Dominique Melissa Rieser berichtet von ihrem Auslandpraktikum in Windhoek, Namibia.

Namibias Hauptstadt Windhoek macht auf den ersten Blick einen sehr modernen Eindruck. Der Schein trügt, denn die Mehrheit der Bevölkerung lebt im Township «Katutura». Obwohl ich auch dort arbeite, hat sich mir letzte Woche nochmals ein ganz neuer Blickwinkel auf mein geliebtes Windhoek eröffnet und mich sehr nachdenklich gestimmt. Aber nun von vorne.

Eine weite Fläche voll mit Wellblechhütten und Abfallbergen.

Wenn man in Windhoek nicht zu den glücklichen Besitzern eines Autos gehört, sind Taxis die gängigen Verkehrsmittel um von A nach B zu kommen. Da es in der morgendlichen Hektik schwierig ist, ein Taxi vom Stadtzentrum ins Township zu kriegen, haben meine Mitbewohner und ich einen Taxifahrer, welcher uns jeden Tag zur Arbeit und wieder zurückfährt (seinen eigenen Fahrer zu haben klingt etwas dekadent, ist hier aber notwendig). Mathew ist echt ein toller Typ und immer gut drauf.

Ich wollte unbedingt das Township erkunden und habe Mathew daher gefragt, ob er mich rumführen würde, da er selbst in Katutura wohnt und sich bestens auskennt. Mathew zeigte mir die verschiedenen «Stadtteile» des Townships. Ich kannte bisher nur die «Neighbourhood», in welcher ich arbeite. Nicht mal fünf Minuten später gab es keine Teerstrasse mehr, sondern nur noch Schotterwege. Taxis verkehren nur bis zum Ende der Teerstrassen, d.h. die Menschen Katuturas müssen mehrere Kilometer zu Fuss zurücklegen, um ihr Shack (Wellblechhütte) zu erreichen.

Mathew erklärte mir, dass die Menschen hier kein fliessendes Wasser und keinen Strom haben. Alle paar hundert Meter gibt es eine öffentliche Toilette, bei welcher man sich in der Regel in einer langen Schlange anstellen muss. Dasselbe gilt für Wasser. Duschen gibt es keine, deshalb hängen die Menschen hier Tücher über Wäscheleinen und duschen mit Kanistern, welche sie zuvor an den öffentlichen Wasserstellen aufgefüllt haben. Lampen oder Glühbirnen gibt es nicht und jetzt wo es bereits um 18:00 Uhr dunkel ist, sind die Nächte sehr lang. Nach Einbruch der Dunkelheit sollte man sein Shack nicht mehr verlassen. Es vergeht keine Nacht, in der keine Schüsse fallen.

Wellblechhütte in Namibia. Vordran hängen Wäscheleinen mit Kleidungsstücken.

Mathew fragte mich, ob ich gerne sein Shack sehen möchte und so fuhren wir noch tiefer ins Township hinein. Es hat mich sehr berührt zu sehen, wie Mathew mit seinem Neffen und dessen hochschwangeren Frau wohnt. Sein Shack ist nicht grösser als 4 x 4m. Er erklärte mir stolz, wie er es selber aufgebaut hat und wie wichtig es ist, das Shack winter- und wetterfest zu machen. Materialien müssen selber beschaffen werden.

Alle Shacks sind illegal, da sie auf dem Boden der Regierung stehen. Deswegen müssen die Menschen in Katutura ihre Wellblechhütten auch nachts aufbauen, da tagsüber die Polizei patrouilliert und die Shacks wieder abreisst. Es gehört zur Tagesordnung, dass die Regierung Shacks abreissen lässt. Für mich ist das total unverständlich und unmenschlich. Diese Menschen haben so wenig und dann reisst man ihnen ihr zu Hause ab! Mathew erklärte mir, dass die Regierung nicht möchte, dass Touristen auf das Elend aufmerksam gemacht werden. Deshalb wird geschaut, dass das Township weitab vom Stadtzentrum oder der Autobahn Richtung Flughafen bleibt und sich nicht weiter ausweitet.

Afrikanische Kinder und Erwachsene stehen vor Wellblechhütten unter einem riesigen Baum.

Ich glaube Mathew hat gemerkt, dass mich diese Eindrücke echt mitgenommen haben und meinte dann nur lächelnd «You know life is tough my sista but we are happy» und ich musste ihm zustimmen. Ich habe noch nie so viele freundliche, lachende und zufriedene Menschen gesehen. Ich denke wir können uns alle eine Scheibe von der Lebenseinstellung der Menschen in Katutura abschneiden und uns im ganzen Alltagsstress einen Moment Zeit nehmen, um dankbar für das zu sein, was wir haben und uns nicht immer nur über das beklagen, was uns fehlt!