Bachelorstudentin Manuela berichtet von ihrem Praktikum in Ecuador.

Wer mit dem Bus zur Arbeit fährt, kann Körperkontakt kaum vermeiden. Das scheint niemanden zu stören. Man steht und sitzt sehr eng nebeneinander. Ich habe mich daran gewöhnt, auch dass man von wildfremden Leuten mit einem Kuss auf die Wange begrüsst wird. In der Altersresidenz Punchanaya Kan ist Körperkontakt ebenso alltäglich. Während der Arbeit werden die Bewohner und Bewohnerinnen geküsst und umarmt. Der Umgang ist herzlich und familiär, keine Spur von Aggressionen der Personen mit Alzheimer.

Um einen Vergleich mit anderen Institutionen zu erhalten, darf ich jeweils am Montag die Aktivierungstherapeutin von Punchanaya Kan in ein anderes Altersheim begleiten. Im Gegensatz zu Punchanaya Kan, wo inzwischen nur noch fünf Personen leben, sind es dort etwa 50. Der Unterschied der Betreuung für alte Menschen könnte nicht grösser sein. Eine 94-jährige Bewohnerin, die geistig und körperlich aussergewöhnlich fit ist, beklagte sich über die schlechte Behandlung. Ich muss ihr recht geben. Die unsanfte Art, wie Pflegebedürftige in den Rollstuhl gesetzt werden, hat mich schockiert und bis jetzt habe ich dort noch keine einfühlsame Pflegerin erlebt. Nachdem ich miterlebte, wie eine Frau beinahe gestorben wäre, erfuhr ich, dass keine der anwesenden Betreuerinnen eine Ausbildung in erster Hilfe hatte.

Es muss allerdings erwähnt werden, dass das Pflegepersonal in diesem Altersheim umgerechnet CHF 380.— monatlich verdient, was dem Basislohn von Ecuador entspricht. Und das bei einem Arbeitspensum von sechs Tagen pro Woche à acht Stunden! Verständlich, dass es da an Professionalität mangelt.

Von den etwa 50 Bewohnern und Bewohnerinnen ist nur ein Teil pflegebedürftig. Auch Personen mit Alzheimer wohnen dort, sie erhalten aber keine spezielle Betreuung. Im Gegenteil, wer starken Bewegungsdrang hat – ein typisches Symptom für Alzheimer – wird an den Rollstuhl gebunden.

Wie gut, dass ich im Punchanaya Kan mein Praktikum absolvieren kann. Diese Wohnmöglichkeit kann sich aber nur eine Minderheit leisten. So erstaunt es nicht, dass pflegebedürftige Eltern hauptsächlich zu Hause von Töchtern oder einer Haushaltshilfe betreut werden. Diese kostet pro Tag ungefähr 20 Franken, inklusive Pflege, Kochen und Putzen.  Ausserdem sind die Menschen hier sehr familienverbunden und religiös geprägt. Es wird von den Töchtern erwartet, dass sie sich um ihre Eltern kümmern und daheim pflegen. Diese zwei Gründe stellen eine grosse Herausforderung an den Fortbestand von Punchanaya Kan.