Patrizia Rudoni, Bachelorstudentin, berichtet von ihrem Praktikum in Ecuador.

Nun sind schon fast drei Monate vergangen, seit ich in Ecuador angekommen bin und ich beginne langsam, mich nicht nur an die Kultur des «mañana» zu gewöhnen, sondern auch danach zu leben.

Frau mit weissem T-Shirt und Sonnenbrille liegt in hohem Gras. Im Hintergrund sieht man ein Hügel und Nebelschwaden, die hervorkommen.

«Mañana» bedeutet Morgen, auf jeden Fall nicht jetzt sofort, vielleicht auch nie. So hart es auch klingen mag, aber verlass dich nicht auf das Wort der Ecuadorianerinnen und Ecuadorianer. Solange kein exakter Termin mit Uhrzeit vereinbart wird, findet nichts statt. Wenn es dann tatsächlich so weit ist, muss natürlich mit Verspätung gerechnet werden. Anfangs war das schon ziemlich schwierig und mit viel Nervenaufreiben und Warten verbunden, doch langsam beginne ich, die Vorteile darin zu sehen.

Spontaneität ist mir sehr wichtig, und in einem Land, in welchem das Unvorhersehbare zur Tagesordnung gehört, ist das eine Eigenschaft, welche unverzichtbar ist. Dinge, welche mich in der Schweiz nerven würden, sind nun alltäglich und so schnell bringt mich nichts mehr aus der Ruhe. Ich habe verschlafen? Kein Problem. Dann bin ich eben zu spät. Solange das nicht jeden Tag vorkommt, sagt auch niemand was. Es gibt mal wieder kein Wasser in der Wohnung? «Mañana» gibt‘s bestimmt wieder und dann kann ich immer noch abwaschen. Der Bus kommt schon wieder nicht? Macht nichts, so kann ich mir noch ein Eis oder einen Kaffee holen.

Ein Schutzputzer sitzt auf einem kleinen Stuhl. Links von ihm auf einem erhöhten Stuhl sitzt ein Kunde, der die Zeitung liest und sich die Schuhe putzen lässt.

Zeit wird hier wenig Bedeutung geschenkt, denn sie ist nur ein Konstrukt, welches die Menschen davon abhält, den Moment zu geniessen. So habe ich gelernt, mich einfach treiben zu lassen. Keine Pläne sind die besten Pläne. Denn schmiedet man welche, kommt bestimmt etwas dazwischen und man wird enttäuscht. Läuft etwas schief, wird sich das schon zum Guten wenden. Und ist es trotzdem nicht so, wieso sich darüber aufregen? Das kostet nur Nerven und ändern kann man es ja sowieso nicht.

«Mañana» bedeutet für mich Gelassenheit. Und auch wenn ich die schweizerische Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sehr schätze, können wir uns alle eine Scheibe der «mañana-Kultur» abschneiden. Nicht im Sinne der Unzuverlässigkeit, sondern bezogen auf die Gelassenheit. Die Dinge so nehmen wie sie sind, improvisieren und sich nicht von Banalitäten aus der Ruhe bringen lassen.

Das war’s für Heute, «mañana» werde ich dann weiterschreiben.