Zuhause: Innenhof der Familie

Visita Domiciliaria – Hausbesuche bei Familien mit krebskranken Kindern

Livia Reutimann berichtet über ihr Auslandspraktikum in Santa Cruz de la Sierra.

Während meines Praktikums besuche ich 30 Mütter mit krebskranken Kinder und deren Familien zuhause. Ziel meiner Hausbesuche ist es, einerseits mittels eines Genogramms die Lebensverhältnisse zu ergründen und andererseits die Lebensgeschichte des krebskranken Kindes in einem Zeitstrahl zu erfassen. Die Informationen bieten dem Verein Wissen und weitere Handlungsmöglichkeiten zur individuellen Unterstützung der Familien.

Diesen Blogeintrag widme ich ausschliesslich den Hausbesuchen und nehme euch mit auf eine Reise. Alle Namen habe ich geändert.

Heute Morgen besuche ich Marta Nuñez und ihre Familie. Soeben erfahre ich über WhatsApp ihre Adresse. Da sie ziemlich ausserhalb der Stadt wohnt, mache ich mich sofort auf den Weg mithilfe einer App, die alle Buslinien und deren Routen inner- und ausserhalb der Stadt aufzeigt. Für etwa eine Stunde führt der Weg in die richtige Richtung, bis der Bus sich von meinem angepeilten Ort über sandige und holprige Seitenstrassen entfernt. Meine Hoffnung, er könnte noch in meine angestrebte Richtung zurückkehren, schwindet nun vollends. Ich bin an der Endstation angekommen. Schnell verschaffe ich mir einen Überblick über die Lage. Kurzerhand entscheide ich mich, die letzten 20 Minuten Fahrt zum Hausbesuch mit dem Motorradtaxi zurückzulegen. Eineinhalb Stunden zu spät und definitiv abgezockt vom Töfffahrer werde ich heil vor Martas Haus empfangen.

Busfahrt zum Hausbesuch
Busfahrt zum Hausbesuch

Gebückt, unter aufgehängten Kleidern, führt mich Marta zu ihrem Esstisch, welcher überdacht draussen steht. Es hat viele Tiere: Katzen, Hunde, Hühner und sogar Gänse. Das Grundstück scheint gross zu sein, aber in Anbetracht der Grösse der Familie ist der Platz beengt. So erfahre ich beim Erstellen des Genogramms, dass elf Familienmitglieder an diesem Ort leben und Marta sich mit ihrem Lebenspartner und den drei gemeinsamen Kindern einen Raum zum Leben und Schlafen teilen. Das Erstellen des Genogramms verschafft mir Überblick über Zivilstand, Alter, Religion und Beruf/Ausbildung aller im gleichen Haushalt lebenden Personen.

Marta mit ihrer krebskranken Tochter, ihrem jüngsten Sohn und ihrer Nichte
Marta mit ihrer krebskranken Tochter, ihrem jüngsten Sohn und ihrer Nichte

Nun folgt der emotionalste Teil des Hausbesuchs: die Krebserkrankung des Kindes. Mit drei Jahren wurde bei der heute 12-jährigen Laura ein Nerventumor im Kopf diagnostiziert. Daraufhin hatte sie zwei operative Eingriffe am Kopf und an ihrem rechten Auge. Es folgten weitere Eingriffe am Auge. Im Moment geht es ihr entsprechend gut, aber es stehen weitere Operationen an. Der Tumor ist noch nicht geheilt. Nach eineinhalb Stunden, vollgepackt mit Wissen und Eindrücken, verabschiede ich mich wieder. Auf der Rückreise lasse ich das Geschehene im Geiste nochmals Revue passieren. Einmal mehr ist mir das Ausmass der Armut der Familien, die der Verein Gotita Roja unterstützt, vor Augen geführt worden. Ich fühle mich emotional erschöpft, bin aber sehr dankbar, dass ich diesen Beitrag für den Verein leisten und die wertvollen Erfahrungen sammeln darf.


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