Serafina Schelker und Renate Stohler, Mitarbeiterinnen des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie der ZHAW Soziale Arbeit, berichten von ihrer Austauschwoche zum Thema «Soziale Arbeit im Kontext Schule» aus Boston.

Boston, Massachusetts – eine amerikanische Stadt mit europäischen Wurzeln und rund sechshunderttausend Einwohner. Heimat der renommierten Ausbildungs- und Forschungsinstitutionen Harvard University und Massachusetts Institute of Technology (MIT). Zudem Heimat von weit über 11’000 obdachlosen Erwachsenen und Familien mit schulpflichtigen Kindern – Tendenz steigend.

Das Thema Obdachlosigkeit begegnete uns während unserer der Austauschwoche zum Thema «Soziale Arbeit im Kontext Schule» im Rahmen von Swissnex in Boston immer wieder. So bringt z.B. die Youth Transition Task Force seit über 10 Jahren verschiedene Akteure der öffentlichen Schulen, der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft an einen Tisch. Ziel der Initiative ist, erfolgversprechende Wege zu finden, wie Jugendliche ihren High-School-Schulabschluss erreichen und den Übergang in die Arbeitswelt oder die höheren Bildungsinstitutionen bewältigen können.

Obdachlosigkeit ist ein Risikofaktor für einen frühzeitigen Schulabbruch. Häufig wechselnde Aufenthalte in verschiedenen Notunterkünften, im Auto oder in Wohnungen von Bekannten in verschiedenen Bezirken, erschweren einen regelmässigen Schulbesuch. Nebst dem permanent hohen Stresserleben, den physischen und psychosozialen Belastungen führt Obdachlosigkeit innert kurzer Zeit dazu, dass Kinder und Jugendliche den Schulstoff nicht mehr bewältigen können. Die Bildungschancen sinken damit rapide.

Das «Project Hope» setzt auf die Aktivierung lokaler Ressourcen, um bezahlbaren Wohnraum für Familien in der Nachbarschaft zu finden. Die Mitarbeitenden arbeiten dabei eng mit der Schulsozialarbeit in öffentlichen Schulen zusammen, um obdachlose Familien zu identifizieren mit dem Ziel, sie in das Projekt aufnehmen zu können.

Sich als obdachlos zu erkennen zu geben, ist jedoch meist mit viel Scham verbunden – insbesondere für Kinder und Jugendliche. Zur Scham gesellt sich gemäss Sozialarbeitenden des «Boston Health Care for the Homeless Program» die Erfahrung von Verlust, welche Kinder bewältigen müssen: Verlust der gewohnten Umgebung und Bezugspersonen, von vertrauten Gegenständen und von Sicherheit. Zudem verlieren die Elternihre Autonomie. Umgeben von verschiedensten Fachpersonen leben sie in den Notunterkünften «like in a fishbowl» – ihr Alltag, ihr Kommen und Gehen und ihr Erziehungsverhalten steht unter ständiger Beobachtung.

Die Fragen, wie wir Menschen in Belastungssituationen ein möglichst hohes Mass an Autonomie gewähren können und wie eine an sich reiche Gesellschaft mit Armut umgeht, beschäftigen die Soziale Arbeit in Boston und Zürich offensichtlich gleichermassen.