Bachelorstudentin Raphaela berichtet aus ihrem Auslandsemester in Groningen.

Ein Semester dauert bekanntlich fünf Monate. Fünf, eine Zahl die meinen Aufenthalt im wunderschönen Groningen zeitlich begrenzt. Das Wissen um diese Begrenzung beeinflusste mich. Viel Erlebtes wurde umso wertvoller. Fremde wurden zu Freunden und mehr noch: zu einer Art Familie. Viele Brücken zu anderen Kulturen und Menschen wurden geschlagen. Doch plötzlich war das Ende meines Semesters in Groningen da. Auf einmal musste ich meine Sachen packen, all den wunderbaren Menschen ade sagen und mich in den Zug setzen, der mich wieder zurück in die Schweiz brachte.

Dankbarkeit durchfliesst mich noch stets. Dankbarkeit für die vielen inspirierenden Gespräche, die abertausenden Lacher, das gemeinsame Fahrradfahren, die Spielabende & Comedynights, die gratis Live-Musik, die universitären Vorträge und das zusammen Kaffee & Bier trinken. Die Liste wäre noch viel länger. Soviel habe ich erlebt und doch so wenig. Zu viel Zeit in der Bibliothek verbracht; die war schliesslich eine Zeit lang mein zweites Zuhause. Aber hey: in den Niederlanden schreibt man halt viele einzelne Aufträge und nicht, wie an der ZHAW, ein paar wenige. Für eine Perfektionistin wie mich, kann das ziemlich schwierig werden.

Immerhin war die Bibliothek nur vier Fahrrad-Minuten entfernt, was vieles erleichterte. Mein holländisches Fahrrad vermisse ich jetzt schon. Fahrradfahren in den Niederlanden geht immer irgendwie. Mit Rucksack oder Koffer. Bei Regen, Wind, Sonne und sogar im Schnee. Ein gemeinsamer Ausflug mit der Klasse für einen Einblick in die Schulsozialarbeit, die Teilnahme am Internationalen Tag der Kinderrechte oder eine Street-Art Tour durch die Stadt – alles mit dem Fahrrad.

Nur für den Besuch einer forensischen Klinik benötigten wir zwei Minivans. Doch die Autofahrt lohnte sich, denn der Einblick in die forensische Klinik war höchst interessant. Dies deshalb, weil wir „tausend“ Fragen an einen Patienten stellen konnten. Er erzählte von seinem Leben, seinem delinquenten Verhalten und seinem persönlichen Prozess im Rahmen der Behandlung. Aussergewöhnlich war auch die Biografie des Mitarbeitenden, der uns den Besuch in der forensischen Klinik erst ermöglichte. Tom (Name geändert) war früher selber straffällig und wurde Jahre zuvor als Patient in derselben Klinik behandelt. Nun nutzt er seine Erfahrungen im Rahmen einer neuartigen Ausbildung auf Bachelorstufe. Er weiss wie eine straffällige Person denkt und kennt die Situation vieler Patienten dort. Sorgfältig und professionell eingesetzt, bewirkt seine Arbeit viel. Patienten öffnen sich schneller, weil Tom ihr Brückenbauer ist. Dies setzte jedoch einen starken Wandel der Persönlichkeit und ein hohes Reflexionsvermögen voraus. Daher gibt es bisher nur sieben Personen in den Niederlanden mit einer solchen Spezial-Ausbildung.

Wie betroffene Menschen auf diese Weise als Brückenbauer im professionellen Kontext eingebunden werden, beeindruckte mich. Auch eine armutsbetroffene Frau hielt bei uns an der Schule einen Vortrag über ihre Zusammenarbeit mit universitären Soziologen. Sie wird nun im Rahmen einer speziellen Ausbildung weiter geschult, damit sie ihre Erfahrungen effektiv nutzen kann, um  anderen Armutsbetroffenen helfen zu können.

Die Frage, ob es solche innovative Ausbildungsangebote in der Schweiz gibt, beschäftigt mich bis heute. Leider habe ich bis anhin aber noch keine Antwort darauf gefunden. Mein persönlicher Rucksack ist, dank meinem Auslandsemester, gefüllt mit vielen Fragen und inspirierenden Gedanken zur sozialen Arbeit und neuen, auf der ganzen Welt verteilten Freundschaften. Die soziale Arbeit baut jeden Tag Brücken. Brücken, die Vertrauen, Empathie und Respekt vermitteln. Es braucht sie auf der ganzen Welt.