Nadine Dinkelacker berichtet von ihrem Austauschsemester in Kopenhagen.

SWUA – diese vier Buchstaben stehen für Social Work in Urban Areas. Diesen Kurs besuche ich hier in Kopenhagen mit 23 anderen StudentInnen hauptsächlich aus Nordeuropa und dem Gastgeberland Dänemark. Der Kurs wurde in Zusammenarbeit von Belgien, Dänemark, Holland, Deutschland und Finnland entwickelt und findet in den kommenden Jahren jeweils in einer der Hauptstädte dieser Länder statt.

Wir Studierenden haben die grosse Ehre, an der Erstdurchführung dieses Jahr teilnehmen zu dürfen. SWUA kann man sich als ein grosses Modul vorstellen, welches sich aus sechs «Loops» mit unterschiedlichem Schwerpunkt zusammenstellt. Globalisierung, Menschenrechte, Gender und Superdiversity sind einige der Themen, welche wir bis zu den Weihnachtsferien behandeln werden.

Jede Woche beinhaltet «field visits» in verschiedenen Stadtteilen. Das heisst vor allem Beobachten und, wie es unsere Dozentin aus Dänemark gerne nennt, sich im «Thinking outside the box» zu versuchen. Ein grosses Ziel ist es, verschiedene Forschungsmethoden praktisch anzuwenden und mit all unseren Sinnen wahrzunehmen, was um uns herum geschieht und diese «field notes» anschliessend in einer Portfolioarbeit zu reflektieren.

Auf einem «poverty walk» wurde uns ungefiltert vor Augen geführt, was es heisst, in Kopenhagen drogenabhängig zu sein und wie ein sehr liberaler Umgang mit Drogen und Prostitution aussehen kann. Martin, ein ehemaliger Drogenabhängiger, führte uns zu den Plätzen seiner Vergangenheit und erzählte Geschichten aus seinem Leben als Abhängiger. Er führte uns durch die von Kontrasten geprägte Ausgangsmeile Istedgade im Stadtteil Vesterbro. Hier leben Familien neben Stripclubs, Touristen spazieren auf der einen Seite und Prostituierte arbeiten auf der anderen Seite.

Obdachlose stehen unter einer Brücke. Daneben stehen Velos und es liegt viel Abfall herum.
Hier befindet sich auch die grösste betreute Drogenabgabestelle Europas. Vor dem Gebäude stehen ein Dutzend Personen, fast ausschliesslich Männer mittleren Alters. Sie warten auf einen Platz in einem der von medizinischem Personal überwachten Konsumräume, um sich ihre tägliche Dosis in sterilem Umfeld zu spritzen. Einige Meter weiter treffen wir auf zwei Männer. Der Ältere ist kurz vor einem Zusammenbruch, während der Jüngere ihm dabei hilft, wieder aufzustehen und die Spritzen, die aus seiner Tasche gefallen sind, wieder einzusammeln.

Kopenhagen ist eine wunderschöne, moderne Stadt mit stolzen Gebäuden und Türmen, viel Kultur, Meer, Strand und reichen, chic gekleideten Menschen. Die Drogenszene, obdachlose Menschen und die arbeitslosen Einwanderer aus Grönland erscheinen wie eine Parallelwelt, die so gar nicht zu meinem Bild vom glitzernden Kopenhagen passt. Dieser extreme Gegensatz und der weltoffene Umgang der Dänen mit sozialen Problemen, macht die Auseinanderesetzung mit Urban Studies zu einem faszinierenden Erlebnis.