Bachelorstudentin Raphaela berichtet aus ihrem Auslandsemester in Groningen.

Mensch mag Zahlen. Mensch braucht Reduktion. Zahlen transportieren Werte: Geld, Alter, Buchseiten, Zeit. Sie übermitteln sogenannt klare Botschaften. Aber es steckt viel mehr dahinter. Prinzipiell mag auch ich Zahlen – aber manchmal fallen sie mir etwas schwer. Ich brauche Kontext.

Seit ich in Groningen bin, werden mir oft dieselben Fragen gestellt: Wie lange bist du denn schon dort/hier? Auf einer Skala 1 bis 10: wie wohl fühlst du dich? Wie viele Einwohner hat Groningen? Gibt es dort viele Fahrräder? Besitzt du selber ein Fahrrad? Mit wie vielen Leuten wohnst du zusammen? Wieviel kostet ein Bier? In welchem Jahr deines Bachelors bist du? Wie alt bist du?

Wenn ich dir sage, dass in Groningen etwa 200’000 Einwohner leben, ist das eine eindeutige Angabe. Willst du wissen, wie es ist, in Groningen zu wohnen, reicht das aber nicht aus. Daher erzähle ich dir, dass von den 200’000 Einwohnern ca. 54’000 Studenten sind; eine echte Studentenstadt also. Überall wimmelt es von jungen Leuten. Und ja, alle fahren auf ihrem «fiets» = Fahrrad. Es gibt abertausende Fahrräder hier. Meines fällt beinahe auseinander, aber es ist mein wertvollster Besitz. Formt sich bei dir ein erstes Bild?

Es wimmelt hier von Cafés, Bars und Clubs. In dieser kleinen Provinzstadt ist Geniessen und Feiern rund um die Uhr angesagt. Groningen hat seinen eigenen Charme. Die alten Häuser und Plätze in der Innenstadt. Der Wind in den Haaren, wenn ich auf meinem Fahrrad sitze. Es ist unglaublich gemütlich hier zu wohnen. Ich habe alles was ich benötige in kürzester Distanz. Meine Schule ist etwa 15 Minuten mit dem Fahrrad entfernt.

An meiner Schule, der «Hanzehogeschool», bin ich Teil einer festen Gruppe, bestehend aus 18 Personen. Meine Mitstudierenden kommen aus den Niederlanden, Spanien, Österreich, Deutschland, der Türkei und aus Uganda. Wir alle absolvieren hier den englischen Minor «Capability Approach».

Der Unterricht hat gerade erst angefangen. Beim Englisch hapert’s noch, aber es gefällt mir sehr. Vieles ist neu, und etwas ist für mich besonders merkwürdig: Ich bin umgeben von Jüngeren! In der Schweiz bin ich immer so jung. Klar, ich bin auch frische 23 Jahre alt. Aber meine Kommilitonen in der Schweiz sind alle zwischen 23 und 50+ Jahre alt. Dort ist es normal, dass alle älter sind. Und alle haben mehr Arbeitserfahrung als ich. Deshalb habe ich schon mehrere Praktika vor meinem Studium absolviert. Und auch deshalb ziehe ich mein Studium an der ZHAW in die Länge. Weil ich nach wie vor oft das Mindestalter für einen Praktikumsplatz nicht erfülle.

Hier in Groningen ist das anders. Meine Mitstudierenden an der Hanze schauen mich verdutzt an, wenn ich von meinen Praxiserfahrungen berichte. «Wow, du hast aber schon viel Erfahrung.» «Dat is wel apart.», sagen mir meine niederländischen Freunde. Denn in den Niederlanden ist 21 Jahre, Bachelorstudentin im dritten oder vierten (Ja in den Niederlanden dauert ein Bachelor 4 Jahre) mit max. einem Jahr Praxiserfahrung die Norm. Die Norm – eine Zahl. Und ich erfüll sie nicht. Fühlt sich eigentlich gut an. Meine Gedanken kreisen. Ich frage mich, inwiefern dieser Umstand einen Einfluss auf die Qualität der Sozialen Arbeit hat.