Simone Müller, Bachelorstudentin der ZHAW Soziale Arbeit, berichtet von der Studienreise nach Indien.

Am zweiten Samstag unseres Seminars stehen zwei Institutionen auf dem Plan: die Einrichtung Samarthanam Trust für körperlich und geistig Beeinträchtigte, welche ebenfalls einen Shelter für Frauen und Kinder anbietet, sowie das St. John’s Medical College Hospital.

Gang eines Spitals. Zwei Ärzte laufen im Gang, drei Patienten sitzen auf der rechten Seite des Ganges und warten.

Während wir im Samarthanam Trust nach einem kurzen Vortrag durch die Einrichtungen der körperlich und geistig Beeinträchtigten und durch die Schlafräume der Notunterkunft der Frauen und Kinder geführt werden, erleben wir im St. John’s Medical College Hospital hautnah eine Einlieferung in den Emergency Room. Auch die anschliessende Besichtigung der Notaufnahme und der Dialyse-Abteilung scheint die Ärztinnen und Ärzte, die Pflegefachleute und die darin behandelten Patientinnen und Patienten nur wenig zu stören.

Dieses Phänomen fällt uns Studierenden nicht erst bei diesen beiden Besuchen auf – seit einigen Tagen bemerken wir, dass wir in verschiedenen Institutionen und Dörfern durch teils sehr persönliche Privatbereiche geführt werden. Bemerkungen wie «das ist ja wie im Zoo» fallen immer wieder, denn auf uns wirken diese privaten Einblicke eher ungewohnt, teilweise auch sehr unangenehm. Besonders die für uns sehr spezielle Notfallaufnahme- und Dialyse-Situation im Spital scheint einige der Studenten an ihre Grenzen zu treiben. Betreten schauen die einen zu Boden, die anderen treten aus dem Behandlungsraum und warten davor auf die Rückkehr der Gruppe.

In den meisten europäischen Ländern spielt die Privatsphäre der Menschen eine grosse Rolle, in Indien scheint dieser Begriff jedoch eher unbekannt zu sein. Ob dieser Umstand nun verbesserungswürdig ist, ob er schlicht zur indischen Kultur gehört, ob es die Patientinnen und Patienten, Klientinnen und Klienten oder Privatpersonen überhaupt stört oder nicht – wir wissen es nicht. Ganz klar ist es für uns aber spannend, eine Welt kennen zu lernen, die diesbezüglich komplett fern ist von unserer eigenen.