Gastbeitrag: Willst du auch Stadtentwicklung mitgestalten?

«Verdichten in der Stadt!» Dieses neue Motto der Stadt Bern führt in Zukunft zu verschiedenen raumplanerischen Baumassnahmen auf dem Stadtgebiet. Das Volk durfte darüber in drei Abstimmungsvorlagen abstimmen, alle wurden angenommen. Die Antwort ist klar: Die Stadtbewohner wollen ihren ungenutzten Raum, meist Gewerbezone, verdichten, beispielsweise mit Mehrfamilienhäusern.

Bei den Vorlagen wurden folgende Vorteile genannt: Schaffung von mehr Wohnraum in Stadtnähe, somit Pendelströme verringern und energieeffizientes Bauen. Durch das insistieren der Anwohner bei den Planungsarbeiten eines Projekts wurde ein Anteil von 30% Genossenschaftswohnungen in die Vorlage aufgenommen. Auch muss ein Teil Freifläche gewährleistet sein. Diese Aspekte gaben den Abstimmungsvorlagen eine nachhaltige Nuance, wie die Formulierung «2‘000 Watt Gesellschaft». Daneben wurde auch damit geworben, dass man damit endliche eine Massnahme gegen die steigenden Mietkosten in der Stadt gefunden habe. Diese Argumente leuchten ein, wenn man das Hier und Jetzt betrachtet.

Wenn ich jedoch auf die konkrete Umsetzung in der Zukunft blicke, überzeugen mich diese Aspekte nicht wirklich, denn für mich fehlte das stärkste Argument einer nachhaltigen Stadtentwicklung: «Schaffung günstigen Wohnraums».

Ich stellt mir folgende zwei Fragen: Für welche Personen sind diese Wohnmöglichkeiten gedacht? Welche Menschen in der Stadt benötigen wirklich Wohnraum? Dabei war mein Fazit: Diese Wohnungen werden nach dem Neubau nicht im Preissegment erschwinglich sein, wie ich, oder jemand anderes mit niederem Einkommen, sie sich leisten kann. Die Zielgruppe sind insbesondere Leute, die sich Luxus gewohnt sind und dafür auch gerne mehr bezahlen. Durch den Bau dieser Projekte entsteht ein Ungleichgewicht. Es wird nicht das versprochene Ziel damit erreicht. Ich bin der Meinung, dass durch diese Massnahme nicht mehr bezahlbaren Wohnraum für Berufstätige in der Stadt Bern zur Verfügung stehen wird. Die Stadt wollte eigentlich das Ziel anstreben, gerade dieser Gruppe von Leuten mehr Lebensqualität zu garantieren, zum Beispiel indem man ihnen eine finanzielle Ersparnis ermöglicht mit dem Wohnort nahe dem Zentrum.

Heutzutage ist der Trend eher fort vom Einfamilienhaus und hin zur Wohnung im Mehrfamilienhaus. Besonders ältere Menschen wollen im Alter in der Stadt wohnen um mehr vom Stadttreiben zu profitieren. Dies verursacht erhöhte Mietzinse, weil bei jedem Mietwechsel die Immobilienfirmen die Miete zum nächsten Mieter erhöhen können. Eine Folge ist der Wegzug von Vielen aus dem unteren Mittelstand. Diese Entwicklung bewirkt erst recht keine «nachhaltige» Stadtentwicklung.

Mein Vorschlag wäre mehr Genossenschaftswohnungen in der Stadt Bern zu bauen, ein Beispiel ist das Projekt Warmbächli. Mein Zielpublikum für diese Wohnweise wären Familien mit Kinder, Studenten, IV- und AHV-Bezüger sowie andere Leute, die darauf angewiesen sind in der Stadt zu wohnen. Auch könnte man sich überlegen, wie sich experimentelles Wohnen in einem Gebiet auf das Stadtleben auswirkt. Leider existieren für diese Wohnformen gar keine rechtlichen Grundlagen, so zu leben ist heute meist etwas Illegales. Gerade heute, da alle auf der Suche nach ressourcenschonenden Lösungen sind, ist es wichtig, dieser Möglichkeit des Wohnens eine Chance zu geben.

Wädenswil, 3. November 2016
Laura Ryser, ZHAW Bachelorstudiengang Umweltingenieurwesen 15

2 Gedanken zu „Gastbeitrag: Willst du auch Stadtentwicklung mitgestalten?

  1. Liebe Laura

    Du schreibst mir „aus dem Herzen“! Die beiden Fragen, die Du Dir am Anfang gestellt hast, gefallen mir und eröffnen die grundsätzlichen Themen, mit denen Du Dich auseinandergesetzt hast. Sabine und ich sind ja gerade auch am Suchen einer neuen Wohnmöglichkeit – und so eine Genossenschaftswohnung mit ganz durchmischten MieterInnen ist auch eine tolle Möglichkeit. Wobei, wie Du sagst, die Schaffung von neuem Wohnraum meistens nicht für den unteren Mittelstand geplant ist, sondern was kostet und eher für den „normalen“ bzw. etwas höheren Mittelstand geplant wird – im besten Fall.

    Ganz herzlich
    Pi

  2. Hallo Laura
    Du hast in deinem Beitrag erwähnt, dass die Schaffung bezahlbaren Wohnraums und die Gewährleistung von Freiflächen starke Argumente einer nachhaltigen Stadtentwicklung sind. Ich bin da auch deiner Meinung und habe mir nach der heutigen Vorlesung „Städte und Agglomerationen“ noch ein paar Gedanken gemacht.
    Wir haben ja heute über die Europaallee – als Beispiel einer Innenentwicklung durch die Umnutzung von Brachflächen – gesprochen und die positiven und negativen Auswirkungen diskutiert. Ein Kritikpunkt war, dass die Eigenheit der an die Europaallee angrenzenden Langstrasse verloren gehen könnte. Noch sind dort kleinere Geschäfte eingemietet, es hat einen eigenen Charakter und ist sehr heterogen. Die Langstrasse ist als öffentlichen Freiraum auch einen sehr wichtigen Begegnungsort. Aber für wie lange noch? Die Entwicklung sieht so aus, dass sich immer mehr teurere Design-Läden einmieten, alte Bauten/Wohnungen renoviert werden, Mieten steigen wegen der attraktiven Wohnlage… Weniger zahlungskräftige, oft auch ältere Leute und MigrantInnen müssen weichen (Gentrifizierung). Die Europaallee ist natürlich nicht der einzige Antreiber dafür, könnte diesen Prozess aber beschleunigen.
    In anderen Städten Europas sind ähnliche solche Tendenzen zu beobachten, wie zum Beispiel in Berlin (Neukölln, Kreuzberg…), die früher als „gefährliche Ghettos“ bezeichnet wurden und wo heute KünstlerInnen und Alternativszenen eingezogen sind, Galerien und Cafés eröffneten und somit zu einem Imagewandel der Viertel beigetragen haben.
    Auch möchte ich das Selve-Areal in Thun, ehemaliges Industriearal mit Metallwerken, das einst tausende Arbeitende beschäftigte und eine eindrückliche Industriegeschichte hinter sich hat, erwähnen. Nach der Einstellung der Produktionen entstand eine Zwischennutzung; das Selve-Areal zog bis 2008 viele Menschen aus Thun und der Umgebung mit seinem Nacht- und Barleben an, bot auch hier einen Begegnungs- und „Austobungsort“. Heute steht dort ein neues und urbanes Trendwohngebiet. Es hat nichts mehr damit zu tun wie es früher war, die Bürogebäude und Wohnbauten könnten auch an einem anderen Ort stehen, sie sind auswechselbar. Auch gibt es in Thun kaum ein Nachtleben mehr.
    Unsere Städte werden immer mehr für kaufkräftige Menschen geplant.
    Wie wir auch im Film gesehen haben, sind öffentliche Räume in der Stadt unerlässlich, denn sie verschaffen Identität, sind Bewältigungs-/Rückzugsorte und Orte für Begegnung, Diskussionen und sozialem Austausch von verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Bei Umnutzungen oder Innenverdichtungsprojekten soll diesen in Zukunft unbedingt besondere Wichtigkeit beigemessen werden.

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