{"id":1868,"date":"2022-02-10T18:08:04","date_gmt":"2022-02-10T17:08:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/?p=1868"},"modified":"2022-04-11T17:28:53","modified_gmt":"2022-04-11T15:28:53","slug":"mehr-personal-ausbilden-reicht-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/mehr-personal-ausbilden-reicht-nicht\/","title":{"rendered":"MEHR PERSONAL AUSBILDEN REICHT NICHT"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Neun von zehn Pflegefachpersonen m\u00f6chten l\u00e4ngerfristig im Beruf bleiben. Daf\u00fcr erwarten sie jedoch deutliche Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen, insbesondere bei der Vereinbarkeit des Berufs mit dem Privat- und Familienleben. Dies zeigt eine Langzeitstudie, in der die fr\u00fchen Karrieren von Pflegenden untersucht wurden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>VON TOBIAS H\u00c4NNI<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Aussichten stimmen wenig optimistisch: Der Schweiz droht im Pflegebereich in den n\u00e4chsten Jahren eine grosse Personall\u00fccke. Was sich seit Jahren abzeichnet, best\u00e4tigte zuletzt der Anfang September ver\u00f6ffentliche \u00abNationale Versorgungsbericht 2021\u00bb zum Gesundheitspersonal in der Schweiz. Der vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium Obsan publizierte Bericht rechnet \u2013 in einem mittleren Szenario \u2013 damit, dass bis 2029 rund 20\u2009000 Pflegende s\u00e4mtlicher Ausbildungsstufen im Gesundheitswesen fehlen werden. Zwar seien die Ausbildungszahlen in den letzten Jahren deutlich gestiegen, dies reiche jedoch nicht, um die L\u00fccke zwischen Angebot und Bedarf zu schliessen, heisst es im Bericht. Es brauche, so die Verfasser, Rahmenbedingungen, um das Personal im Beruf zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu einem \u00e4hnlichen Schluss kommt eine Langzeitstudie des ZHAW-Instituts f\u00fcr Gesundheitswissenschaften, welche die fr\u00fchen Berufskarrieren von Pflegenden untersucht hat. \u00abMit besseren Arbeitsbedingungen k\u00f6nnen Pflegende l\u00e4nger im Beruf gehalten werden\u00bb, so das Fazit von Studienleiter Ren\u00e9 Schaffert. F\u00fcr die Studie wurden diplomierte Pflegefachpersonen FH und HF, die 2011\/12 ihren Abschluss an einer H\u00f6heren Fachschule oder einer Fachhochschule gemacht haben, bis 2019 insgesamt drei Mal befragt. \u00dcber 600 Pflegefachpersonen nahmen an der letzten Befragung 2018\/2019 teil. F\u00fcr erg\u00e4nzende Auswertungen sind ausserdem Daten zu den Berufslaufbahnen von Fachfrauen\/-m\u00e4nnern Gesundheit (FaGe) der Eidgen\u00f6ssischen Hochschule f\u00fcr Berufsbildung (EHB) eingeflossen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Grosse Diskrepanz bei Vereinbarkeit<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00abSechs Jahre nach dem Berufseinstieg k\u00f6nnen sich neun von zehn diplomierten Pflegenden vorstellen, auch die n\u00e4chsten zehn Jahre in der Pflege zu arbeiten. Daf\u00fcr setzen die meisten von ihnen jedoch bessere Arbeitsbedingungen voraus\u00bb, fasst Schaffert zusammen. Der Anteil der Studienteilnehmenden, die nicht mehr im Pflegebereich t\u00e4tig sind, ist nach sechs Jahren zwar noch \u00fcberschaubar: F\u00fcnf Prozent haben zu diesem Zeitpunkt in einen anderen Beruf gewechselt, weitere f\u00fcnf Prozent sind nicht erwerbst\u00e4tig, dies haupts\u00e4chlich aus famili\u00e4ren Gr\u00fcnden. \u00abBereits zu diesem Zeitpunkt l\u00e4sst sich aber erkennen, weshalb Pflegende aus dem Beruf aussteigen oder den Ausstieg erw\u00e4gen: Die aktuellen Bedingungen sind zu belastend und stehen im Widerspruch zu zentralen Bed\u00fcrfnissen der Pflegenden\u00bb, sagt Ren\u00e9 Schaffert.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Vereinbarkeit des Berufs mit dem Privat- und Familienleben. Zeit f\u00fcrs Privatleben zu haben sowie Beruf und Familie gut vereinbaren zu k\u00f6nnen, beurteilten die Teilnehmenden mit Blick auf ihre berufliche Zukunft als die beiden wichtigsten von insgesamt zw\u00f6lf Aspekten. Dieser Erwartung steht allerdings die wahrgenommene Realit\u00e4t im Berufsalltag entgegen: Bei der Beurteilung des Berufs landeten die beiden Aspekte auf dem zweitbeziehungsweise dem drittletzten Platz. \u00abDiese wahrgenommene Diskrepanz korreliert mit der beruflichen Zufriedenheit und der H\u00e4ufigkeit von Gedanken an einen Berufsausstieg\u00bb, so Schaffert. Je gr\u00f6sser die wahrgenommene Diskrepanz zwischen Erwartung und Realit\u00e4t, desto unzufriedener sei eine Pflegefachperson im Beruf und desto h\u00e4ufiger denke sie an den Ausstieg.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Lohn f\u00fcr die Leistung zu tief<\/h2>\n\n\n\n<p>Grosse Diskrepanzen zwischen Erwartung und Realit\u00e4t offenbart die Langzeitstudie auch bei anderen Aspekten des Pflegeberufs, etwa bei der M\u00f6glichkeit, das Potenzial der eigenen F\u00e4higkeiten im Job auszusch\u00f6pfen, oder beim Lohn. Letzterer befindet sich bei den Erwartungen zwar im Mittelfeld, geh\u00f6rt f\u00fcr die Studienteilnehmenden also nicht zu den wichtigsten Faktoren. Bei der wahrgenommenen beruflichen Realit\u00e4t landet er jedoch auf dem<br>letzten Platz der zw\u00f6lf abgefragten Aspekte. \u00abF\u00fcr Pflegende steht der Lohn nicht im Mittelpunkt. Aber sie empfinden ihn als zu tief f\u00fcr das, was sie leisten\u00bb, so Schaffert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bed\u00fcrfnis nach mehr Anerkennung<\/h2>\n\n\n\n<p>Diese Empfindungen verdeutlichen auch die Antworten auf die Frage nach den Bedingungen f\u00fcr einen l\u00e4ngerfristigen Verbleib im Beruf. Fast 90 Prozent der Teilnehmenden, die darauf geantwortet haben, nannten einen besseren Lohn als Bedingung. \u00dcber die finanzielle Anerkennung hinaus erwarten 57 Prozent mehr Unterst\u00fctzung durch das Management. \u00abDies l\u00e4sst auf ein ausgepr\u00e4gtes Bed\u00fcrfnis nach st\u00e4rkerer Wertsch\u00e4tzung durch Betriebe und Gesellschaft schliessen\u00bb, sagt Schaffert. Eine deutliche Mehrheit von 72\u2009 Prozent setzt f\u00fcr einen l\u00e4ngerfristigen Verbleib in der Pflege zudem eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie voraus, weitere 62 Prozent fordern weniger Zeitdruck bei der Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Forderung nach weniger Zeitdruck nicht unbegr\u00fcndet ist, zeigt sich in den gesundheitlichen Auswirkungen des Pflegeberufs: In der letzten Befragung der Langzeitstudie gaben 55 Prozent der Pflegenden an, sich wegen der beruflichen Belastungen w\u00e4hrend der Arbeit oft m\u00fcde und angespannt zu f\u00fchlen, 54 Prozent f\u00fchlen sich durch diese ausserdem bei Aktivit\u00e4ten im Privatleben sp\u00fcrbar eingeschr\u00e4nkt. Die negativen Auswirkungen der Arbeit spiegeln sich auch in den Gr\u00fcnden f\u00fcr die Teilzeitarbeit wider. Von den Teilnehmenden, die Teilzeit t\u00e4tig sind \u2013 sechs Jahre nach dem Berufseinstieg sind das bereits 40 Prozent \u2013, gab rund ein Drittel an, eine Vollzeitanstellung sei k\u00f6rperlich und psychisch zu anstrengend.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mehr M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Teilzeitarbeit<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Studienteilnehmenden hatten auch die M\u00f6glichkeit, konkrete Massnahmen f\u00fcr eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen vorzuschlagen. Mit Blick auf eine bessere Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben wurden dabei am h\u00e4ufigsten genannt: ein gr\u00f6sseres Angebot an niedrigprozentigen Teilzeitarbeitsmodellen, mehr Regelm\u00e4ssigkeit und Ber\u00fccksichtigung individueller W\u00fcnsche bei der Einsatzplanung sowie passendere Angebote f\u00fcr die Kinderbetreuung. In Bezug auf die st\u00e4rkere Unterst\u00fctzung der Pflege durch das Management schlagen die Teilnehmenden eine h\u00f6here Sichtbarkeit der Leitungspersonen auf den Abteilungen vor sowie eine offene und transparente Kommunikation. \u00abMit der Umsetzung dieser und weiterer gezielter Massnahmen wie etwa einer Verringerung der Arbeitsbelastungen oder h\u00f6heren L\u00f6hnen liesse sich der Berufsverbleib in der Pflege verl\u00e4ngern\u00bb, ist Ren\u00e9 Schaffert \u00fcberzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der indirekte Gegenvorschlag zur Pflegeinitiative, \u00fcber die Ende November abgestimmt wird, reicht f\u00fcr den Soziologen nicht aus, um den Personalmangel in der Pflege zu entsch\u00e4rfen. \u00abDer Gegenvorschlag setzt vor allem auf eine Ausbildungsoffensive, geht im Gegensatz zur Initiative aber nicht auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ein. Das ist wenig nachhaltig.\u00bb \/\/<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gegen den Fachkr\u00e4ftemangel<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00abBerufskarrieren Pflege: L\u00e4ngsschnittstudie nach dem Berufseinstieg\u00bb ist Teil des sechsteiligen Standortprojekts \u00abFachkr\u00e4fte erforschen: Berufskarrieren und Berufsverweildauer Gesundheitsberufe\u00bb des ZHAW-Departements Gesundheit. Das Projekt wird im Rahmen des Competence Network Health Workforce (CNHW) durchgef\u00fchrt, des Kompetenznetzwerks von f\u00fcnf Schweizer Hochschulen, die Gesundheitsberufe ausbilden. Das Netzwerk soll dazu beitragen, den Fachkr\u00e4ftemangel im Schweizer Gesundheitswesen zu entsch\u00e4rfen.<br><a href=\"https:\/\/www.cnhw.ch\/\">www.cnhw.ch<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/2021-11-vitaminG-nr11-dossier-spielen-zhaw-gesundheit.pdf#page=17\">Vitamin G S. 32-33<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">WEITERE INFORMATIONEN<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/forschung\/forschungsdatenbank\/projektdetail\/projektid\/1558\/\">Projektwebsite \u00abBerufskarrieren Pflege: L\u00e4ngsschnittstudie nach dem Berufseinstieg\u00bb<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.cnhw.ch\/\">Netzwerk gegen den Fachkr\u00e4ftemangel im Schweizer Gesundheitswesen: Competence Network Health Network<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/index.php?id=8812\">\u00abFachkr\u00e4fte erforschen: Berufskarrieren und Berufsverweildauer Gesundheitsberufe\u00bb &#8211;&nbsp; CNHW-Standortprojekt des ZHAW-Departements Gesundheit<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.admin.ch\/gov\/de\/start\/dokumentation\/medienmitteilungen.msg-id-86761.html\">Pflegeinitiative: Bundesrat empfiehlt Umsetzung in zwei Etappen<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-magazin-vitamin-g-fur-health-professionals-mit-weitblick\"><strong>Magazin \u00abVitamin G \u2013 f\u00fcr Health Professionals mit Weitblick\u00bb<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/\">\u00abVitamin G\u00bb bestellen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitaming-19-2025-ds-zhaw-gesundheit.pdf\">Aktuelles \u00abVitamin G\u00bb als PDF lesen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/#c16801\">Bisher erschienene Ausgaben<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neun von zehn Pflegefachpersonen m\u00f6chten l\u00e4ngerfristig im Beruf bleiben. 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