalb der Familie, wenn zum Beispiel jemand eine ausl\u00e4ndische Person heiratet. Wir m\u00fcssen uns dieser Realit\u00e4t also stellen, ob wir wollen oder nicht. Und ich sehe es als eine zwischenmenschliche Verpflichtung, dass wir die Menschenrechte auch im Alltag einhalten.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie w\u00fcrden Sie das Nichteinhalten sanktionieren?<\/strong><\/em><br>Heute m\u00fcssen Migrant:innen je nach Aufenthaltsbewilligung ein bestimmtes Deutschniveau erreichen, um in der Schweiz bleiben zu k\u00f6nnen. Ist dies nicht der Fall, wird ihre Bewilligung heruntergestuft und am Schluss droht die Ausweisung. Statt solcher Sanktionen k\u00f6nnte man bei gesellschaftlichen Themen wie eben Gleichberechtigung oder Sexualit\u00e4t mehr auf Sensibilisierung setzen. Zudem finde ich, dass auch Schweizer:innen \u00fcber Migration aufgekl\u00e4rt werden sollten.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Damit wir andere Kulturen besser verstehen?<\/strong><\/em><br>Es geht nicht darum, dass alteingesessene Schweizer B\u00fcrger:innen den Nahost verstehen oder Baklava backen lernen. Ich meine vielmehr, dass sie \u00fcber die migrantische Entwicklung der Schweiz besser aufgekl\u00e4rt werden sollten, damit ihnen bewusst wird: Die migrantische Realit\u00e4t besteht eben nicht nur aus Fl\u00fcchtlingen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Was k\u00f6nnen wir von Migrant:innen lernen?<\/strong><\/em><br>Wenn wir die Wirtschaft betrachten, lebt die Schweiz mehrheitlich von migrantischer Innovation. Bei den Firmenneugr\u00fcndungen sind Personen ohne Schweizer Pass im Vergleich zur Gesamtbev\u00f6lkerung \u00fcbervertreten. 50 Prozent aller Start-ups werden von Ausl\u00e4nder:innen gegr\u00fcndet. Nehmen wir Unicorn-Start-ups, also Unternehmen, die mehr als eine Milliarde wert sind, dann wurden diese sogar zu 78 Prozent von Personen ohne Schweizer Pass gegr\u00fcndet. Das heisst, es gibt bei Migrant:innen so etwas wie einen Gr\u00fcndergeist, einen Willen, etwas zu erreichen. Da k\u00f6nnen wir sicher einiges dazulernen.<br><br><em><strong>Sind wir faul geworden?<\/strong><\/em><br>Migration macht oft faul. Dank Migrant:innen haben wir in vielen Bereichen wie Bau, Gastro oder Handel gen\u00fcgend Arbeitskr\u00e4fte, so dass wir gar nicht \u00fcber neue Arbeitsmodelle nachdenken oder die Innovation vorantreiben m\u00fcssen. Ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte k\u00f6nnen also die Fortentwicklung von Einheimischen bremsen. Und nicht nur das: Sie verlangsamen auch die Emanzipation der M\u00e4nner in der Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie das?<\/strong><\/em><br>Die meisten Frauen mit Kindern arbeiten hier Teilzeit. Lediglich ein Prozent der Frauen mit einer h\u00f6heren Berufsbildung respektive einem Universit\u00e4ts- oder Fachhochschulabschluss sieht die Vereinbarkeit von Familie und Karriere als ausschliesslich positiv an. Wenn unsere Devise aber Gleichstellung lautet und die Politik mehr weibliche F\u00fchrungskr\u00e4fte anstrebt, haben wir ein Problem. Wollen wir es l\u00f6sen, sollten wir uns bei der Emanzipation nicht immer nur an Frauen richten. Wir m\u00fcssen unbedingt auch all die M\u00e4nner mit einem Kinderwunsch ins Boot holen und sie gut dar\u00fcber aufkl\u00e4ren, was es bedeutet, Kinder in einer gleichberechtigten Welt grosszuziehen. Doch stattdessen importieren wir heute die Gleichstellung aus dem Ausland: Laut dem Schilling-Report sind 91 Prozent der weiblichen Gesch\u00e4ftsleitungsmitglieder in b\u00f6rsenkotierten Unternehmen Ausl\u00e4nderinnen.<br><br><em><strong>Was schlagen Sie vor?<\/strong><\/em><br>Nehmen wir das Beispiel \u00c4rztinnen: Seit 2006 absolvieren in der Schweiz mehr Frauen ein Medizinstudium als M\u00e4nner. Dennoch gibt es weit mehr Chef\u00e4rzte als Chef\u00e4rztinnen, die wir sowieso gr\u00f6sstenteils aus dem Ausland importieren. Politik und Wirtschaft sollten in der Schweiz lebende Frauen also gezielter ermutigen, Kaderpositionen anzustreben, indem zum Beispiel spezielle Karriereprogramme f\u00fcr sie angeboten werden, die mit der Familie vereinbar sind. Es br\u00e4uchte auch ein klares politisches Ziel, zum Beispiel 50 Prozent mehr Chef\u00e4rztinnen in zehn Jahren. Dies kann aber nur gelingen, wenn wir auch die M\u00e4nner in der Schweiz emanzipieren. \/\/<\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitaming-16-2024-doppel-web.pdf#page=6\">Vitamin G, S.10-12<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><strong>Ganga Jey Aratnam<\/strong> (51) doktorierte in Sri Lanka und in Grossbritannien in Sozialmedizin. An der Universit\u00e4t Basel erfolgte seine Zweitpromotion in Soziologie. Er forscht und publiziert unter anderem zu Migration, Rohstoffhandel, Arbeitsmarkt und Reichtum in der Schweiz. Jey Aratnam ist mit 22 Jahren in die Schweiz gekommen und lebt heute mit seiner Partnerin in Z\u00fcrich. Seit diesem Jahr arbeitet er in einem internationalen Z\u00fcrcher Beratungsunter nehmen. Daneben engagiert er sich ehrenamtlich im sozialen Bereich.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-magazin-vitamin-g-fur-health-professionals-mit-weitblick\"><strong>Magazin \u00abVitamin G \u2013 f\u00fcr Health Professionals mit Weitblick\u00bb<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/\">\u00abVitamin G\u00bb bestellen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitaming-19-2025-ds-zhaw-gesundheit.pdf\">Aktuelles \u00abVitamin G\u00bb als PDF lesen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/#c16801\">Bisher erschienene Ausgaben<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweiz ist l\u00e4ngst eine hypervielf\u00e4ltige Gesellschaft, die von migrantischer Innovation lebt, sagt Migrationsforscher Ganga Jey Aratnam. 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