Bachelorstudent Matthieu aus Berlin berichtet von seinem Auslandpraktikum in der offenen Kinder- und Jugendhilfe in Zürich und von seinem Auslandssemester an der ZHAW.

Wir befinden uns in einer Krise. Ihr denkt jetzt, dass ich die Corona-Krise meine, doch da liegt ihr falsch bzw. nicht ganz richtig. Momentan bin ich in den letzten Zügen meines Praktikums im Jugendtreff in Winterthur. Ich möchte euch erzählen, wieso wir uns als Treff nicht nur in einer Corona-Krise befinden.

Diese Krise, die auch Reibungsfläche genannt werden könnte, bahnte sich seit längerer Zeit bei den Jugendlichen an. In der Hälfte meines Praktikums wandelten sich die TreffbesucherInnen. Es kam fortan ein Schwung neuer BesucherInnen, welche sich noch nicht mit dem Treff und denen in ihm enthaltenen Materialien identifizieren bzw. diese respektieren konnten.

Die neuen Jugendlichen hatten einen anderen Bezug zu uns als pädagogische Fachkräfte und zu den Räumlichkeiten. Wir wurden bis aufs äußerste getestet und gefordert. Die Räume im Treff wurden unerlaubt betreten, es wurde in kleinem Maßstab gestohlen und wir, die pädagogischen Fachkräfte, wurden sehr respektlos behandelt.

Wir Mitarbeitenden spielen da natürlich auch eine Rolle – wie wir als Team im Treff auftreten und welche Haltung wir den Jugendlichen gegenüber einnehmen. Unsere Haltung haben wir lang und breit diskutiert, wir haben unsere Rolle hinterfragt und sind in die fachlichen Tiefen unserer Profession eingedrungen.

Am Ende wurde uns ein weiterer, wichtiger Aspekt bewusst: Wir bilden mit den Jugendlichen im Treff die Gesellschaft ab – was so viel bedeutet wie, dass den Jugendlichen dort ein experimentelles Lernumfeld geboten wird, wo sie Grenzen austesten und Konsequenzen erfahren.

Bei der unverbindlichen Arbeit mit Jugendlichen scheut man, meiner Meinung nach, zu oft davor zurück, Konsequenzen auszusprechen, aus Angst vor Beziehungsverlust. Dass aus jener Reibungsfläche jedoch eine tiefere Bindung entstehen kann, ist einem in dem Moment nicht bewusst.

Als Konsequenz schlossen wir für ein paar Wochen den Treff, elaborierten mit den Jugendlichen zusammen den weiteren Verlauf und boten ihnen die Chance, partizipativ ihre Vorstellungen einzubringen und ihr Handeln zu hinterfragen.

Leider kam uns dann «Corona» in die Quere. Der Treff blieb folglich geschlossen und die Gespräche mit den Jugendlichen wurden ausgesetzt. Diese Zeit ist für die Jugendlichen und alle anderen Menschen sehr aufwühlend. Ich bin gespannt, wie die Jugendlichen nach der Wiedereröffnung eingestellt sein werden. Jedoch bin ich dann leider nicht mehr im Praktikum, um dies zu beobachten.

Abschließend kann ich sagen, dass mich das Praktikum persönlich sehr bereichert hat. Ich konnte in einem fachlichen Rahmen meine Haltung und mein Professionsverständnis reflektieren und mich beruflich weiterbilden.