{"id":1400,"date":"2020-06-15T18:29:12","date_gmt":"2020-06-15T16:29:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/?p=1400"},"modified":"2022-04-11T17:41:37","modified_gmt":"2022-04-11T15:41:37","slug":"durch-die-kunst-werden-vorurteile-abgebaut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/durch-die-kunst-werden-vorurteile-abgebaut\/","title":{"rendered":"\u00abDURCH DIE KUNST WERDEN VORURTEILE ABGEBAUT\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>In den \u00abAteliers-Living Museum\u00bb in der Psychiatrie St.Gallen Nord in Wil (SG) k\u00f6nnen sich Menschen mit einer psychischen Erkrankung k\u00fcnstlerisch bet\u00e4tigen. Leiterin Rose Ehemann erkl\u00e4rt im Gespr\u00e4ch, warum sie das Konzept des Living Museum Anfang der 2000er-Jahre von New York in die Schweiz gebracht hat. Und weshalb das Kunstschaffen nicht nur f\u00fcr die Betroffenen, sondern auch f\u00fcr die Gesellschaft eine heilsame Wirkung hat. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>VON TOBIAS H\u00c4NNI<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Rose Ehemann, im Living Museum an der Psychiatrie St.Gallen Nord sind Menschen mit einer psychischen Erkrankung k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig. Kann k\u00fcnstlerisches Arbeiten die Psyche heilen?<\/em><\/strong><br>Kunst und Heilung stehen seit jeher in enger Wechselbeziehung. Vor allem, wenn mit Heilung die Steigerung von Lebensqualit\u00e4t gemeint wird, kann man feststellen, dass es immer wieder Heilungsmomente gibt. Allerdings beanspruchen wir im Living Museum nicht, alle Menschen von ihrer psychischen Erkrankung befreien zu k\u00f6nnen. Manche Betroffenen begleitet die psychische Erkrankung ihr Leben lang \u2013 entscheidend ist, wie sie einen bestm\u00f6glichen Umgang damit finden k\u00f6nnen. Gerade deshalb ist es so wichtig, ihnen stressfreie und wertsch\u00e4tzende Orte, beispielsweise Kunstasyle wie das Living Museum zur Verf\u00fcgung zu stellen. An diesen Orten k\u00f6nnen sie sein, wie sie sind. Sie m\u00fcssen sich nicht verstellen, sie erfahren Wertsch\u00e4tzung und Anerkennung als wertvolle Individuen, die sehr wichtig f\u00fcr unsere Gesellschaft sind, da sie uns viel lehren k\u00f6nnen. Ihr Durchhalteverm\u00f6gen, ihre Authentizit\u00e4t und Klugheit ist immer wieder beeindruckend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Welchen Einfluss hat eine psychische Erkrankung auf das k\u00fcnstlerische Arbeiten?<\/em><\/strong><br>Menschen, die psychische Extremerfahrungen gemacht haben, haben h\u00e4ufig einen speziellen Zugang zu Kreativit\u00e4t und Originalit\u00e4t. Teilweise nehmen sie Sph\u00e4ren wahr, in denen die Engel fliegen oder sie sehen andere \u00fcbersinnliche Dinge und kommunizieren mit Seelenwelten. Diese Wahrnehmungen bilden sich dann auch in den k\u00fcnstlerischen Werken ab.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Das erste Living Museum wurde in den 1980er-Jahren in New York ins Leben gerufen. Welche Philosophie steht hinter dem Konzept?<\/em><\/strong><br>Das Living Museum beruht auf der \u00dcberzeugung, dass Menschen, die psychische Extremerfahrungen gemacht haben, automatisch gute K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler sind. Das Living Museum bietet ihnen eine familien\u00e4hnliche Gemeinschaft, in der sie in einer Atmosph\u00e4re von W\u00e4rme und Solidarit\u00e4t als einzigartige und wertvolle Pers\u00f6nlichkeiten angenommen sind. Inklusion wird beim Living Museum anders herum gedacht: Statt die Menschen mit psychischen Erkrankungen wieder in stressvolle Arbeitssituationen zu inkludieren, was ihrer psychischen Verfassung oft nicht zutr\u00e4glich ist, soll die Gesellschaft ins Living Museum kommen und dort heil werden \u2013 denn die Gesellschaft braucht ebenfalls Heilung. Wenn ich beobachte, was mit Menschen passiert, die das Living Museum besuchen, dann ist das meist eine Transformation. Sie staunen \u00fcber die ph\u00e4nomenalen k\u00fcnstlerischen Arbeiten und die Liebensw\u00fcrdigkeit der Kunstschaffenden. So k\u00f6nnen Vorurteile und Stigmatisierungen, die leider noch weit verbreitet sind, abgebaut werden und vorher undenkbare menschliche Begegnungen entstehen, die alle nachhaltig pr\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Sie haben das Konzept 2004 in die Schweiz gebracht. Was hat Sie dazu bewogen?<\/em><\/strong><br>Sie k\u00f6nnen sich gar nicht vorstellen, was bei mir passiert ist, als ich das erste Mal einen Fuss in das Living Museum New York gesetzt habe. Das was ich bereits erw\u00e4hnt habe, diese positive menschliche Transformation, die hat auch bei mir stattgefunden. Durch das Living Museum New York bin ich als Person gereift. Es hat mir geholfen, Unsicherheit, Pessimismus und Selbstkritik abzulegen und die Vision zu entwickeln, ein Living Museum in Europa aufzubauen. Letztlich bin ich aus privaten Gr\u00fcnden in der Schweiz gelandet. Die Gesch\u00e4ftsleitung der Psychiatrie St. Gallen Nord (PSGN) hat mir damals die Chance gegeben, das Living Museum in Wil aufzubauen, wof\u00fcr ich heute noch sehr dankbar bin.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wurde die Idee hierzulande damals gut aufgenommen?<\/em><\/strong><br>Es gab sehr viel konstruktives Feedback und einige wenige kritische Stimmen. Ich bin auch f\u00fcr diese Kritik sehr dankbar, da sie mir erm\u00f6glicht, mein eigenes Handeln immer wieder zu hinterfragen und fachliche wie auch pers\u00f6nliche Themen weiterzuentwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Und wie ist die Akzeptanz heute?<\/em><\/strong><br>Mittlerweile sind die \u00abAteliers &#8211; Living Museum\u00bb fester Bestandteil der Behandlung an der PSGN. Auch die Stiftung Heimst\u00e4tten Wil hat mir erm\u00f6glicht, innerhalb der Tagesst\u00e4tte das \u00abLiving Museum\u00bb-Konzept einzubringen, was \u00fcber die Jahre zusammen mit den Naturateliers der PSGN zu einem tollen Verbund namens Living Museum Wil f\u00fchrte. Gemeinsam haben wir schon viele grosse Kunstausstellungen bestritten und die Kunstmesse Living Museum Wil erstmals im Jahr 2019 durchgef\u00fchrt. Diese wurde mit \u00fcber 1500 Besuchenden zu einem sch\u00f6nen Erfolg &#8211; dank der fantastischen Kunstwerke unserer beteiligten Kunstschaffenden. Mittlerweile haben wir einen Living Museum Verein in der Schweiz gegr\u00fcndet, der zum Ziel hat, andere Living Museums beim Aufbau zu unterst\u00fctzen. Das Living Museum Lyss beispielsweise existiert bereits seit drei Jahren. Living Museums in Genf, Bern und Z\u00fcrich befinden sich in der Entwicklung. Weltweit existieren mittlerweile 16 Living Museums, 30 weitere befinden sich im Aufbau.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Sind Menschen mit einer psychischen Erkrankung besonders kreativ?<\/em><\/strong><br>Mehrere aktuellere Studien legen eine Verbindung zwischen psychischer Krankheit und erh\u00f6hter Kreativit\u00e4t nahe. Meine langj\u00e4hrigen Erfahrungen k\u00f6nnen das best\u00e4tigen. Aber ich m\u00f6chte erg\u00e4nzen, dass in jedem Menschen Kreativit\u00e4t angelegt ist, und wenn man gen\u00fcgend Zeit in das k\u00fcnstlerische Werk legt, kann sich jeder zu einem guten K\u00fcnstler, einer guten K\u00fcnstlerin entwickeln. Ganz nach dem deutschen Aktionsk\u00fcnstler Joseph Beuys, der sinngem\u00e4ss gesagt hat: Jeder Mensch ist ein K\u00fcnstler, da wir alle in unseren Lebenswegen individuelle Entscheidungen treffen, die eine einzigartige Lebensgestaltung und damit ein Lebenswerk nach sich ziehen. Das ist meine individuelle, freie Interpretation seines Werkes.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Welche Wirkung beobachten Sie an den Menschen, die in den Ateliers t\u00e4tig sind?<\/em><\/strong><br>Das Kunstschaffen hat sehr viele verschiedene Wirkungen. Eine davon ist der Spannungsabbau: Angestaute Energien, \u00c4ngste oder Aggressionen k\u00f6nnen in der Kunst kanalisiert, ver\u00e4ussert und auf einen Bildtr\u00e4ger oder in eine Skulptur gebannt werden. Diese Form von Katharsis f\u00fchrt zur Entspannung. Nicht greifbare Gestalten, die im Innern des Menschen wirken, verlieren den Schrecken, sobald sie im Aussen sichtbar und bearbeitbar werden. Das wirkt beruhigend und stabilisiert die Psyche.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit kann zudem wieder Sinn im Leben entstehen. Durch die Aktivierung aller Sinne kann der Mensch sich als aktiv Handelnder und Wahrnehmender in der Welt erleben. Die K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler m\u00fcssen L\u00f6sungen finden, sie lernen, wieder Entscheidungen zu treffen, und die Kontrolle \u00fcber das eigene Handeln wiederzuerlangen. All diese Qualit\u00e4ten k\u00f6nnen vom Spielerischen und Experimentellen in der Kunst auf das allt\u00e4gliche Handeln \u00fcbertragen werden. Die Menschen k\u00f6nnen so zu Autonomie und selbstbestimmten Handeln zur\u00fcckfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch den sch\u00f6pferischen Prozess entsteht zudem h\u00e4ufig ein Flow-Erleben, das heisst das Eintauchen in einen Prozess fern von Angst und Langeweile. W\u00e4hrend dieses Flows, der auch beim Spielen oder anderen T\u00e4tigkeiten entstehen kann, werden k\u00f6rperliche und seelische Schmerzen vergessen. Es ist ein Aufatmen in einem Dauerzustand von psychischem und k\u00f6rperlichen Leid. Diesen Zustand beobachte ich besonders oft bei Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nicht zuletzt steigt durch die Ausstellungen, die wir organisieren, das Selbstbewusstsein der Kunstschaffenden, die sich oft als Ballast in der Gesellschaft empfinden. Sie erhalten ein positives Feedback vom Publikum, das sie mit Stolz erf\u00fcllt und sie motiviert, weiterzumachen. Das Gef\u00fchl, aktiv an der Gesellschaft teilzuhaben und einer sinnhaften T\u00e4tigkeit nachgehen zu d\u00fcrfen, wirkt sich sehr positiv auf ihr Selbstempfinden aus und tr\u00e4gt zur Gesundheitspr\u00e4vention bei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Welche Botschaft soll das Living Museum nach aussen tragen?<\/em><\/strong><br>Dass Menschen mit psychischen Erkrankungen besondere F\u00e4higkeiten in der Kunst und im Leben besitzen, die uns als Gesellschaft ungemein bereichern. Sie sind sensibel, humorvoll, extravagant, intelligent, authentisch und liebensw\u00fcrdig. Wir m\u00f6chte alle Menschen einladen, ins Living Museum zu kommen, um die Kunstschaffenden und diesen einmaligen Ort, der auch als Sozialutopie oder als Ort der W\u00e4rme umschrieben wird, selbst zu erleben. Ausserdem m\u00f6chten wir durch den weltweiten Aufbau von Living Museums daf\u00fcr sorgen, dass sich die Kunstschaffenden weltweit vernetzen und in Austausch treten k\u00f6nnen. Dazu organisieren wir regelm\u00e4ssig l\u00e4nder\u00fcbergreifende Ausstellungen, die f\u00fcr alle Beteiligten ein riesiger Gewinn sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Welche Wirkung haben die Kunstwerke und der Austausch mit den K\u00fcnstlern auf die Besucherinnen und Besucher des Living Museums?<\/em><\/strong><br>Besucherinnen und Besucher, die zum ersten Mal kommen, bestaunen meist die hohe k\u00fcnstlerische Qualit\u00e4t der Werke, ihre Authentizit\u00e4t, Einmaligkeit und Direktheit. Die Werke ber\u00fchren und gehen unter die Haut. Einige Besucherinnen und Besucher kommen sehr regelm\u00e4ssig vorbei, da sie begeistert sind, wie sich das Living Museum immer wieder selbst transformiert, immer wieder neue Werke hervorbringt. Bei den Ausstellungen wechseln auch viele Werke ihre Besitzer. Die Kunstschaffenden freuen sich sehr, wenn sie die Arbeiten verkaufen k\u00f6nnen, wenngleich der finanzielle Aspekt in der Philosophie des Living Museums einen geringen Stellenwert hat. Entscheidender ist der k\u00fcnstlerische Prozess im Sinne von Beuys, der jeden Tag wieder neu entsteht, sich immer wieder transformiert entlang der Mitwirkenden und den Werken. Es gibt keinen Alltag im Living Museum, jeder Tag ist wieder einzigartig und unberechenbar. Das ist auch f\u00fcr mich ein Geschenk und der Grund, warum ich mich auch nach 18 Jahren noch auf jeden neuen Arbeitstag freue.\/\/<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n<p><strong data-rich-text-format-boundary=\"true\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1403\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/files\/2020\/06\/8-2020-portraet-rose-ehemann-vitaming-zhaw-gesundheit.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/files\/2020\/06\/8-2020-portraet-rose-ehemann-vitaming-zhaw-gesundheit.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/vitamin-g\/files\/2020\/06\/8-2020-portraet-rose-ehemann-vitaming-zhaw-gesundheit-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/>Rose Ehemann<\/strong> ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin, Kunsttherapeutin und Kulturmanagerin. Sie leitet die \u00abAteliers \u2013 Living Museum\u00bb am Standort Wil (SG) der Psychiatrie St.Gallen Nord und ist K\u00fcnstlerische Leiterin\/Beraterin in der Tagesst\u00e4tte der Heimst\u00e4tten Wil.<\/p>\n<p><\/p>\n<p><\/p>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">WEITERE INFORMATIONEN<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/www.psgn.ch\/therapien\/kunsttherapien\/ateliers-living-museum-wil.html\">Ateliers \u2013 Living Museum in der Psychiatrie St.Gallen Nord<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/living-museum.com\/\">Verein Living Museum<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Living_Museum\">Mehr Informationen zu Konzept und Geschichte der Living Museums auf Wikipedia<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"h-magazin-vitamin-g-fur-health-professionals-mit-weitblick\"><strong>Magazin \u00abVitamin G \u2013 f\u00fcr Health Professionals mit Weitblick\u00bb<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/\">\u00abVitamin G\u00bb bestellen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/storage\/gesundheit\/ueber-uns\/medien-news\/vitamin-g\/vitaming-19-2025-ds-zhaw-gesundheit.pdf\">Aktuelles \u00abVitamin G\u00bb als PDF lesen<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/gesundheit\/ueber-uns\/medien\/magazin-vitamin-g\/#c16801\">Bisher erschienene Ausgaben<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den \u00abAteliers-Living Museum\u00bb in der Psychiatrie St.Gallen Nord in Wil (SG) k\u00f6nnen sich Menschen mit einer psychischen Erkrankung k\u00fcnstlerisch bet\u00e4tigen. 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