{"id":1434,"date":"2020-06-17T11:39:01","date_gmt":"2020-06-17T09:39:01","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/?p=1434"},"modified":"2022-04-11T17:40:59","modified_gmt":"2022-04-11T15:40:59","slug":"pflegen-bis-zur-erschoepfung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/pflegen-bis-zur-erschoepfung\/","title":{"rendered":"PFLEGEN BIS ZUR ERSCH\u00d6PFUNG"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>Die psychische Belastung ist im Gesundheitswesen deutlich h\u00f6her als in vielen anderen Branchen. Das liegt einerseits in der Natur der Arbeit, anderseits an strukturellen Problemen. W\u00e4hrend Letztere auf politischer Ebene gel\u00f6st werden m\u00fcssen, haben Health Professionals auf individueller Ebene M\u00f6glichkeiten, mit psychisch belastenden Situationen umzugehen. Am Departement Gesundheit lernen Studierende, wie sie ihre eigene Psyche gesund halten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>VON TOBIAS H\u00c4NNI<\/p>\n\n\n\n<p>Elena Pagliarini ist vor Ersch\u00f6pfung an ihrem Schreibtisch zusammengebrochen. Mundschutz, Haarnetz und Schutzanzug hat sie nicht einmal abgezogen, bevor sie \u2013 mit dem Kopf auf der Tischplatte \u2013 nach einer langen Schicht um sechs Uhr morgens eingeschlafen ist. Das Bild der italienischen Pflegefachfrau, die in einem Spital in der Stadt Cremona arbeitet, ging im M\u00e4rz um die Welt \u2013 als Symbol f\u00fcr den Kampf gegen das Coronavirus. F\u00fcr Gesundheitsfachleute rund um die Welt war und ist dieser Kampf eine immense Belastung \u2013 auch f\u00fcr die Psyche. Sie f\u00fchle sich nicht k\u00f6rperlich m\u00fcde, sagte Elena Pagliarini dem \u00abCorriere della Sera\u00bb: \u00abWas mich fertig macht, ist die Angst.\u00bb Sie und ihre Kollegen k\u00e4mpften \u00abgegen einen Feind, den ich nicht kenne.\u00bb Und dieser Feind hat in den letzten Monaten ein Problem versch\u00e4rft, das im Gesundheitswesen bereits bei \u00abNormalbetrieb\u00bb besonders ausgepr\u00e4gt ist: die psychische Belastung. Wie Studien zeigen, treten psychische Erkrankungen bei Angeh\u00f6rigen des Gesundheitswesens im Vergleich zu anderen Branchen geh\u00e4uft auf. So stellten zwei amerikanische Gesundheitsbeh\u00f6rden, das National Institute for Occupational Safety and Health und das Center for Disease Control and Prevention, bei Gesundheitsberufen eine erh\u00f6hte Rate an Stressfolgeerkrankungen wie Depressionen, Angstst\u00f6rungen oder Burn-out fest. Zudem zeigten sich bei Angeh\u00f6rigen dieser Berufe ein erh\u00f6hter Suchtmittelmissbrauch und vergleichsweise mehr Suizide.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Schweiz kam der Bericht \u00abGesundheit von Besch\u00e4ftigten in Gesundheitsberufen\u00bb 2018 f\u00fcr den Kanton Z\u00fcrich zu \u00e4hnlichen Ergebnissen. So gab bei den Besch\u00e4ftigten im kantonalen Gesundheitswesen \u00fcber die H\u00e4lfte an, unter Schw\u00e4che, M\u00fcdigkeit und Energielosigkeit zu leiden \u2013 fast zw\u00f6lf Prozent mehr als der Durchschnitt aller Erwerbst\u00e4tigen im Kanton. Die Symptome, die gem\u00e4ss Bericht \u00abAusdruck oder Folge von Stress und\/oder psychischer Belastung\u00bb beziehungsweise \u00abFr\u00fchwarnsignale f\u00fcr eine psychische Erkrankung sein k\u00f6nnen\u00bb, waren besonders ausgepr\u00e4gt bei den Pflegefachkr\u00e4ften (61 %). Auch der Anteil der Befragten mit Schlafst\u00f6rungen oder Anzeichen von Depressivit\u00e4t ist bei den Gesundheitsberufen deutlich h\u00f6her als beim Total der Erwerbst\u00e4tigen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Risikofaktoren pr\u00e4gen die Arbeit<\/h2>\n\n\n\n<p>Dass die Arbeit im Gesundheitswesen von der Psyche einiges abverlangt, liegt zu einem Teil in ihrer Natur: Fachkr\u00e4fte sind mit Schicksalsschl\u00e4gen konfrontiert, mit der ganzen Bandbreite menschlicher Emotionen, mit Lebenskrisen und Tod. F\u00fcr Tobias Spiller vom Universit\u00e4tsspital Z\u00fcrich (USZ) ist die Arbeit ausserdem durch jene \u00abHochrisikofaktoren\u00bb gepr\u00e4gt, die grunds\u00e4tzlich ein Burn-out beg\u00fcnstigen k\u00f6nnen. \u00abErstens ist bei Gesundheitsberufen ein \u00fcberdurchschnittlicher Einsatz bei der Arbeit typisch. Da es um Menschenleben geht, leisten Fachleute h\u00e4ufig einen Extraeffort; das verlangt auch das Berufsethos\u00bb, sagt der Wissenschaftler, der an der Klinik f\u00fcr Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik des USZ das Ph\u00e4nomen Burn-out im Gesundheitswesen genauer untersucht. Zweitens seien die Anforderungen hoch, die Handlungsspielr\u00e4ume gleichzeitig tief. \u00abDie meisten T\u00e4tigkeiten sind klar vorgeschrieben. Die Autonomie des Einzelnen ist also h\u00e4ufig eingeschr\u00e4nkt.\u00bb Zu guter Letzt seien die gesellschaftliche und betriebliche Wertsch\u00e4tzung sowie die Belohnung f\u00fcr die Arbeit vergleichsweise gering.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben den berufsspezifischen k\u00f6nnen strukturelle Faktoren im Gesundheitswesen den psychischen Druck weiter erh\u00f6hen. \u00abSo zeigte beispielsweise eine amerikanische Studie, dass die Burn-out-Rate bei Pflegefachpersonen in Spit\u00e4lern eng mit der Anzahl Patientinnen und Patienten zusammenh\u00e4ngt\u00bb, erkl\u00e4rt Spiller. Will heissen: Je h\u00f6her die Patientenzahl pro Kopf, desto h\u00f6her ist auch der Anteil an Pflegemitarbeitenden mit Burn-out.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Frust, Ohnmacht und Selbstzweifel<\/h2>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und -fachm\u00e4nner (SBK) ist der psychische Druck ebenfalls eng mit strukturellen Problemen verkn\u00fcpft. \u00abEs ist absolut klar, weshalb die psychische Belastung im Gesundheitswesen so hoch ist\u00bb, sagt Pierre-Andr\u00e9 Wagner von der Gesch\u00e4ftsstelle in Bern. Der Personal- und damit der Zeitmangel f\u00fchre zu einem \u00abMoral Distress\u00bb: \u00abPflegefachpersonen sind aufgrund fehlender Ressourcen nicht in der Lage, ihre Arbeit nach ihren Anspr\u00fcchen zu erledigen \u2013 sprich, sich gen\u00fcgend um die Patienten zu k\u00fcmmern\u00bb, sagt Wagner, der beim SBK den Rechtsdienst leitet und in der Berufspolitik t\u00e4tig ist. Das f\u00fchre zu Frust, Ohnmacht und Selbstzweifeln \u2013 und irgendwann zu einer psychischen Erkrankung.<\/p>\n\n\n\n<p>Versch\u00e4rft werde diese Problematik teils noch dadurch, dass sich Mitarbeitende vorwerfen lassen m\u00fcssten, nicht gen\u00fcgend resilient und flexibel zu sein. \u00abDa werden masslose Anspr\u00fcche an die Flexibilit\u00e4t des Personals gestellt \u2013 etwa indem Schichtpl\u00e4ne kurzfristig umgestellt werden\u00bb, sagt Wagner. \u00abDoch wie sollen sich so Beruf und Privatleben vereinbaren lassen?\u00bb Um den Druck und damit auch die psychische Belastung von Gesundheitsfachpersonen zu verringern, brauche es deshalb zwingend Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen. \u00abGenau das will der SBK mit der Pflegeinitiative erreichen\u00bb, so Wagner.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vorlesungen zu Stress und Traumata<\/h2>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sie auf die strukturellen Probleme des Gesundheitswesens kaum Einfluss haben, k\u00f6nnen sich Gesundheitsfachleute auf individueller Ebene einen hilfreichen und konstruktiven Umgang mit psychisch belastenden Situationen aneignen. Deshalb erhalten die Studierenden am Departement Gesundheit im Verlauf ihrer Ausbildung entsprechendes Wissen und Werkzeuge an die Hand. So werden beispielsweise im Bachelor Pflege bereits im ersten Studienjahr herausfordernde Situationen thematisiert, um die Studierenden darauf vorzubereiten. \u00abWir besprechen Themen wie N\u00e4he und Distanz, Umgang mit Aggressionen oder sexuelle \u00dcbergriffe\u00bb, sagt Studiengangleiterin Ir\u00e8ne Ris. F\u00fcr die Burn-out-Prophylaxe vermittelt der Pflegebachelor in diversen Modulen, dass \u00abdas Maximum nicht immer das Optimum bedeutet\u00bb, wie Ris sagt. Studierende sollen lernen, in der Praxis Ziele zu definieren, die sie unter den gegebenen Bedingungen auch erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch im interprofessionellen Teil des Bachelorstudiums wird die psychische Gesundheit thematisiert. Etwa im studiengang\u00fcbergreifenden Modul \u00abHerausfordernde Berufspraxis und Kooperation\u00bb, in dem die Studierenden sich f\u00fcr verschiedene Themenwochen entscheiden. So geht die Themenwoche \u00abKrisen und Coping\u00bb vertieft auf Krisensituationen und psychische Belastungen ein, mit denen Gesundheitsfachleute konfrontiert sind. Auf dem Stundenplan stehen beispielsweise Vorlesungen zu Stress und Traumata oder Workshops zu Burn-out sowie Angst und Panik. \u00abDie Studierenden lernen dabei, wie sie mit Krisen bei ihren Patientinnen und Klienten, aber auch bei sich selbst umgehen k\u00f6nnen\u00bb, erl\u00e4utert Anita Manser Bonnard, die f\u00fcr diese Themenwoche verantwortlich ist. Dazu lernten sie konkrete Instrumente und \u00dcbungen kennen, beispielsweise um selbstsicher aufzutreten, sich zu entspannen oder sich abzugrenzen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mitf\u00fchlen, aber nicht mitleiden<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Abgrenzen wird auch in der Themenwoche \u00abBeratung\u00bb vertieft behandelt. \u00abEs geht darum, eine gesunde Distanz zu finden, um sich selbst nicht zu stark zu belasten\u00bb, erkl\u00e4rt Stephanie R\u00f6sner, Verantwortliche der Themenwoche. Das heisse nicht, keine Empathie zu zeigen. \u00abWir wollen den Studierenden aber vermitteln, dass Empathie bedeutet, mitzuf\u00fchlen, ohne selbst zu leiden.\u00bb Zentral sei, zwischen den Gef\u00fchlen des Gegen\u00fcbers und den eigenen zu unterscheiden. \u00abFehlt diese Unterscheidung, besteht die Gefahr der emotionalen \u00dcberforderung\u00bb, sagt R\u00f6sner. In der Themenwoche vermitteln sie und andere Dozierende auch g\u00e4ngige Interventionen, die in der Praxis zur Psychohygiene zum Einsatz kommen: beispielsweise die kollegiale Beratung (Intervision) oder die Supervision. \u00abSolche Gef\u00e4sse helfen, das eigene F\u00fchlen, Denken und Handeln in Gespr\u00e4chen zu reflektieren und damit eine gewisse Distanz einzunehmen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Von ihren Patienten Abstand nehmen \u2013 allerdings physisch \u2013 musste Elena Pagliarini zwei Tage, nachdem sie schlafend am Schreibtisch fotografiert wurde. Die italienische Pflegefachfrau wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Sie begab sich Mitte M\u00e4rz in Selbstisolation. Anfang April war sie wieder genesen und sagte zu den Medien: \u00abIch kann es kaum erwarten, wieder arbeiten zu gehen.\u00bb \/\/<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitamin-g-nr8-2020-zhaw-gesundheit.pdf#page=6\">Vitamin G, Seite 10-11<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">WEITERE INFORMATIONEN<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/www.gesundheitsfoerderung-zh.ch\/publikationen\/gesundheitsbericht\/gesundheit-von-beschaeftigten-in-gesundheitsberufen\">Z\u00fcrcher Gesundheitsbericht 2018: Gesund\u00adheit von Besch\u00e4ftig\u00adten in Gesund\u00adheits\u00adberufen<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/usz-microsite.ch\/konsiliarpsychiatrie-studien\/\">Universit\u00e4tsspital Z\u00fcrich, Studien zu Wohlbefinden und Burnout bei Gesundheitsfachleuten<\/a><\/li><li><a href=\"http:\/\/www.pflegeinitiative.ch\/\">Pflege-Initiative des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachm\u00e4nner SBK<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/schweiz\/debatte-zur-pflege-initiative-der-coronaeffekt-verpufft-im-staenderat\">Debatte zur Pflege-Initiative in der Sommersession 2020 des Parlaments<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-magazin-vitamin-g-fur-health-professionals-mit-weitblick\"><strong>Magazin \u00abVitamin G \u2013 f\u00fcr Health Professionals mit Weitblick\u00bb<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/\">\u00abVitamin G\u00bb bestellen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitaming-19-2025-ds-zhaw-gesundheit.pdf\">Aktuelles \u00abVitamin G\u00bb als PDF lesen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/#c16801\">Bisher erschienene Ausgaben<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die psychische Belastung ist im Gesundheitswesen deutlich h\u00f6her als in vielen anderen Branchen. 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