{"id":1811,"date":"2021-11-22T16:40:06","date_gmt":"2021-11-22T15:40:06","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/?p=1811"},"modified":"2022-04-11T17:30:56","modified_gmt":"2022-04-11T15:30:56","slug":"damit-alle-kinder-zugang-zum-spielen-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/damit-alle-kinder-zugang-zum-spielen-haben\/","title":{"rendered":"DAMIT ALLE KINDER ZUGANG ZUM SPIELEN HABEN"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Spielen ist ein Grundbed\u00fcrfnis, doch nicht alle Kinder haben die M\u00f6glichkeit, sich im \u00f6ffentlichen Raum auszutoben und erste soziale Kontakte zu kn\u00fcpfen. Ines Wenger und Thomas Morgenthaler sind zwei von acht Doktorierenden, die im Rahmen des europ\u00e4ischen Doktoratprogramms P4Play am Institut f\u00fcr Ergotherapie zum Spiel von Kindern forschen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>VON MARION LOHER<\/p>\n\n\n\n<p>Ob drinnen oder draussen, mit Baukl\u00f6tzen oder beim \u00abFangis\u00bb, allein oder mit anderen: Spielen ist f\u00fcr Kinder und ihre Entwicklung elementar. Insbesondere das freie Spiel, jenes also, bei dem die Erwachsenen nicht mitbestimmen, wird als zentrale Besch\u00e4ftigung im Alltag eines Kindes verstanden. Dabei k\u00f6nnen die Kinder ihren Bewegungsdrang ausleben und verschiedene F\u00e4higkeiten wie Geschicklichkeit, Kraft und Koordination erproben. Gleichzeitig werden in der Interaktion mit anderen Kindern wichtige soziale Kompetenzen erworben: Sie lernen zu teilen, zu streiten und sich wieder zu vers\u00f6hnen. Die Sinneseindr\u00fccke und Erlebnisse, die durch das Spielen entstehen, f\u00f6rdern die Entwicklung des kindlichen Gehirns. Spielen ist ein Grundbed\u00fcrfnis, die UN Kinderrechtskonvention h\u00e4lt deshalb in ihrem Regelwerk das Recht des Kindes auf Spiel und altersgerechte Freizeitbesch\u00e4ftigung fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem haben nicht alle Kinder die M\u00f6glichkeit, zu spielen. Zum einen, weil ihnen aufgrund einer k\u00f6rperlichen oder psychischen Beeintr\u00e4chtigung oder wegen ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts der Zugang zum Spiel erschwert ist, und zum andern, weil es im \u00f6ffentlichen Raum an geeigneten Pl\u00e4tzen fehlt oder diese nicht genutzt werden k\u00f6nnen. Dazu kommt, dass der Ruf des kindlichen Spiels in den vergangenen Jahren gelitten hat. Von vielen Erziehungsberechtigten wird es vielmehr als banaler Zeitvertreib gesehen und weniger als p\u00e4dagogisch wertvolle Fr\u00fchf\u00f6rderung. Damit sich dies \u00e4ndert, muss in der Gesellschaft das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Spiel verbessert werden: Man muss wissen, was genau es ist und welche Faktoren es untersch\u00fctzen oder einschr\u00e4nken k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wissen generieren, Barrieren abbauen<\/h2>\n\n\n\n<p>Hier leistet das transeurop\u00e4ische Doktoratsprogramm P4Play, das als Marie-Sk\u0142odowska-Curie-Massnahme von der EU finanziert wird (siehe Zweittext n\u00e4chste Seite), einen wichtigen Beitrag. Beteiligt an diesem Forschungsprogramm ist ein Konsortium aus Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten von vier verschiedenen Universit\u00e4ten und Hochschulen. Eine davon ist die ZHAW mit ihrem Institut f\u00fcr Ergotherapie. Daneben arbeiten f\u00fcnfzehn Partnerorganisationen mit \u2013 unter anderen NGOs und \u00f6ffentliche Institutionen. Das \u00fcbergeordnete Ziel der Forscherinnen und Forschern ist es, neues Wissen \u00fcber das kindliche Spiel und die Konsequenzen mangelnder Spielm\u00f6glichkeiten zu generieren. Daraus sollen kreative und innovative L\u00f6sungen entwickelt und Barrieren abgebaut werden, damit alle Kinder ihr Recht auf Spiel ausleben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das kindliche Spiel f\u00f6rdern<\/h2>\n\n\n\n<p>Christina Schulze, Professorin am Institut f\u00fcr Ergotherapie, hat das P4Play-Programm mitentwickelt und gemeinsam mit den Institutspartnerinnen und -partnern in Irland, Schweden und Schottland acht Doktoratsstellen f\u00fcr Nachwuchsforschende geschaffen. Die acht Studierenden sind an den vier Universit\u00e4ten und Hochschulen angestellt und widmen sich mit ihren Projekten der Untersuchung und F\u00f6rderung des kindlichen Spiels. Jeweils zwei Studierende forschen w\u00e4hrend rund 36 Monaten in einem der vier Bereiche People, Place, Policy und Practice, mit denen sich das P4Play-Programm befasst. Dabei m\u00fcssen die Doktorierenden an zwei Universit\u00e4ten oder Hochschulen jeweils mindestens ein Jahr sowie rund vier Monate bei einer Partnerinstitution verbringen. Christina Schulze betreut als Supervisorin die Doktorierenden, die an der ZHAW arbeiten. Innerhalb von People, Place, Policy und Practice werden Aspekte wie die Spielcharakteristiken armutsbetroffener Kinder, das Spiel von Kindern mit Migrationshintergrund im schulischen Umfeld, die Auswirkungen der Genderdebatte oder die Nutzung von Spielpl\u00e4tzen aus Sicht von Kindern mit Beeintr\u00e4chtigung untersucht. Das Programm ist im M\u00e4rz 2021 gestartet und wird voraussichtlich bis 2024 dauern. Die Idee f\u00fcr das P4Play-Programm ist aus einem fr\u00fcheren Projekt, dem \u00abPlay for Children with Disabilities\u00bb heraus entstanden, bei dem bereits einige Ergotherapeutinnen und -therapeuten aus dem europ\u00e4ischen Konsortium mitgearbeitet haben. \u00abSchon damals haben wir uns mit dem Thema Kind, Spiel und m\u00f6glichen Barrieren f\u00fcr Kinder mit Beeintr\u00e4chtigung auseinandergesetzt und realisiert, dass das Gebiet sehr fragmentiert ist und die verschiedenen Disziplinen, die es betrifft, nicht wirklich gut zusammenarbeiten\u00bb, sagt Christina Schulze.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraufhin beantragten die Forschenden die Unterst\u00fctzung durch die Marie-Sk\u0142odowska- Curie-Massnahmen, damit ein entsprechendes Doktorat aufgebaut werden kann. P4Play ist demnach nicht nur ein Forschungs-, sondern auch ein Bildungsprogramm. \u00abDie individuellen Forschungsprojekte zum Thema Spiel sind nur ein Teil des Doktorats. F\u00fcr die Studierenden geht es auch darum, sich in der Bet\u00e4tigungswissenschaft, der sogenannten Occupational Science, weiterzuentwickeln\u00bb, so die Professorin. Grunds\u00e4tzlich soll ein nachhaltiges Programm erarbeitet werden, das Doktorierende dazu bringt, innovative Forschung und Praxis in der Ergotherapie voranzutreiben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Recht auf Spiel wahrnehmen<\/h2>\n\n\n\n<p>Ines Wenger und Thomas Morgenthaler sind zwei der acht Doktorierenden, die am P4Play-Programm teilnehmen. Beide haben in ihrem Beruf als Ergotherapeutin respektive Ergotherapeut w\u00e4hrend mehreren Jahren mit Kindern gearbeitet. Und beiden ist es ein grosses Anliegen, dass alle Kinder ihr Recht auf Spiel wahrnehmen k\u00f6nnen. Morgenthaler hat vergangenes Jahr den Europ\u00e4ischen Master of Science in Ergotherapie abgeschlossen. In seinem P4Play-Projekt geht es um die Evaluation des Spiels von Kindern auf \u00f6ffentlichen Spielpl\u00e4tzen. \u00abMich besch\u00e4ftigt vor allem die Frage, was ein Spielplatz bieten muss, damit er f\u00fcr die Kinder einen hohen Spielwert hat\u00bb, sagt der Doktorand.<\/p>\n\n\n\n<p>Um diese Frage beantworten zu k\u00f6nnen, will Morgenthaler ein praktikables und valides Messinstrument entwickeln. Hierf\u00fcr untersucht er zun\u00e4chst bereits bestehende Instrumente und eruiert in einer systematischen Literaturrecherche Faktoren der Umwelt, die sich auf den Spielwert \u00f6ffentlicher Spielpl\u00e4tze beziehen. Der Fokus liegt dabei auf Kindern mit Beeintr\u00e4chtigung. Thomas Morgenthaler durchforstet aber nicht nur die Literatur, sondern geht auch selbst in die Praxis hinaus. \u00abIch m\u00f6chte mir vor Ort ein Bild von den Spielpl\u00e4tzen machen\u00bb, sagt er. Die Erkenntnisse aus dem ersten Teil seiner Untersuchung dienen als Basis f\u00fcr ein Pilot-Assessment, das seine Arbeit schliesslich komplettiert. Bei den hierf\u00fcr ben\u00f6tigten Daten wird ihn seine Partnerinstitution, eine niederl\u00e4ndische Non-Profit-Organisation, unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Soziale Barrieren als grosses Hindernis<\/h2>\n\n\n\n<p>Um inklusive Spielpl\u00e4tze geht es auch in Ines Wengers P4Play-Projekt. Die Absolventin des Europ\u00e4ischen Masters of Science in Ergotherapie untersucht die Gestaltung von Spielpl\u00e4tzen (Universal Design) und deren Einfluss auf Spielwert und Inklusion. Wenger besch\u00e4ftigt sich seit mehreren Jahren mit diesem Thema. Bereits in einer fr\u00fcheren Studie hat sie zu den Erfahrungen von Kindern mit und ohne Beeintr\u00e4chtigung auf hindernisfreien Spielpl\u00e4tzen in der Schweiz geforscht. Eine wichtige Erkenntnis daraus ist f\u00fcr sie: \u00abDie soziale Barriere ist ein grosses Hindernis f\u00fcr Kinder mit Beeintr\u00e4chtigung.\u00bb In einer weiteren Studie hat die Doktorandin Personen befragt, welche die Spielpl\u00e4tze bauen, und auch jene, die t\u00e4glich mit Kindern mit Beeintr\u00e4chtigung zu tun haben. Im aktuellen Forschungsprojekt nutzt Ines Wenger einmal mehr partizipative Methoden, um herauszufinden, welche Faktoren positiv und welche hinderlich sind f\u00fcr Kinder mit unterschiedlichen Beeintr\u00e4chtigungen. Die Erkenntnisse werden mit Best-Practice-Modellen aus Schweden, Irland und der Schweiz illustriert und in einem \u00abGood Practice\u00bb-Leitfaden zusammengefasst.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abAlle Kinder, egal ob mit oder ohne Beeintr\u00e4chtigung, sollten Zugang zum Spiel haben\u00bb, sagt sie. \u00abDoch das ist heute leider nicht der Fall.\u00bb Ines Wenger und Thomas Morgenthaler w\u00fcnschen sich, dass die Richtlinien und Messinstrumente, die sie in ihren Forschungsprojekten erarbeiten, k\u00fcnftig bei der Gestaltung und Nutzung von \u00f6ffentlichen Spielpl\u00e4tzen ber\u00fccksichtigt werden. Ihre Supervisorin Christina Schulze sagt: \u00abDas freie Spiel ist die wichtigste Besch\u00e4ftigung im fr\u00fchkindlichen Alter. Da d\u00fcrfen keine Unterschiede zwischen den Kindern gemacht werden.\u00bb \/\/<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Talente entwickeln, forschung vorantreiben<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Marie-Sk\u0142odowska-Curie-Massnahmen (engl.: Marie Sk\u0142odowska-Curie Actions, MSCA) sind das Referenzprogramm der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr die Ausbildung von Doktoranden und Postdoktoranden. Damit will die EU die internationale und sektor\u00fcbergreifende Karriere von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern f\u00f6rdern. Gleichzeitig soll der Forschungsstandort Europa interessanter gestaltet und ein starker Pool von europ\u00e4ischen Forschenden geschaffen werden. Die Massnahmen sind Teil des europ\u00e4ischen Rahmenprogramms f\u00fcr Forschung und Innovation. Benannt wurden sie nach der zweifachen Nobelpreistr\u00e4gerin Marie Sk\u0142odowska Curie.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den MSCA gibt es keine vorgegebenen wissenschaftlichen Disziplinen oder Gebiete. Die Forschenden sind bei der Antragstellung frei in der Wahl ihres Forschungsthemas. Die Massnahmen lassen sich in f\u00fcnf Bereiche unterteilen. Jeder der Bereiche adressiert unterschiedliche Aspekte innerhalb der Gesamtzielsetzung:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Ausbildung von Doktorandinnen und Doktoranden<br>(MSCA Doctoral Networks)<\/li><li>Individualf\u00f6rderung von Postdocs<br>(MSCA Postdoctoral Fellowships)<\/li><li>Kofinanzierung f\u00fcr Mobilit\u00e4tsprogramme (MSCA Cofund)<\/li><li>Personalaustausch (MSCA Staff Exchanges)<\/li><li>Europ\u00e4ische Nacht der Wissenschaften (MSCA and Citizens)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Nebst dieser Gliederung wird auch zwischen institutionellen und individuellen Massnahmen unterschieden, je nachdem also, ob der Antrag durch eine respektive mehrere Einrichtungen oder durch individuelle Forschende in Kooperation mit der Gasteinrichtung gestellt wird. Die Zielgruppen der MSCA sind Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und andere sozio\u00f6konomische Akteure mit ihren Nachwuchsforscherinnen und -forschern, Doktoranden, aber auch erfahrenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie dem Personal aus Technik und Management.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/2021-11-vitaminG-nr11-dossier-spielen-zhaw-gesundheit.pdf#page=12\">Vitamin G, S. 23-25<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">WEITERE INFORMATIONEN<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=kMLuQfn9DSw\">Video zu Ines Wenger P4Play-Projekt, Youtube<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=kMLuQfn9DSw\">Video zu Thomas Morgenthalers P4Play-Projekt, Youtube<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/forschung\/ergotherapie\/projekte\/p4play-europaeisches-doktoratsprogramm-zur-foerderung-des-kindlichen-spiels\/\">Mehr Informationen zum P4Play-Programm<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.p4play.eu\/\">Website von P4Play<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/xwng\/\">ZHAW-Profil von Ines Wenger<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/morh\/\">ZHAW-Profil von Thomas Morgenthaler<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-magazin-vitamin-g-fur-health-professionals-mit-weitblick\"><strong>Magazin \u00abVitamin G \u2013 f\u00fcr Health Professionals mit Weitblick\u00bb<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/\">\u00abVitamin G\u00bb bestellen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitaming-19-2025-ds-zhaw-gesundheit.pdf\">Aktuelles \u00abVitamin G\u00bb als PDF lesen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/#c16801\">Bisher erschienene Ausgaben<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spielen ist ein Grundbed\u00fcrfnis, doch nicht alle Kinder haben die M\u00f6glichkeit, sich im \u00f6ffentlichen Raum auszutoben und erste soziale Kontakte zu kn\u00fcpfen. 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