Nadine Dinkelacker berichtet von ihrem Austauschsemester in Kopenhagen.

Zwei Drittel meines Semesters hier in Dänemark sind bereits um. Vielleicht liegt es an den Tagen, die immer kürzer werden, ziemlich sicher liegt es aber vor allem an den vielen abwechslungsreichen Menschen, Vorlesungen und Erlebnissen hier in Kopenhagen, dass die Zeit hier im Nu zu verfliegen scheint.

Dass ein «Midterm-Assignment auch spannend und kreativ anstatt nur stressig sein kann, durfte ich kürzlich erfahren.

Farbige Notizen und Zeichnungen zieren eine weisse Wand.

In verschiedenen Gruppen war es unsere Aufgabe, eine Ausstellung mit einer Vernissage zu kreieren. Jede Gruppe hatte eine bestimmte Zielgruppe, einen Stadtteil oder eine Örtlichkeit sowie die dazu gehörigen sozialen Probleme, auf die sie sich konzentrierten. Das Thema meiner Gruppe war «bottle collectors». Dieser etwas abwertend klingende Begriff bezeichnet Menschen, die in der ganzen Stadt verteilte Flaschen und Büchsen sammeln und diese dann an den Sammlungsstellen einwerfen, um dann mit 1DKK (das sind ungefähr 15 Rappen) pro Büchse belohnt zu werden. Sie durchsuchen Abfalleimer oder heben die Büchsen direkt von der kalten Strasse auf.

Wir entschieden uns dafür, den FlaschensammlerInnen eine Stimme zu geben, in dem wir sie direkt ansprachen und ihre Geschichten sammelten und anschliessend mit der Hilfe von Studierenden auf Band sprachen.
Die Quintessenz dieser Gespräche ist folgende: Zum Flaschensammeln gehören viele andere soziale Probleme wie Obdachlosigkeit, Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Armut, Hunger oder illegaler Aufenthalt im Land. Mit verschiedenen Methoden versuchten wir, das Machtgefälle zwischen uns Studierenden und den SammlerInnen so tief wie möglich zu halten. Wir tranken zusammen Bier oder rauchten gemeinsam eine Zigarette, um für kurze Zeit ein Teil ihrer Lebenswelt zu sein.

Ein mit leeren Plastikflaschen gefülltes Velokörbchen.

Es waren eindrückliche und nicht immer einfach verdauliche Gespräche, die oft in Verbindung mit ethischen Fragen standen. War es in Ordnung, den Menschen einen warmen Kaffee oder Brot zu kaufen, wenn sie uns darum baten? Steigert es nicht das Machtgefälle zwischen uns, wenn wir ihnen mit unserem Geld etwas kaufen? Andererseits sahen wir darin die einzige Möglichkeit, den Sammlerinnen und Sammlern etwas für ihre Geschichten und somit die Grundlage für unsere Ausstellung zurückgeben.