{"id":2250,"date":"2022-11-14T17:39:50","date_gmt":"2022-11-14T16:39:50","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/?p=2250"},"modified":"2023-07-04T17:11:46","modified_gmt":"2023-07-04T15:11:46","slug":"mehr-beratung-weniger-rehospitalisationen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/mehr-beratung-weniger-rehospitalisationen\/","title":{"rendered":"Mehr Beratung \u2013 weniger Rehospitalisationen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gebrechliche Menschen haben ein hohes Risiko, wenige Wochen nach der Spitalentlassung wieder hospitalisiert zu werden. Oft sind zu fr\u00fche oder schlecht geplante Austritte sowie eine mangelhafte Koordination im Gesundheitssystem die Gr\u00fcnde. Rehospitalisationen liessen sich jedoch vermeiden, sind sich Wissenschaft und Praxis einig.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Marion Loher<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Spitalaufenthalt ist f\u00fcr Menschen jeglichen Alters eine emotionale Herausforderung. Noch belastender kann er f\u00fcr \u00e4ltere, gebrechliche Personen sein: Sie k\u00f6nnen aufgrund ihrer k\u00f6rperlichen Verfassung chirurgische Eingriffe und Traumata schlechter bew\u00e4ltigen. Und auch die Psyche leidet verst\u00e4rkt. \u00ab\u00c4ltere, gebrechliche Menschen sind sehr labil\u00bb, sagt Maria Schubert, Co-Leiterin Forschung und Entwicklung am Institut f\u00fcr Pflege der ZHAW, \u00abund eine Spitaleinweisung kann sie g\u00e4nzlich aus dem Gleichgewicht bringen. Dadurch k\u00f6nnen sich schnell Komplikationen entwickeln.\u00bb Diese Personen sind denn auch sehr anf\u00e4llig f\u00fcr Rehospitalisationen. Das heisst, dass sie innerhalb von 30 Tagen nach ihrer Spitalentlassung wieder hospitalisiert werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Schlecht geplante Austritte<\/h2>\n\n\n\n<p>Dabei wird zwischen erwarteten Rehospitalisationen wie bei Folgebehandlungen von Tumor-Patient:innen und vermeidbaren Wiedereintritten unterschieden. Letztere k\u00e4men vor allem bei \u00e4lteren Menschen mit einer Herzinsuffizienz, auch Herzschw\u00e4che genannt, vor, weiss Nicole Zigan, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin ebenfalls am Institut f\u00fcr Pflege forscht. \u00abMeistens kommen diese Personen mit Atemnot in den Notfall, weil sich in ihrem K\u00f6rper Wasser angesammelt hat und dieses in die Lunge dr\u00fcckt.\u00bb Im Spital wird dann mithilfe von Medikamenten das Wasser aus dem K\u00f6rper geschwemmt. Den Patient:innen geht es ziemlich schnell wieder besser und sie k\u00f6nnen rasch entlassen werden. \u00abWenn sie aber nicht gr\u00fcndlich dar\u00fcber informiert werden, wie wichtig es ist, die Therapie zu Hause weiterzuf\u00fchren, dann landen sie wieder notfallm\u00e4ssig im Spital\u00bb, sagt Zigan.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Pflege-Studentinnen Michaela M\u00fcller und Valerie Ryser haben in ihrer Bachelorarbeit das Ph\u00e4nomen von Gebrechlichkeit und Rehospitalisationen untersucht. Sie schreiben, dass in der Schweiz j\u00e4hrlich rund 1500 Personen \u00fcber 65 Jahre, die an Gebrechlichkeit oder der Vorstufe davon leiden, eine potenziell vermeidbare Rehospitalisation erleben. Als Ursache geben die Autorinnen \u00abzu fr\u00fch oder schlecht geplante Austritte sowie eine mangelhafte Koordination im Gesundheitssystem\u00bb an. Dem kann Maria Schubert nur zustimmen. \u00abDie Spitalaufenthalte sind in den vergangenen Jahren aus Kostengr\u00fcnden k\u00fcrzer geworden, die Informationen an die Patient:innen d\u00fcrftiger\u00bb, sagt sie. Und leider fehle es vielen Spit\u00e4lern an Angeboten, die die Patient:innen auf den Austritt vorbereiteten. Doch genau dies w\u00e4re eine wichtige Massnahme, um Rehospitalisationen zu vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Grosse Informationsl\u00fccken<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00abViele \u00e4ltere Menschen leben allein, sind weniger mobil und gerade deshalb auch im Krankheitsfall auf ein gut funktionierendes Netzwerk aus Angeh\u00f6rigen, Haus\u00e4rzt:innen, Pflegefachpersonen und Spitex-Mitarbeitenden angewiesen.\u00bb Zwischen den verschiedenen Betreuenden gebe es jedoch grosse Informationsl\u00fccken, so dass Patient:innen oft auf sich allein gestellt seien. Als Beispiel nennt Nicole Zigan das Thema Medikation. Im Spital w\u00fcrden Medikamente aus Kostengr\u00fcnden oft durch Generika ersetzt. \u00abGebrechliche Menschen reagieren auf solche Ver\u00e4nderungen empfindlich, und es ist wichtig, dass ihnen oder ihren betreuenden Angeh\u00f6rigen erkl\u00e4rt wird, weshalb das gewohnte Medikament nun anders heisst und bei welchen Anzeichen sie sich beim Arzt oder bei der \u00c4rztin melden sollten.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Herzinsuffizienz m\u00fcssen die Medikamente zu Hause weiter genommen werden, um eine erneute Wasseransammlung im K\u00f6rper zu vermeiden. \u00abViele Patient:innen nehmen die Tabletten aber nach dem Austritt nicht mehr konsequent ein, da sie wieder gut atmen k\u00f6nnen und es ihnen auch M\u00fche macht, mehrmals t\u00e4glich auf die Toilette zu gehen, was bei dieser Therapie aber dazugeh\u00f6rt\u00bb, sagt Zigan. Da sei eine Rehospitalisation fast vorprogrammiert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Qualit\u00e4t in Spit\u00e4lern ist hoch<\/h2>\n\n\n\n<p>Susanne Gedamke kennt das Problem. Bei der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der Schweizerischen Patientenorganisation (SPO) landen immer wieder Beschwerden von Patient:innen und Angeh\u00f6rigen wegen Rehospitalisationen auf dem Tisch. Sie sagt, es liege insbesondere daran, weil Spit\u00e4ler nun mal wirtschaftlich arbeiten m\u00fcssten und es lukrative und weniger lukrative Behandlungen gebe. \u00abEs kommt vor, dass Patient:innen aus \u00f6konomischen, aber nicht aus medizinischen Gr\u00fcnden entlassen werden.\u00bb Die Qualit\u00e4t im Gesundheitswesen bezeichnet sie dennoch als hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist auch das Ergebnis einer Studie von Obsan, dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium, die im Auftrag des Bundesamtes f\u00fcr Gesundheit BAG von 2012 bis 2019 durchgef\u00fchrt wurde. Dabei wurden in allen Spit\u00e4lern und Kliniken der Schweiz die Auswirkungen der Revision des Bundesgesetzes \u00fcber die Krankenversicherung auf die Qualit\u00e4t der station\u00e4ren Spitalleistungen untersucht. Im Fazit heisst es, dass es zu keiner Verschlechterung der Qualit\u00e4t gekommen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Studie weist jedoch auch eine Zunahme der Anzahl Rehospitalisationen in der Akutsomatik aus. Ob dies mit einem R\u00fcckgang der durchschnittlichen Aufenthaltsdauer zusammenh\u00e4ngt und daher eine Verschlechterung der Behandlungsqualit\u00e4t widerspiegelt, ist gem\u00e4ss Studien- und ObsanLeiter Marcel Widmer \u00abkaum zu beurteilen\u00bb. Die Vergleichbarkeit von Rehospitalisationen sei sehr eingeschr\u00e4nkt, da sich Patient:innen \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum ver\u00e4nderten. \u00abAufgrund der demografischen Entwicklung und der Verlagerung von der station\u00e4ren auf die ambulante Versorgung sind im station\u00e4ren Bereich die Patient:innen \u00e4lter und kr\u00e4nker.\u00bb Deshalb und weil es eine einmalige Studie sei, sei die Zahl mit Vorsicht zu geniessen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Regelm\u00e4ssige Gespr\u00e4che und Fallmanager:in<\/h2>\n\n\n\n<p>Die beiden Bachelor-Absolventinnen kommen in ihrer Arbeit zum Schluss, dass Rehospitalisationen vermieden werden k\u00f6nnen, indem bereits auf der Notfallstation oder in der station\u00e4ren Versorgung mit der Vorbereitung auf den Austritt begonnen und die Betreuung dann entweder ambulant oder im Alters- und Pflegeheim weitergef\u00fchrt wird. Das sehen auch die Wissenschaftlerinnen Maria Schubert und Nicole Zigan so. Um dieses Ziel zu erreichen, muss ihrer Meinung nach die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Betreuenden, also zwischen Angeh\u00f6rigen, Pflegenden, Haus\u00e4rzt:innen, Physiotherapeut:innen, Spitex- und Sozialdienst-Mitarbeitenden verbessert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Spitex ist es beispielsweise wichtig, dass sie bereits w\u00e4hrend des Spitalaufenthalts der Patient:innen an der Austrittsplanung mitwirken kann. \u00abDann sind unsere Organisationen fr\u00fcher und besser informiert\u00bb, sagt Francesca Heiniger, Kommunikationsverantwortliche von Spitex Schweiz, \u00abund es erleichtert beispielsweise die Einsatzplanung des Personals oder die Organisation von weiteren Hilfsmitteln.\u00bb Damit eine bessere Koordination gelingen kann, schl\u00e4gt sie ausserdem regelm\u00e4ssige Rundtischgespr\u00e4che vor. F\u00fcr Maria Schubert braucht es derweil mehr. \u00abIdeal w\u00e4re eine Art Fallmanager:in, der oder die den Lead \u00fcbernimmt\u00bb, sagt die Wissenschaftlerin. \u00abIm Institut f\u00fcr Pflege besch\u00e4ftigen wir uns derzeit mit der neuen Rolle von Advanced Practice Nursing, und dies k\u00f6nnte eine M\u00f6glichkeit sein.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Susanne Gedamke von der Schweizerischen Patientenorganisation w\u00fcrde sich w\u00fcnschen, dass die Patient:innen noch mehr in ihrer Gesamtheit betrachtet w\u00fcrden. \u00abEine erfolgreiche Nachbehandlung geht weit \u00fcber die medizinische Versorgung hinaus. Und da k\u00f6nnen wir bez\u00fcglich Lebensqualit\u00e4t, und was das f\u00fcr \u00e4ltere, gebrechliche Menschen heisst, noch einiges tun.\u00bb \/\/<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mehr Selbstmanagement f\u00fcr COPD-Patient:innen<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Universit\u00e4tsspital Z\u00fcrich (USZ) hat f\u00fcr Patient:innen mit der chronischen Lungenkrankheit COPD ein Programm erarbeitet, das das Ziel hat, Rehospitalisationen zu vermeiden und gleichzeitig die Lebensqualit\u00e4t dieser Menschen zu erh\u00f6hen. Das Programm beginnt beim ersten Spitalaufenthalt und beinhaltet verschiedene Interventionen. Eine davon ist die Beratung durch Fachpersonen wie Advanced Practice Nurses, die auch an der ZHAW mit dem Master of Science in Pflege ausgebildet werden. Bei den Beratungen geht es nebst therapeutischen Massnahmen wie Bewegung und Rauchstopp auch darum, wie die Patient:innen eine Lungenattacke erkennen und richtig reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abDer Schwerpunkt liegt auf dem Selbstmanagement\u00bb, sagt Gabriela Schmid-Mohler, klinische Pflegewissenschaftlerin am USZ. Mithilfe eines Aktionsplans wissen die Patient:innen, was sie bei welchen Symptomen tun m\u00fcssen. Dabei wird auch der Hausarzt oder die Pneumologin einbezogen. Ebenfalls zum Programm geh\u00f6ren regelm\u00e4ssige Telefonanrufe. \u00abDie Patient:innen sch\u00e4tzen den niederschwelligen Austausch, bei dem sie ihre Anliegen besprechen k\u00f6nnen\u00bb, sagt sie. Durch diese Interventionen seien schon viele Lungenattacken fr\u00fchzeitig erkannt und behandelt worden. \u00abBei einigen haben wir vermutlich auch eine Rehospitalisation vermeiden k\u00f6nnen.\u00bb Schmid-Mohler ist \u00fcberzeugt, dass von einer engen Betreuung und guten Kommunikation in einem multiprofessionellen Team auch andere Patient:innen-Gruppen profitieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/zhaw-vitaming-13-2022-web-doppelseiten.pdf#page=13\">Vitamin G, S. 25-27<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Weitere Informationen<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/forschung\/forschungsdatenbank\/projektdetail\/projektid\/2634\/\">ZHAW Forschungsprojekt zur rehabilitativen \u00dcbergangspflege: Prevention Admission into Nursing Homes (Pan B)<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/institute-zentren\/ipf\/alle-news\/news-detailansicht\/event-news\/praemierung-der-besten-bachelorarbeiten-im-studiengang-pflege-durch-den-sbk\/\">Pr\u00e4mierte ZHAW Bachelorarbeit zu Rehospitalisationen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.obsan.admin.ch\/sites\/default\/files\/obsan_dossier_65.pdf\">OBSAN-Studie zur Qualit\u00e4t der station\u00e4ren Leistungen 2009 &#8211; 2016<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.anq.ch\/\">Verein f\u00fcr Qualit\u00e4tsentwicklung in Spit\u00e4lern und Kliniken<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.anq.ch\/de\/medienmitteilungen\/analyse-der-spital-wiedereintritte-2019\/\">Analyse der Spital-Wiedereintritte 2019<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.patientensicherheit.ch\/\">Patientensicherheit Schweiz<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC7293988\/\">Studie \u00fcber Advances Nursing Practise bei COPD-Patient:innen<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-magazin-vitamin-g-fur-health-professionals-mit-weitblick\"><strong>Magazin \u00abVitamin G \u2013 f\u00fcr Health Professionals mit Weitblick\u00bb<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/\">\u00abVitamin G\u00bb bestellen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitaming-19-2025-ds-zhaw-gesundheit.pdf\">Aktuelles \u00abVitamin G\u00bb als PDF lesen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/#c16801\">Bisher erschienene Ausgaben<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebrechliche Menschen haben ein hohes Risiko, wenige Wochen nach der Spitalentlassung wieder hospitalisiert zu werden. 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